Influencer

A–Z Warum ein Flamingo-Float im Pool besser ist als das Bad in der Bifi-Wanne und wann Influencern Ärger aus Bad Homburg droht: unser Wochenlexikon
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Foto: @Donnaxadrienne/Instagram

A

Authentizität I Es ist ja gar nicht so, als wäre an Influencern irgendetwas unauthentisch, denn was sollte das bitte schön sein? Nein, der Mensch ist in allem, was er tut, in hohem Maße berechenbar, das zeigen politische Meinungsumfragen und Hochrechnungen immer wieder mit beeindruckender Genauigkeit – und was wäre Authentizität denn anderes als Wahrhaftigkeit, nicht zuletzt in der Prognose?

Vor einem Jahr konnte man das sehr schön in einem Video mit dem Titel Influencers of the 21st Century beobachten. Deutschlands einflussreichster Mode-Blog „Dandy Diary“ hatte sich die Mühe gemacht, die Instagram-Profile weiblicher Influencer auf Kohärenzen und Ähnlichkeiten hin zu untersuchen, das Ergebnis war beeindruckend. Als Ausdruck maximaler Individualität und Authentizität fotografierte sich kaum eine einmal nicht auf dem Coachella-Festival, auf einem Flamingo-Float im Pool (Perlen), mit Kaffeetasse in der Hand, mit Avocado-Brot im frisch bezogenen Bett, beim Yoga oder mit lustigem Hund im Arm. Ein wahres Feuerwerk der Authentizität. Nur Neider – und weniger erfolgreiche Influencer – würden das anders sehen. Timon Karl Kaleyta

Authentizität II Influencer blasen die Gefühligkeit ihrer Beiträge oft extrem auf: „Happyness Level 30120901!“, dazu ein Emoji-Patchwork. Jedes noch so schnöde Detail ist „mega“ oder „voll süß“. Influencer nehmen sich dabei sehr wichtig, paradoxerweise macht das ihren Erfolg aus. Denn ihre Follower verwechseln Selbstinszenierung mit Authentizität. Sie ergötzen sich an einem aufregenden Leben, auf das sie einen Blick erhaschen dürfen. Sie wähnen sich der bewunderten Person ganz nah. So entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl wie zu einem großen Geschwister, das ein bisschen cooler, lässiger, beliebter ist als man selbst. Und etwas Glanz fällt dann auch auf die Follower ab. Der Erfolg der Influencer ist die logische Konsequenz in einer zunehmend aus Simulation und Spektakel bestehenden Welt, die unentwegt nach Echtheit und Authentizität giert. Tobias Prüwer

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Blogger Bloggen Sie noch, oder influencen Sie schon? Während man bis vor wenigen Jahren eigene Websites mit Inhalten fütterte, ist das Micro-Blogging auf Plattformen wie Tumblr und Instagram inzwischen wesentlich beliebter. Hier wird der Blogger umworben von Accounts, die einen „Boost“ der Followerzahl versprechen, wie es im Marketingsprech der Betreiber heißt, und von Firmen, die lukrative Deals in Aussicht stellen. „Auch du könntest schon morgen ein Influencer sein!“ Dass Werbeinhalt und persönliche Meinung nicht fein getrennt erscheinen, also keine redaktionellen Standards gelten – wen kümmert’s? Jedenfalls nicht die Leser, wie Umfragen unter Blogkonsumenten belegen.

Aber halt, bei Buchbloggern wünschen wir uns doch die Wahrung gewisser Standards. Buchempfehlungen sollen auf Qualität beruhen und nicht auf Sponsoringdeals mit Verlagen. Natürlich spricht daraus ein großes Maß an Idealisierung der klassischen Buchkritik, die so frei von Beeinflussung auch nicht ist. Schließlich ist man hier mit dem Lektor befreundet oder dort durch unüberwindliche Abneigung mit dem ein oder anderen Autor verbunden. Sollen die Blogger also mal influencen. Der Leser kann ja frei entscheiden, was ihm lieber ist: gesponserte Hochglanzkritik in ästhetischen Instagram-Fotos (Bonnie Strange) oder der gute alte Feuilleton-Verriss. Marlen Hobrack

