„Sie hat Polen geliebt“

Im Gespräch Der österreichische Kulturattaché Johann Marte hat Ingeborg Bachmann auf der letzten Reise ihres Lebens begleitet
Gesine Bey | Ausgabe 42/2013 3

Der Freitag: Ingeborg Bachmann ist im Mai 1973 nach Polen gereist. Stimmt es, dass die Lesereise ihr eigener Wunsch war?

Johann Marte: Normalerweise mussten wir vom Österreichischen Kulturinstitut in Warschau die Herren Autoren lange bitten, um bei uns im Ausland zu lesen. Bei Ingeborg Bachmann wars anders. Sie hat gefragt, ob wir Interesse an einer Lesereise hätten. Natürlich haben wir sofort zugesagt. Und ich habe sie dann begleitet.

Ihr Kulturinstitut wurde ja im Jahr 1965 als erstes westliches Institut hinter dem Eisernen Vorhang gegründet. Welchen Eindruck hatten Sie denn von Ihrem Gast?

Ingeborg Bachmann war nicht sehr gesprächig, aber trotzdem hatten wir ein paar interessante Gespräche. Sie hat sehr viel geraucht, Gitanes, diese starken französischen Zigaretten. Sie hat auch Tabletten genommen, damit sie schlafen kann. Und sie traute sich oft nicht mehr über die Straße, sie war in einem schlechten gesundheitlichen Zustand.

Aber wie sah sie denn aus?

Sie hatte blonde Haare, und ein rotes Mäntelchen hatte sie an. Übrigens, mit dem rostroten Mäntelchen sind eigenartige Dinge passiert. Als sie am Warschauer Flughafen ankam, war ihr Koffer weg, der ist offenbar nach Moskau weitergeflogen. Und irgendein Beamter hat ihre Personalien aufgenommen und sie vor allem auch nach dem Inhalt des Koffers gefragt. Sie hat alles aufgezählt, so langsam, wie sie gesprochen hat, auch Unterwäsche et cetera. Und dann sagte sie plötzlich: Und goldene Schuhe waren da drin. Der Beamte hat aufgeschaut, goldene Schuhe? Das war schon ein älterer Herr, Ende 50, er ist aufgesprungen und hat begonnen, ihr die Hände zu küssen. Meine Sekretärin stand daneben und hat mitgezählt, fünfzehn mal, also es muss oft gewesen sein. Kann ich Sie nicht durch Polen führen, durch mein Heimatland, hat er sie gefragt. Der war ganz entzückt von ihr, tief fasziniert. Sie hat auch ein bisschen so eine etwas märchenhafte Redeweise gehabt. Ich hab sie heute noch im Ohr.

Wie war Ihr Verhältnis zu Polen?

Zunächst, meine Tätigkeit war sehr interessant. Die Polen sind ja ein besonderes Völkchen, ganz interessiert und sehr viel aufgeweckter als die Bevölkerung, der ich dann später in Russland begegnet bin. Es war eine sehr schöne Zeit. Und Ingeborg Bachmann hat Polen geliebt, das Land ging ihr sehr nahe. Als sie ein Interview gegeben hat, hat sie mit Erinnerungen an den polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz begonnen, dem sie im Jahr 1964 in Berlin begegnet war.

Mit Gombrowicz zusammen erhielt Ingeborg Bachmann eines der ersten von der Ford Foundation gestifteten Stipendien für einen einjährigen Berlin-Aufenthalt. Anfangs lebten sie zusammen unter dem Dach des Gästehauses der Berliner Akademie der Künste, und da ist es immer wieder zu Gesprächen zwischen ihr und Gombrowicz gekommen, der ja einer der bedeutendsten polnischen Autoren des 20. Jahrhunderts war.

Offenbar hat er es verstanden, sie in den polnischen Kosmos einzuführen. Er ist ja im Jahr 1969 an den Folgen seines Asthmas gestorben, und das war jetzt 1973, also knapp vier Jahre später. Und während dieses Interviews hat sie wirklich zu weinen begonnen. Es war überhaupt sehr interessant, wie verschieden sie reagiert hat.

