Innere Größe

Porträt Alexander Payne hat oft Lebenskrisen hautnah auf die Leinwand gebracht – sein neuer Film ist nun eine dystopische Satire

Im Leben des amerikanischen Regisseurs gibt es viele kleine Menschen. „Ich habe eine Tochter bekommen“, sagt Alexander Payne strahlend. „Zwei Wochen. Ein winziger Mensch.“ „Wie heißt sie?“ „Nette Frage“, sagt er. Aber er will nicht, dass der Name in der Zeitung erscheint. Es handelt sich um einen poetischen und sehr griechischen Namen. Paynes eigener familiärer Hintergrund ist griechisch, und der seiner Frau Maria Kontos ebenfalls.

Wie fühlt es sich an, nach so kurzer Zeit von seiner Tochter getrennt zu sein? „Es ist nur für zwei Tage, das ist in Ordnung. Es ist toll, nach ihr zu sehen und ihr zuzusehen, wie sie schläft, und sie zu halten, wenn sie schreit. Es fühlt sich so gut an.“

Die anderen kleinen Menschen sind zwölfeinhalb Zentimeter große Figuren, die Hauptdarsteller in seinem neuesten Film, Downsizing. Die dystopische Satire markiert den Abschied von einem Regisseur, der sich zuvor auf intime, mehr oder weniger realistische Sittenstücke spezialisiert hat, die häufig in und um seinen Geburtsort Omaha in Nebraska spielten und sich mit den Krisen desillusionierter amerikanischer Männer befassten.

Filme wie About Schmidt (2002), mit Jack Nicholson als mürrischem Versicherungsmann, der der Rente entgegensieht. Sideways (2004), mit Paul Giamatti als gescheitertem Romancier und neurotischem, langweiligem Weinnerd, handelt davon, die Realität enttäuschter Träume anzuerkennen. The Descendants (2011) thematisiert die Trauer einer Familie und Einsamkeit; Nebraska (2013) befasst sich mit dem Älterwerden, indem die Geschichte eines mürrischen Vaters mit Demenz und des langen Leidens seiner Familie erzählt wird.

Downsizing ist etwas völlig anderes – eine groß angelegte, mit Computeranimationen arbeitende, komische Fantasie, in der sich Payne und sein Drehbuchautor Jim Taylor fragen, was passieren würde, wenn Wissenschaftler eine Technologie entwickeln würden, mit der man Menschen auf einen Bruchteil ihrer Größe schrumpfen lassen könnte. Zum Beispiel könnten so bestimmt unsere ökologischen Probleme gelöst werden – Menschen in Miniaturform würden nur einen Bruchteil der Ressourcen verbrauchen. Downsizing aber zeigt, wie dieses utopische Projekt umgehend von der menschlichen Natur – oder genauer gesagt vom amerikanischen Kapitalismus – zunichtegemacht wird: Unternehmen verstehen es sofort, die Miniaturisierung als Luxus-Lifestyle-Option zu verkaufen, und bauen langweilige Mikro-Communitys im Vorort-Stil, in denen die frisch geschrumpften Neuankömmlinge alles vorfinden, von Sportzentren bis hin zu winzigen „Tony Roma’s“-Restaurants (die herausragende Szene des Films stellt ein beeindruckend plumpes Verkaufsgespräch dar). Der gewöhnliche Held des Films, Paul, gespielt von Matt Damon, kommt schnell dahinter, dass klein nicht notwendigerweise auch schön bedeutet. Das Paradies stellt sich als Mikrokosmos der Mängel der großen Welt heraus.

Weiche von mir, Pathos

Der Film erläutert eine fiktive Wissenschaft hinter der großen Idee: Zum Beispiel muss sich, wer sich schrumpfen lassen möchte, die Zahnfüllungen entfernen lassen, damit ihm oder ihr bei der Prozedur nicht der Kopf explodiert. Payne behauptet, er habe sogar Experten für Körperschrumpfung konsultiert. „Die Technologie existiert – alle Patente wurden aber bereits von Bekleidungsunternehmen aufgekauft“, scherzt er. Er hat Recherche betrieben, um den Film plausibel zu machen. „Ich habe mich mit einer Reihe von Physikern darüber unterhalten, was es bedeuten würde, wenn wir nur 18 Gramm schwer und zehn Zentimeter groß wären. Wir könnten höher springen, würden wahrscheinlich länger leben und könnten uns Eisstiele an die Arme binden und wahrscheinlich ein bisschen herumflattern. Aber ich habe einen Film zu machen und muss an andere Dinge denken.“

Jenseits des Konzepts des „modernen Liliput“ sind Payne und Drehbuchautor Jim Taylor bestrebt, die negativen Folgen bestimmter realer politischer Probleme zur Sprache zu bringen. Die zweite Hauptfigur neben dem glücklosen Helden Paul ist eine junge Vietnamesin namens Ngoc Lan Tran (Hong Chau), eine behinderte Aktivistin, die verkleinert wurde, um sie politisch zu bestrafen. Nun gehört sie zu der weitgehend asiatischen und lateinamerikanischen, ausgebeuteten und marginalisierten Unterklasse, die dafür sorgt, dass die US-Mikro-Communitys funktionieren. Sie ist es auch, die Paul die Augen öffnet – was allerdings ziemlich merkwürdig wirkt. Der Film schlägt auch noch eine apokalyptische Richtung ein, wenn er das Schmelzen der Polarkappen und die drohende Gefahr einer planetarischen Katastrophe thematisiert.

