"Inferno" von Peter Weiss

Kino Das absurde Theater kehrt zurück: Ein Frau im kurzen Abendkleid stülpt sich eine Heinzelmännchenmaske über, eine andere mit Leopardenjäckchen setzt ...

Das absurde Theater kehrt zurück: Ein Frau im kurzen Abendkleid stülpt sich eine Heinzelmännchenmaske über, eine andere mit Leopardenjäckchen setzt sich indianischen Federschmuck auf, ein Dandy schlüpft in ein Abendkleid. Die Party-Gesellschaft, die eben noch den aus dem Exil heimgekehrten Schriftsteller verhöhnt hat, führt autistisch sinnlose Bewegungen aus, eine absurde Gymnastik, die an Bildschöpfungen von Pieter Bruegel d.Ä. erinnern. Dieses bewegte Tableau kommt unerwartet und gehört zu den stärksten Momenten des Abends.

Um es vorweg zu sagen: Die Uraufführung des Schauspiels Inferno im Badischen Staatstheater ist in erster Linie eine Hommage an Peter Weiss und entwickelt sich darüber in eine Reflexion der Spaßgesellschaft heute. Sie ist eine Verbeugung vor einem Protagonisten des politischen Theaters der sechziger Jahre und eine späte Wiedergutmachung; als das Werk 1964 nach zahllosen Anläufen fertig war, kam es nicht zur Publikation, obwohl Weiss, der in Stockholm lebte, im Suhrkamp-Verlag einen wohlwollenden Partner hinter sich wusste. Doch die Vorwürfe, die Weiss mit seinem Stück erhob, waren schwerwiegend: "Inferno ist das Deutschland von heute (...) die Verbrecher an der Macht, die Mörder von damals an den Schaltwerken der modernen Wirtschaft, Industrie, Kultur."

Vierzig Jahre später sitzen die Angeklagten nicht mehr im Publikum. 2003 wurde das Stück bei Suhrkamp veröffentlicht. Aber mit Ausnahme einer Opernfassung von Johannes Kalitzke, die ihr Debüt in Bremen feierte, blieb das Werk unbeachtet. Thomas Krupa nahm sich des komplexen Stoffes an und inszenierte die versäumte Abrechung mit der verborgenen Schuld der Deutschen. Während Peter Weiss in dem gefeierten Stück Die Ermittlung das Tribunal der unmittelbar Beteiligten der Frankfurter Auschwitzprozesse zu einem grausamen Dokumentationstheater verdichtete, arbeitete er sich mit Inferno an seiner eigenen Geschichte ab.

Für diese Reise in die eigene Vergangenheit suchte sich der Schriftsteller einen historischen Gewährsmann, den Exilanten Dante Alighieri, der Beginn des 14. Jahrhunderts sein Hauptwerk, die Divina Commedia, schuf. Dieses Opus wurde Weiss zum Vorbild einer geplanten, aber nie ganz realisierten Trilogie aus Inferno, Purgatorium und Paradiso.

Peter Weiss selbst blieb verschont von den Strapazen der Verfolgung. 1934 emigrierte die Familien zunächst nach London, dann nach Stockholm, wo der Vater, der jüdischer Abstammung war, seine Geschäfte weiterführte. Weiss war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. 1937/38 besuchte er die Kunstakademie in Prag. In Stockholm verfolgte er die Malerei weiter, schrieb aber auch, experimentierte mit Film und interessierte sich für das Theater. Seit 1947 besuchte er wiederholt seine ehemalige Heimatstadt Berlin, wurde aber nicht mehr heimisch. Warum, darüber gibt Inferno Auskunft und auch darüber, wie seine persönliche Geschichte zu einer ästhetischen Konzeption wurde.

Im Theaterstück gerät die Rückkehr des Schriftstellers Dante, der mit allen Ehren empfangen wird, zu einem Alptraum. Nicht nur die geschichtsvergessene Wohlstandsgesellschaft widert ihn an, auch die eigenen Verstrickungen reißen den Dichter hinab in einen Strudel grausamer Visionen. Zuweilen nimmt man dem smart wirkenden Sebastian Kreutz den zerrissenen Dante nicht ab, der sich wie ein Marionette von Vergil durch diese "Hölle" führen lassen muss. Stefan Viering als Vergil hingegen gibt souverän und voller differenzierter Untertöne den Pragmatiker. Im Sinne von Weiss kommentiert er zuweilen vor der vielfach durch Trennwände zersplitterten Bühne das Geschehen. Sie spiegelt eine Mischung aus deutschen Mief und modernem Wohlstand, die durch die Texte zu groteskem Nebeneinander von Gewalt und Gemütlichkeit gesteigert wird. Die traumartige Montage gewinnt Überzeugungskraft durch die Projektion der in Echtzeit aufgenommen Szenen, die halb verborgen sich vor den Blicken des Publikums ereignen. So lässt sich der historische Stoff der kollektiven Schuld auch als Warnung vor Rassismus und einer komatösen Spaßgesellschaft verstehen, aus der nur einer erwacht: der Künstler. Der Idealist, so könnte das Fazit lauten, hat noch lange nicht ausgedient. Schön wär´s.

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