Innen bin ich tot

Schweigen Lizzie Dorons Roman "Ruhige Zeiten" spielt im Jerusalem der fünfziger Jahre

Die "ruhigen Zeiten", welche die Menschen im Tel Aviv der Nachkriegszeit durchleben, sind erfüllt von einer Vergangenheit, die krank macht. Für Leale, Sajtschik, Rosa, Dorka oder Zila gibt es keine Gegenwart, die nicht kontaminiert ist. Erfahrungen der Verfolgung und des Verlusts, wie sie alle Bewohner des hier beschriebenen Viertels mit sich herumtragen, lassen noch die alltäglichste Handlung zum Auslöser einer bedrohlichen Erinnerungswelle werden. Ein Wort, ein Geruch, eine Melodie zerstört die Fassade des Normalen. Wenn der Friseur Sajtschik nach einem langen Arbeitstag die Haare zusammenfegt, kann es sein, dass er plötzlich am ganzen Körper zu zittern beginnt. Nur das wird uns erzählt.

So wie er selbst dies als eine Art epileptischen Anfall behandelt, an den man sich gewöhnt und der vorübergeht, so fragt auch unsere wichtigste Zeugin Leale nicht weiter nach. Lapidar heißt es: "Seit damals fegte nur ich die Haare zusammen, die er abgeschnitten hatte. Das war eines der Dinge, über die wir in all den Jahren schwiegen." Worüber die Besucher des Frisiersalons in Tel Aviv einverständig schweigen, wird mit der Chiffre "von dort" umschrieben. "›Woher kommst du?‹ fragte sie mich und unterbrach damit meine Gedanken. ›Das weiß ich nicht‹, antwortete ich. Sie verstand sofort und fragte nicht weiter. ›Ich bin auch von dort‹, sagte sie. ›Ich bin etwas älter als du, deshalb weiß ich ein bißchen mehr.‹"

Wie dieses Schweigen aus der Alltagsgemeinschaft der "ruhigen Zeiten" eine lebenslange Leidensgemeinschaft macht, wie jede Gesundung für immer unmöglich wird, das ist, was die 1953 geborene und in Tel Aviv lebende Autorin Lizzie Doron in ihrem 2003 in Jerusalem erschienenen Roman Ruhige Zeiten erzählt. Dank eines beeindruckenden Muts zu Ironie und Spott in vermintem Gelände schafft sie es, tatsächlich sinnlich erfahrbar zu machen, was es heißt, unter Traumatisierten zu leben. Doron versucht zu verstehen, warum die Überlebenden aus der persönlichen Hölle nicht herauskommen. Statt sie beißend zu karikieren, wie dies etwa in den Kurzerzählungen Maxim Billers geschieht, hört sie genau hin und protokolliert den Horror des Gefängnisses aus Erinnerungen. Nicht die Befreiung von ererbten Traumata ist ihr Anliegen, nicht die Abrechnung mit Vätern und Verrätern (Biller), sondern das liebevoll-nachsichtige Porträt einer verlorenen Generation.

Leale ist eine polnische Waise. Auf die Frage nach ihrem Beruf, nach dem, was sie besonders gut könne, lautet die Antwort: "Ich kann tief, tief in der Erde leben, ohne Essen, ohne Wasser, ohne Licht, das ist es, was ich am besten kann". Ohne jedes Pathos wird uns so die "glückliche" Überlebensgeschichte des jüdischen Findelkindes mitgeteilt, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird. Der literarische Kunstgriff ermöglicht, der Last des überdeterminierten historischen Wissens mit der eingeschränkten Sicht der Beteiligten gegenüberzutreten. Als später ins Viertel Gekommene nimmt Leale noch wahr, dass auf Fragen nicht geantwortet wird, schnell versteht sie, "daß man besser keine Fragen stellt".

Die Bewohner des Tel Aviver Viertels sind weniger Über-Lebende als Untote. Jeder Versuch, Normalität in den Alltag zu bringen, wird durch die Macht des Erlebten paralysiert. Entsprechend skurril verlaufen die Dialoge: Auf die Bemerkung des Friseurs "Madame, zu Ihnen paßt französischer Chic", anwortet die Angesprochene: "Monsieur Sajtschik, wenn Sie von außen schauen, bin ich eine Madame mit Chic, aber innen bin ich tot".