Bonnie Strange Sie ist vor allem It-Girl, momentan aber auch hochschwanger auf Instagram. 608.000 Menschen verfolgen dort, wie Bonnie Stranges Bauch wächst. Aus den freizügigen Fotos einer schönen Blondine wurden die freizügigen Fotos einer schönen, schwangeren Blondine. Aber diese Kontinuität passt nicht jedem Follower, der einen Kommentar hinterlässt. Manch einer empfindet die Bilder als Provokation, seit die Frau darauf werdende Mutter ist. Damit hat die unveränderte Darstellung eines Körper plötzlich eine feministische Botschaft. Denn Bonnie zeigt, dass Frauen sich nicht ausschließlich in Mütter verwandeln, wenn sie ein Kind bekommen. Marlene Brey

F

Follower Influencer haben keine Fans, sondern Follower. Diese „I like“-Klicker kommentieren die Foto- und Videobeiträge auf Instragram, Snapchat und Youtube mit „OMG“, „nice!“ und Kussmundsmiley. Kann man albern finden, aber Follower sind die Währung im Influencerbusiness, sie bedeuten Werbereichweite. Man braucht also möglichst viele. Fitnessmodel Pamela Reif etwa folgen 3,5 Millionen Fans. Für einen Foto-Post zahlen Unternehmen mehrere tausend Euro. Kein Wunder, dass Influencer auch mit Fake Followern arbeiten. Darin unterscheiden sie sich nicht von anderen Populisten. Tobias Prüwer

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G-Punkt Es gibt Medien, die sehr offen sind, wenn es darum geht, wozu sie anregen sollen. Youtube-Schminkvideos eher nicht (It-Girls). Eigentlich sind sie wie Kochvorführungen auf Wochenmärkten, die unter dem Vorwand, es würden tolle neue Wege aufgezeigt, Äpfel so zu schälen, dass wertvolle Vitamine gleich unter der Schale nicht verloren gehen, einen Sparschäler verticken wollen. Nur dass es um den Puder geht, den ich brauche, um so perfekt wie Dagi Bee zu sein. Pornos schon eher. Das Medium ist die Massage, klar, wozu es anregen soll. Es war aber nur eine Frage der Zeit, bis sich beide Genres die Hand reichen. Also machte sich die Koblenzer Pornodarstellerin Luna Love, die mit der dortigen Kommunalgruppe der „Partei“ auch gegen die AfD kämpft, daran, den Crossover zu verwirklichen. Als Doggi Bi verband sie Schminken mit Sex, wurde 70.000-mal geklickt. Wozu das anregt? Ungewiss. Irgendwas mit Lachen jedenfalls. Mladen Gladić

I

It-Girls Seit 2009 steht der Begriff im Duden und sollte ursprünglich Frauen mit dem „gewissen Etwas“ („It“) bezeichnen. Etwa zu Zeiten Paris Hiltons wandelte sich das: Um prominent zu sein, genügte es, etwas darzustellen.

Heute heißen It-Girls und -Boys Influencer und geben sich größte Mühe, das „gewisse Etwas“ radikal auszumerzen um sich einer herrlich postmodernen, individuellen Gleichartigkeit hinzugeben. Was Dagmara „Dagi Bee“ Ochmanczyk, Bianca „Bibi“ Heinicke und Caroline „Caro_e“ Einhoff auszeichnet, ist, dass sie nach ihrer Schminkroutine nur noch schwer voneinander zu unterscheiden sind. Ihre weniger prominenten männlichen Pendants stehen dem mit ihren Fußballerfrisuren meist in nichts nach. Millionen Zuschauer ziehen mit, möchten ihren Internet-Idolen in jeder Facette ähneln. Wünscht sich da niemand abstürzende Boulevardsternchen zurück, bei denen sich noch sagen ließ: Schau, so endest du mal, wenn du nichts hast, sondern nur bist? Konstantin Nowotny

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Let’s Play Kennen Sie Gronkh? Oder vielleicht einfacher: Kennen Sie Gerhard Delling? Der redet ja in der Sportschau vor sehr vielen Menschen über Fußball. Gronkh macht das so ähnlich, bloß tritt er dabei nicht nur als Kommentator in Erscheinung, sondern auch als Akteur. „Let’s Play“ heißt dieses Youtube-Genre: Gronkh, bürgerlich Erik Range, filmt sich dabei, wie er in Echtzeit FIFA 2018 und andere Videospiele zockt, und erzählt dazu, was ihm spontan so einfällt – als Beruf, jeden Tag, seit acht Jahren. 4,75 Millionen Menschen haben seinen Kanal abonniert; diese Reichweite lässt sich FIFA-Hersteller EA gerne etwas kosten. Zum Vergleich: Die Sportschau sahen zuletzt 3,7 Millionen. Cornelius Dieckmann

