Information will frei sein

Die guten Netzpiraten Eine Internetplattform versucht, künstlerische Auseinandersetzungen über Zensur- und Kopierrechte zusammenzubringen

Das ganze Internet ist besetzt von den Großkonzernen der Unterhaltungsindustrie. Das ganze? Nein! Einige Piraten halten sich in ihrem Königreich verschanzt und leisten erbitterten Widerstand. Nicht erst seit dem 11. September 2001 werden von Industrie und Behörden vermehrt Maßnahmen ergriffen, um missliebigen Nutzungsformen der Internettechnologie den Garaus zu machen. Als homogener Block indes treten Konzerne, Justizministerien und andere Regierungsstellen nicht auf, ebenso wenig sind die Verfechter von künstlerischer und anderen Freiheiten im Netz geeint. Ein Versuch, verschiedene Projekte, die sich mit der Frage nach dem Austausch von digitalen Kulturgütern im angehenden 21. Jahrhundert auseinandersetzen, unter einem virtuellen Dach in Verbindung zu bringen, ist die Online-Arbeitsplattform Kingdom of Piracy KOP (Königreich der Piraterie).

Ursprünglich vom Digital Art Center des taiwanesischen Computerherstellers Acer in Auftrag gegeben, entwickelte KOP bald eine Eigendynamik, die den kommerziellen Background des Auftraggebers karikierte. Der Zufall wollte nämlich, dass gleichzeitig die taiwanesische Regierung eine Initiative zur Bekämpfung der weit verbreiteten Raubkopiererei ins Leben rief. Das Land wollte das imageschädigende Attribut "Piratenkönigreich" los werden. Da macht es sich schlecht, wenn einer der heimischen Computerriesen ein Kunstprojekt mit just diesem Titel finanziert. In vorauseilendem Gehorsam verweigerte die Acer-Leitung den Kuratoren des Kunstprojekts den Zugang zum Server. Inzwischen hat KOP auf dem Server der Ars Electronica in Linz ein neues virtuelles zuhause gefunden.

Kingdom of Piracy" versteht sich als Plattform, die von verschiedenen Beiträgen lebt. Zur Zeit sind es deren 18, die über die KOP-Webseite zugänglich sind. Das dreiköpfige KuratorInnen-Team hat sich bei seiner Auswahl nicht an schöner Oberflächengestaltung und möglichst elegant präsentierbaren Netzarbeiten orientiert, sondern Wert auf prozesshafte Arbeiten gelegt. Als roter Faden zieht sich die Verteidigung des "digitalen Paradigmas" durch die einzelnen Projekte, getreu dem Leitspruch der Computerhacker: "Information will frei sein". Entsprechend beschäftigt sich ein Großteil der Beiträge mit jenen Akteuren, die alles daran setzen, den Datenfluss von Bits und Bytes zu kontrollieren und zu reglementieren.

Das Wiener Künstlerduo ubermorgen.com etwa will mit dem sogenannten Injunction Generator für Chaos und Verunsicherung unter den Inhabern von populären Domain-Namen sorgen. Mittels eines Formulars kann den involvierten Parteien per E-Mail mitgeteilt werden, dass die Eigentümerschaft an der Adresse rechtlich angefochten wird. Als Gründe für die Klage lassen sich "typische" Internetdelikte wie Kinderpornografie oder illegale MP3-Tondateien auswählen. ubermorgen.com verstehen ihr Projekt jedoch nicht als politische Intervention, sondern als Kunst, die sich in der viralen Struktur der Medienberichterstattung über das angerichtete Chaos äussert: Der Medien-Hack als ultimative Kunstform.

Während der Injunction Generator reales Interventionspotenzial besitzt, arbeitet das Projekt OmniCleaner auf der Ebene der Begriffe und Codes, jedoch ohne interaktive Elemente, dafür mit einem umso stärkeren aufklärerischen Anspruch: Als Mittel gegen allerlei "Verschmutzung" des Internet wird hier ein fiktives Produkt namens OmniCleaner für Behörden, Schulen und Privatpersonen angeboten. Dragan Espenschied, Mitautor des Projekts und Dozent an der Merzakademie in Stuttgart, will durch Überhöhung die Begrifflichkeit der Überwachungs- und Kontrollverfechter ad Absurdum führen. Angesichts einer Realität, die sich oft selbst zu überholen scheint, bleibt einem trotz aller Ironie das Lachen im Halse stecken.

Unterhaltsam ist der Beitrag des italienischen Kollektivs 0100101110101101.org, der mit einem animierten Kasperletheater eine Geschichte von subtiler Zensur nacherzählt. Anfang März wurde 0100101110101101.org gezwungen, eine Datei von ihrem Server zu löschen, da es sich um ein Dokument mit illegalem und pädophilen Inhalt handele. Gemeint war ein Buch der Kunstfigur Luther Blissett, das analysiert, wie die Vorgabe von Notsituationen über stark emotionalisierte Begriffe, wie z.B. Pädophilie oder Rechtsextremismus, das Klima für restriktivere Gesetze und Zensur sowohl in der realen Welt als auch im Internet schaffen.

Dass der Netzaktivismus die am stärksten vertretene Kunstform auf KOP ist, hat mit dem politischen Anspruch der Kuratoren zu tun. Es werden nämlich genau jene Fragen gestellt, deren Beantwortung das Aussehen und die Architektur der internationalen Datennetze künftig prägen werden.

00:00 08.11.2002

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