Die Menschen, die diesen Roman bevölkern, reagieren nie so, wie wir dies für angemessen halten. Sie lächeln traurig, ihre Nerven sind empfindlich, ihre Blicke wie ausgelöscht. Sie sprechen in (oft gebrochenem) Hebräisch, mit einem Akzent, der ein Mischmasch aus Französisch und Polnisch oder Deutsch und Rumänisch ist. Sie versuchen, mit Rasiermessern blaue Nummern auf dem Arm wegzukratzen, und kämpfen mit Todesengeln. Sajtschiks Friseursalon ist ein Ort, an dem viele Kunden seltsame Dinge erzählen. Sie reden "entweder über nichts oder über andere. Sajtschik sagte immer, bei ihm im Friseursalon würde man nie über das weinen, was wirklich weh tut." Selten spricht jemand von seinem eigenen Schicksal, alles, was die Nachbarn übereinander wissen, haben sie von jeweils Dritten erfahren.

Zugleich ist die Shoah, als seltsam entleerte Tabuformel, ihr Bezugspunkt: Über Frau Poliwada wird erzählt, sie sei "nur bei Schindler" gewesen und habe "eine leichte Shoah gehabt", über Zila, sie habe "eine schwere Shoah gehabt, sie habe zu den Pionieren von Auschwitz gehört." Als Leale gegen ihre amerikanische Schwiegertochter hetzt, sagt sie zu ihrem Sohn: "Übrigens, deine Nancy hätte nie die Shoah überlebt, noch nicht einmal einen einzigen Tag Arbeitslager hätte sie überstanden". Es gibt kein Leben nach der Shoah, das nicht ein Leben mit ihr wäre.

Wo die familiäre Genealogie durch den Tod so vieler Verwandter radikal unterbrochen ist, da wird jeder einzelne Zugehörige zur rettenden Bezugsperson, auf der alle Toten lasten: "Mein Skrulik" und später "mein Sajtschik" nennt Leale die beiden Männer, mit denen sie lebt. Von ihrem Sohn spricht sie nie anders als von "ihrem" Etan. Etan flüchtet nach Amerika und entkommt den erdrückenden Erwartungen seiner einsamen Mutter doch nicht. Noch die Beerdigungen geben ein trauriges Bild der Vereinsamung so gut wie aller Überlebenden: "Wieder und wieder habe ich die Beerdigung in Kiriat Scha´ul vor Augen, ohne Familie, ohne Verwandte, ohne Kinder. Nur ein paar alte Leute aus dem Viertel und Mordechai vom Kibbuz folgten seinem [Sajtschiks] Sarg, sehr langsam und still. Niemand weinte. Wir hatten schon seit vielen Jahren keine Tränen mehr."

Von Jahr zu Jahr lebt Leale mit mehr Toten als Lebenden: "Als alle weggegangen waren, lief ich weiter auf dem Friedhof herum, nur ich, ganz allein. Ich traf dort viele nahe Menschen, ich sah die Gräber von Ida Zitrin, der Kosmetikerin, und von Tanja, die einen Hund namens Rexi gehabt hatte, sie mögen in Frieden ruhen, und auch das Grab von Esterke Pschigurski, die sich das Leben genommen hatte, kurz nachdem ich ins Viertel gekommen war. Dann traf ich Minka Marcus und ihren Mann, den Zahnarzt, beide lagen beieinander, neben dem Grab von Tova, der Frau von Dr. Wollmann, dem Arzt. Dann besuchte ich noch meinen Skrulik, der dort im alten Friedhofsteil begraben lag, zusammen mit den Veteranen des Viertels." Der Krieg hat den Überlebenden die Familie und die Verwandten genommen, und die Gegenwart nimmt ihnen die Nachbarn und Freunde. "›Wer wird sich an Sajtschik erinnern?‹ fragte mich Dorka. ›Und wer wird sich an uns erinnern?‹ fragte Guta, die Frau des Rabbiners."

"Dieses Buch ist Menschen gewidmet, an die sich niemand erinnern wird", nennt Lizzie Doron als Motto ihres Romans. Die Autorin verleiht gerade den Überlebenden ein Gesicht und eine Geschichte, deren Erfahrungen und Eigenheiten, deren Schmerzen und Wünsche ohne sie mit ihnen selbst ausgelöscht wären. Tanja, die immer mit ihrem Hund redete, sagt es so: "Jeder von uns ist eine Geschichte, eine Geschichte, die niemand erzählen will und niemand hören." Lizzie Doron lässt sie lebendig werden.

Lizzie Doron: Ruhige Zeiten. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2005, 175 S., 16,80 EUR


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00:00 24.03.2006

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