Versteher der Mittelschicht

Seine ersten Filme gaben den Ton vor, so pointiert, sarkastisch. Sein etwas raues Debüt, Baby Business (1996), zeigte Laura Dern als eine farbmittelabhängige junge Frau aus der Arbeiterklasse, die zu einer Spielfigur im US-amerikanischen Kampf gegen die Abtreibung wird. Sein Nachfolger, Election (1999), handelte von einem Lehrer, der eine Art Hassliebe zu einer äußerst ehrgeizigen Gymnasiastin entwickelt.

Seine formale Ausbildung erhielt Alexander Payne an der Filmhochschule UCLA in Los Angeles, im Anschluss an ein Stanford-Studium in Spanisch und Geschichte. Das hat ihm nach eigener Aussage geholfen, seine späteren Charaktere zu analysieren und zu beschreiben.Paynes Filme treffen die Balance zwischen bitterem Humor und melancholischem Mitgefühl für menschliche Fehlbarkeit. Er spiegelt die amerikanische Mittelschicht.

Für About Schmidt wurden Alexander Payne und sein Koautor Jim Taylor in der Kategorie „Bestes adaptiertes Drehbuch“ mit dem Oscar ausgezeichnet. Für das Familiendrama The Descendants gab es dann erneut einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.

Alexander Payne wurde in eine Familie mit griechischen Vorfahren hineingeboren, die ihren Namen Papadopoulos später zu Payne änderte. Er hat zwei Brüder und sitzt im Gründungsvorstand einer nicht kommerziellen Kinemathek in Omaha, Nebraska, wo er geboren wurde. Dort hat er einen Filmpalast übernommen – das Kino, mit dem er aufgewachsen ist. Er möchte darin einen Buchladen einrichten, ein Café und ein Mikrokino.

Downsizing (mit Matt Damon und Christoph Waltz) startet am 18. Januar im Kino. Maxi Leinkauf

Hatte Payne nach dieser Reihe intimer Charakterkomödien das Gefühl, es sei Zeit für ein ernsthaftes Statement? „Nein. Wer zum Teufel kann schon ein bedeutsames Statement machen? Aber als wir vor zehn Jahren anfingen, dieses Drehbuch zu entwickeln, hatten wir gewiss die Vorstellung, dass es auf einer gewissen Ebene ein politischer Film werden würde – nicht im wörtlichen oder direkten Sinn, aber mit einer Metapher, die es uns ermöglichen würde, bestimmte unschöne Dinge zu thematisieren, die in unserer Gesellschaft vor sich gehen.“ Dennoch will Payne von Pathos nichts wissen und spielt alles, was in diese Richtung weist, herunter. „Der Film geht von einer ziemlich lächerlichen Annahme aus und behandelt diese mit großem Ernst. Solange die Welt dem Ende entgegengeht, kann man darüber genauso gut lachen – und ein bisschen Geld damit verdienen.“ Das ist natürlich ironisch gemeint – möglicherweise in der unguten Voraussicht, dass mit diesem Film niemand allzu viel Geld verdienen wird. Downsizing ist seine bis heute teuerste Arbeit – das Budget liegt napp über 68 Millionen. Findet Payne es nicht merkwürdig, einen Film zu drehen, der davon handelt, weniger zu verbrauchen – und dann solch eine gewaltige Menge Geld auszugeben, um ihn zu realisieren? „Wenn sie es nicht dafür ausgeben, dann verwenden sie es für etwas anderes“, erwidert er grinsend. Die Kosten seien „gemessen an Hollywood-Standards“ nicht unerhört.

Kennt Payne Science-Fiction-Klassiker? Welche liebt er besonders? „Davon habe ich wenig Ahnung“, sagt er. Er wirkt entspannt, verhält sich professionell, spricht klar und gelassen – wirkt aber ein wenig angespannter, als es um die Bedenken geht, die man bei Downsizing haben kann – besonders bei der Rolle der Ngoc Lan Tran, einer leidenschaftlichen, sozial engagierten Figur, die das moralische Zentrum des Films darstellt, von Hong Chau aber auf eine schrille und aggressive Art gespielt wird. Damit bringt sie die Figur in eine gefährliche Nähe zu gewissen Stereotypen.