Was meinen Sie damit?

Sie hatte ja Lesungen in Warschau, Torun, Posen, in Breslau und in Krakau. In Breslau zum Beispiel hat sie vor vielen Studenten gelesen. Und schon vor der Lesung hat man sie mit Fragen zu den Frankfurter Vorlesungen bestürmt, auf eine sehr bedrängende Art und Weise, und sie hat dann kaum etwas gesprochen. Sie wollte dann nicht mehr lesen und hat zu mir gesagt, ich fühle mich wie in Deutschland. Ich mag das nicht, wenn man mich so bedrängt.

Und in Krakau?

In Krakau allerdings gabs auf österreichische Weise Blumen am Tisch, und sogar eine Kerze. Sie hat dann nicht nur gelesen, sie war auch gesprächig und hat sich beispielsweise auch aufgeregt, dass man im Bundesland Hessen das Schulfach Geschichte abgeschafft hatte. Diese Reaktion hatte ich von ihr nicht erwartet: Also dass sie auf alle möglichen Dinge von sich aus zu sprechen kam.

In Hessen diskutierte man damals über eine Reformierung der gesellschaftswissenschaftlichen Schulfächer. Und viele befürchteten, dass dabei das historische Wissen unter den Tisch fällt.

Und als wir wieder nach Haus gefahren sind, von Krakaus, kam irgendwann eine Abzweigung nach Oświecim. Und sie hat irgendwie im Kopf gehabt, aha, dass das Auschwitz ist.

Ursprünglich war ein Besuch dort nicht vorgesehen?

Nein, sie hat mich gefragt, ist das Auschwitz? Können wir dort hinfahren? Das haben wir dann auch gemacht.

Dieser Besuch von Auschwitz hat schockierend auf Ingeborg Bachmann gewirkt. Sie hattesich vor der Reise mit der polnischen Geschichte nach 1945 auseinandergesetzt, aber erst jetzt wurde ihr klar,welche Präsenz das ehemalige faschistische Vernichtungs-lager in Polen hat.

In einem Interview, das der in Polen lebende Germanist Karol Sauerland danach mit ihr führte, sagte sie: „Bisher habe ich immer nur davon gesprochen, wie schön es für mich war und dass ich weiß, dass ich nach Polen wiederkommen werde. Aber es gibt noch etwas anderes (…) ich habe hier, wo ich zum ersten Mal in Polen bin, jeden Tag Angstträume und Alpträume. (…) die anderen Länder, die sicher sehr Schweres durchgemacht haben, (…) lassen sich mit Polen überhaupt nicht vergleichen.“

Sie haben während Ihrer Tätigkeit in Osteuropa sehr viel gefilmt. Auch Ingeborg Bachmann.

Damals hat sie zwar gesagt, dass ich sie in Auschwitz nicht filmen darf, aber ich habs trotzdem getan. Und dummerweise ist dann diese Kassette ein ganzes Jahr verloren gewesen. Sie war einfach weg. Aber ich habe sie dann wiedergefunden. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre begann die 1926 in Klagenfurt geborene Schriftstellerin an ihrer unvollendet gebliebenen Trilogie Todesarten zu arbeiten. Der Roman Malina, der 1973 erschien, bezeichnete sie einmal als „Autobiographie, aber nicht im herkömmlichen Sinn“. Darin verarbeitete sie ihre Beziehungen zu Max Frisch und dem jüdischen Lyriker Paul Celan. Nach einem Brand in ihrer römischen Wohnung verstarb Ingeborg Bachmann am 17. Oktober 1973 an den Folgen einer jahrelangen Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln. Aus Anlass ihres 40. Todestages erinnern wir an die letzte Reise ihres Lebens.

Das Gespräch führte Gesine Bey

Johann Marte, geboren 1935 in Vorarlberg, war von 1971 bis 1974 Kulturattaché des Österreichischen Kulturinstituts in Warschau und von 1974 bis 1982 Kulturrat der Österreichischen Botschaft in Moskau

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