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MrWissen2go Wenn sich Angela Merkel an junge Leute richtet, ist das meist eine steife Angelegenheit. Also ließ sie sich vor der letzten Bundestagswahl von vier Youtube-Influencern interviewen. Mirko Drotschmann alias MrWissen2go fragte, ob es sie nicht auch manchmal nerve, wenn „der Donald“ mal wieder einen geschmacklosen Tweet abgesetzt habe. Merkels Antwort: langweilig diplomatisch. Drotschmanns Videos kann man das nicht nachsagen. Für 650.000 Abonnenten bespricht er sachlich und locker alles von der GroKo über Elon Musk bis zur Islamdebatte. Einfluss hat er allemal. Seine Klientel vertraut ihm – vielleicht etwas zu sehr. Auf seinem Profil schreibt er: „BITTE SCHICKT MIR KEINE FRAGEN MEHR ZU HAUSAUFGABEN, KLAUSUREN UND REFERATSVORBEREITUNGEN.“ Cornelius Dieckmann

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Perlen Der Berufsstand des Influencers hat irgendwie den Bohlen’schen Superstar abgelöst. Wer mehr Kohle scheffelt, kann ich nicht beurteilen. Aber unfreiwillig komisch sind beide gleichermaßen. Die ungeschicktesten Beeinflusser werden auf einer Facebookseite namens „Perlen des Influencer-Marketings“ vorgestellt. Ein beständiger Quell der Freude. Die Produkte, für die geworben werden soll und die der Hersteller seinen neuen freien Mitarbeitern ohne jegliches Briefing zugeschickt hat, werden zumeist in die absurdesten Alltagssituationen eingearbeitet: da liegt eine hübsch geschminkte Dame in der Wanne, die mit Dutzenden Bifi-Würstchen dekoriert ist. Also die Wanne. Elke Allenstein

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Schleichwerbung Das Influencer-Gewerbe ist ein ewiger Grenzgang. Einerseits gilt es, durch maximale Produktplatzierung und -anpreisung Höchsthonorare herauszuschlagen. Andererseits wollen sie (Authentizität) vermitteln, weshalb noch die offensichtlichst als Styletipp getarnte Reklame wie ein Ratschlag des besten Freundes rüberkommen muss. Klar, dass die Einblendung „Werbung“ da nur stört. Und schon steht der Verdacht der Schleichwerbung im Raum.

Die Wettbewerbszentrale in Bad Homburg will das ändern. Bereits im Sommer 2017 war Rossmann wegen Influencer-Schleichwerbung verurteilt worden, dem Gericht genügte „#ad“ als Hinweis in einem Hashtag-Wald nicht. Seit Oktober hat die Wettbewerbszentrale 16-mal Influencer und Unternehmen abgemahnt, weil die Kennzeichnung als Werbung nicht deutlich war. Weitere Fälle werden geprüft. Laut Umfrage des Branchenverbandes Bitkom erkennt jeder Vierte Social-Media-Nutzer solche Produktpräsentationen nicht als Werbung. Tobias Prüwer

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Zugezogen Grim104 ist die eine Hälfte des Hip-Hop-Duos Zugezogen Maskulin. Auf Instagram hat er 10.400 Follower. Viele folgen ihm, weil er die Wut ausdrückt, die meine Generation runterschluckt. Ich folge ihm, weil wir den gleichen Weg hatten: Dorfkinder aus Friesland, Zugezogene in Berlin. Damals im Jugendzentrum war er der einzige Rapper. Die Gymnasiasten spielten in Rockbands. Grim brachte den Hip-Hop von der Realschule mit. Die Rockbands kreischten ins Mikro, Grim rappte. Schon da war er wütend. Die Gymnasiasten aus der Kleinstadt waren überheblich, der Junge aus dem Dorf nebenan wurde erfolgreich. Er zog nach Berlin. Einen Festivalsommer kam er zurück, begrüßte die neue Generation wütender Teenies aus den umliegenden Käffern. Sie konnten nicht fassen, dass der Typ auf der Bühne diese Ortsnamen so aussprach, als wäre er einer von ihnen. Marlene Brey

06:00 25.06.2018

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