Steigende Inflationsraten: Panik hilft jetzt auch nicht weiter

Geld Ja, die Preise für Energie und für manche Rohstoffe sind gestiegen. Doch das wird vorübergehen. Vor allem aber gilt: Eine geldpolitische Reaktion wäre kontraproduktiv
Steigende Inflationsraten: Panik hilft jetzt auch nicht weiter
Die Inflation betrifft bis jetzt hohe und niedrige Einkommen ähnlich stark

Foto: Philotheus Nisch

Wie hoch denn noch? Die Inflationsraten steigen derzeit stetig. Sie liegen jetzt merklich höher als noch zu Jahresbeginn erwartet. Mit jedem Anstieg nehmen auch die warnenden Stimmen zu, die vor einer drohenden Inflationsspirale warnen. Dabei zeichnete sich schon Anfang des Jahres ab, dass die Verbraucherpreise allein aufgrund von Basiseffekten in der zweiten Jahreshälfte 2021 kräftiger steigen würden.

Inflationsraten werden immer im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres angegeben. Das bedeutet: Wo die temporäre Mehrwertsteuersenkung das Preisniveau in der zweiten Jahreshälfte 2020 gedrückt hat, kommt derzeit wieder Mehrwertsteuer obendrauf. Allein dieser Effekt trug rund einen Prozentpunkt zum Anstieg der Verbraucherpreise um 4,5 Prozent im Oktober 2021 bei.

Zudem waren die Ölpreise 2020 im Zuge der Coronakrise drastisch gefallen. Mittlerweile sind sie deutlich über das Vorkrisenniveau hinausgeschossen; auch die Gas- und Strompreise haben merklich angezogen. Trotz ihres geringen Gewichts von 10,4 Prozent im Warenkorb, der der Inflationsberechnung zugrunde liegt, trugen die Energiepreise knapp zwei Prozentpunkte zur Inflationsrate bei.

Weitere preistreibende Faktoren sind die gestiegenen Frachtkosten und Lieferengpässe bei wichtigen Vorprodukten für die hiesige Produktion. Schließlich sind wegen krisenbedingter Verwerfungen und klimabedingter Ernteausfälle die internationalen Nahrungsmittelpreise stark angestiegen, was dazu geführt hat, dass sich die Zahl der weltweit hungernden Menschen nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO um mehr als 100 Millionen erhöht hat. In Deutschland schlägt sich der Preisanstieg wegen der geringen Anteile der Nahrungsmittelrohstoffe an den Lebensmittelpreisen und der Lebensmittelpreise am Warenkorb mit 4,4 Prozent einschließlich des Mehrwertsteuereffekts nur abgeschwächt nieder.

Was die sozialen Auswirkungen angeht, so betrifft die Inflation bis jetzt hohe und niedrige Einkommen wahrscheinlich ähnlich stark. Die deutlich stärker gestiegenen Kraftstoffpreise fallen bei Haushalten mit höherem Einkommen stärker ins Gewicht, die weniger stark gestiegenen Preise für Haushaltsenergie wiegen schwerer für Haushalte mit geringerem Einkommen. Allerdings dürften Gas- und Stromnachzahlungen die Haushalte mit geringerem Einkommen 2022 stärker belasten.

Die Frage bei alldem aber ist: Wird die Geldentwertung vorüberziehen oder sich verfestigen und bleiben? Und was wäre im letzteren Fall zu tun? Wenn man bedenkt, dass das Inflationsziel der EZB bei zwei Prozent liegt, so erscheint die für 2021 zu erwartende deutsche Inflationsrate von rund drei Prozent angesichts der zahlreichen Preisschocks wenig besorgniserregend. Zumal die Inflation 2020 bei entgegengerichteten Preisschocks nur 0,5 Prozent betrug.

Die EZB verfehlte ihr Ziel lange

Ob und wie lange die Preisschocks auch noch im kommenden Jahr auf die Inflationsrate wirken, hängt davon ab, ob die Lieferengpässe noch einige Quartale anhalten und die Energiepreise auf ihrem aktuell hohen Niveau verharren. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es sich um Preisschocks handelt, bei denen eine geldpolitische Reaktion nicht nur unnötig wäre, sondern sogar kontraproduktiv.

Denn Preisschocks können zwar Inflation auslösen, wenn sie überhöhte Lohnsteigerungen nach sich ziehen. Aber weder in Deutschland noch im Euroraum zeichnen sich derzeit Lohnabschlüsse ab, die den durch die Zielrate der EZB und den durchschnittlichen Produktivitätsanstieg gesetzten Rahmen überschreiten. Die EZB kann die Energiepreise kaum beeinflussen. Reagierte sie dennoch auf die Preisschocks, würde sie die Inflationsdynamik dämpfen, mit der Folge eines Unterschießens des Inflationsziels, sobald die Preisschocks abklingen. Vor der Coronakrise lag die Inflationsrate im Euroraum nur knapp über einem Prozent, von 2014 bis 2019 gerade mal bei durchschnittlich 0,9 Prozent. Das heißt: Aktuell besteht keine Inflationsgefahr, es ist lediglich die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass das Inflationsziel und die Normalisierung der Geldpolitik etwas früher erreicht werden.

Silke Tober leitet beim IMK, dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung, das Referat Geldpolitik

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06:00 26.11.2021

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