Chau – eine amerikanische Schauspielerin, die in Thailand als Tochter vietnamesischer Eltern geboren wurde – hat sowohl die Figur als auch ihre Performance entschieden verteidigt. Da Payne früher mit einer asiatischstämmigen Frau verheiratet war – der koreanisch-kanadischen Schauspielerin Sandra Oh, die in Sideways mitgespielt hat –, würde man annehmen, dass er eine gewisse Sensibilität für solche Gefahren besitzt. Für die Gefahr der Karikatur. „Ich habe ein paar Dinge gelesen – aber ich habe noch keine Figur wie die ihre in irgendeinem anderen Film gesehen. Ngoc Lan Tran spricht wie jemand, der noch nie im Leben formalen Englischunterricht hatte, und Hong Chau versichert mir, dass ihre Eltern genau so sprechen. Sie ist wohl die Figur mit dem meisten Tiefgang – sie wurde mit viel Zärtlichkeit geschaffen und zum Leben erweckt. Es tut mir leid, wenn Sie bei ihr kein gutes Gefühl hatten.“

Hollywood-Filme mit einem gewaltigen Budget, die den Anspruch erheben, moralische Urteile über die Situation des Planeten abzugeben – besonders, wenn der Held des Films ein weißer Mittelschicht-Amerikaner ist, der uns den Weg der Aufklärung zeigt – kein neues Dilemma. „Wenden wir uns nicht an die Kunst, um irgendwie Orientierung zu finden?“, sagt Payne und zitiert Tschechow. Die Rolle des Künstlers sei nicht, Antworten zu geben, sondern die Fragen zu formulieren.

Payne gilt als durch und durch männlicher Regisseur, auch wenn die Frauen in seinen Filmen aus härterem Holz geschnitzt sind als die Männer. Er hat erinnerungswürdige weibliche Heldinnen geschaffen, in Baby Business (1996) und in seinen Folgen für den Episodenfilm Paris, je t’aime (2006) über eine US-Amerikanerin in mittleren Jahren, die die französische Sprache entdeckt. Doch Payne wird oft als eine Art Spezialist für die prekäre Männlichkeit gesehen. Kommen denn Männer in mittleren Jahren zu ihm und erzählen ihm, dass sie sich in seinen Figuren wiederfinden? „Das einzige Mal, dass das oft passiert ist, war bei Sideways“, sagt er. Paynes Blick auf die alltäglichen Mühen und das existenzielle Leid meist recht langweiliger Mittelschicht-Amerikaner ist aufschlussreich, auch wenn Kritiker ihm häufig vorwerfen, er mache sich über seine Helden lustig und verachte sie. „Ist Dostojewski dann also auch herablassend, wenn er über Raskolnikow schreibt, der in einer alten Dachkammer haust? Das lasse ich nicht gelten.“ Nun, Dostojewski hat selbst des Öfteren in Kammern gehaust. Aber vielleicht ist die Frage dann eher, ob Payne sich seinen Figuren moralisch verpflichtet fühlt, weil er ihr Leben so darstellt, wie er es tut? „Ehrlich gesagt denke ich mir die Geschichten einfach nur aus und mache, was sich richtig anfühlt.“ Es gehe nicht ums Scheitern, sondern um verdammt reale Leute. „Denn es gibt keine ‚Helden‘, wie das im amerikanischen Mainstreamkino heutzutage anscheinend sein muss. Wir versuchen Filme über ganz normale Menschen zu machen, die Probleme und ein echtes Leben haben.“

Omaha, sweet Omaha

Payne selbst stammt aus diesem kleinbürgerlichen Milieu. Er ist in Nebraska geboren und aufgewachsen. Er hat auf beiden Seiten griechische Vorfahren: Sein Vater führte ein erfolgreiches Familienrestaurant in Omaha, arbeitete dann für das Handelsministerium, während seine Mutter Universitätsdozentin für Französisch und Spanisch war. Payne verbringt einen Teil seiner Zeit in Los Angeles, bleibt seiner Heimatstadt Omaha aber tief verbunden. „Es ist eine wirklich herrliche Stadt. Ich habe ein Haus da, auf das ich stolz bin, und meine Frau und ich werden wahrscheinlich im Frühjahr wieder für ein paar Jahre dorthin zurückziehen. Ich wollte einfach nie die Verbindung verlieren. Irgendwie ist es so, dass eine Stadt mich immer davor bewahrt, an der anderen den Verstand zu verlieren.“

Payne hat an der Stanford University Spanisch studiert, während des Studiums Zeit in Spanien und Kolumbien verbracht und spricht auch Griechisch: „So wie Juden in die Hebräisch-Schule gehen, gehen Griechen in die Griechisch-Schule. Ich habe zu Hause immer gehört, wie meine Mutter es mit ihren Freunden gesprochen hat. Nach der Schule wurde ich dann abgeholt, in die Kirche gebracht und habe Griechisch gelernt – modernes, kein Altgriechisch.“ Was wird er als Nächstes machen? „Ich möchte mich nur für eine Minute darauf konzentrieren, ein neugeborenes Baby zu haben, und dann …“ Er macht eine Pause. Er hoffe, dass er für diesen winzigen Menschen ein gutes Beispiel sein werde.

06:00 24.01.2018

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