"Innere Konflikte verschwinden"

Kondomgebrauch Der katholische Priester und "Hope"-Mitgründer Stefan Hippler, der von Südafrika aus eine Revision der kirchlichen Sexuallehre fordert, über ein Zugeständnis des Papstes

Vor kurzem erklärte der Papst die Verwendung von Kondomen "in Ausnahmefällen" für zulässig. Was bedeutet das für ein Land wie Südafrika, in dem jeder Fünfte HIV-infiziert ist und in dem es jährlich etwa 500.000 Neuinfektionen gibt? Der katholische Priester Stefan Hippler fordert von seiner Kirche, in Zeiten von Aids Teile ihrer Moraltheologie zu revidieren, etwa als Ko-Autor des Buchs Gott, Aids, Afrika (zusammen mit Bartholomäus Grill, KiWi 2007). Das führte zu Konflikten, die Deutsche Bischofskonferenz untersagte ihm 2008 Lesungen. Hippler leitet HOPE Cape Town mit, eine der wichtigsten Aids-Hilfsorganisationen am Kap.

Der Freitag: Herr Hippler, Sie fordern als katholischer Priester die Modernisierung der katholischen Sexuallehre. Warum?

Stefan Hippler:

Die katholische Sexualmoral hat eine lange Tradition, genau wie die Kirche selbst, und sie ist traditionell nicht un­bedingt körperfreundlich. Es muss uns darum gehen, wie man Antworten geben kann auf Fragen, die sich heute stellen. Und auch darum, wie man das, was die Wissenschaft in den vergangenen 100 Jahren über die menschliche Sexualität herausgefunden hat, mit der Sexualmoral der Kirche vereinbaren kann.

Und wie soll das gehen?

Was ich mir wünschen würde, ist, dass wir wesentlich unverkrampfter umgehen mit Fragen der Sexualität. Das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament zeigt ja, dass andere Sichtweisen möglich sind. Wir können natürlich sagen: Sexualität gehört sinnvollerweise nur in die Ehe. Aber wir müssen auch Realitäten wahrnehmen, und wir wissen, dass die meisten Menschen – gerade auch in Europa – Sex vor der Ehe haben. Wie kann man also, statt einfach ein Verbot auszu­sprechen, Menschen ermöglichen, Sexualität als etwas Positives zu erleben – so dass sie dazu beiträgt, dass die Menschen beieinander bleiben? Sexualität hat ja auch einen Bindungscharakter.

Können Sie weiter katholischer Priester sein, wenn Sie dem Papst nicht zustimmen können?

Natürlich kann man katholischer Priester sein, wenn man in einigen Punkten der Sexualmoral nicht zustimmt. Zum einen ist Sexualmoral kein Dogma. Und zum anderen steht bei jedem Katholik über allem die persönliche Gewissensentscheidung. Der Papst ist zwar das Oberhaupt der katholischen Kirche, aber wir haben auch einen Sensus Fidei, einen Glaubenssinn, der wichtig ist. Von daher sehe ich kein Konfliktpotenzial. Ganz im Gegenteil: Nur wenn man in der Diskussion bleibt über Punkte, die man aufgrund praktischer Erfahrung anders sieht, kann sich Theologie weiterentwickeln.

Lassen Sie uns über eine Entwicklung reden: Bei seiner Afrikareise 2009 sagte Papst Benedikt XVI., die Nutzung von Kondomen verschlimmere das AIDS-Problem. Wie fanden Sie das?

Ich denke, diese Aussage war unnötig und auch faktisch falsch. Dahinter stand wohl die Angst der Kirche, dass, wer Kondome benutzt, auch promiskuitiv lebt. Es gibt aber eindeutige Studien, die zeigen, dass die Benutzung des Kondoms nicht zu mehr Sexualpartnern führt. Es war eine unglückliche Aussage.

Nun, 2010, sagte der Papst, es könne Fälle geben, wo die Verwendung von Kondomen, 'in der Absicht, Ansteckungs­gefahr zu verringern', zulässig sei. Wie finden Sie das?

Dass ein Papst das ausspricht, hat Konsequenzen. Ich würde diese Worte mit einem Haarriss in einer Mauer vergleichen. Haarrisse werden immer größer und durchlässiger. Die Aussage ist wichtig, weil sie Theologen Ängste nimmt. So manche Nonne, die aus einer Gewissensentscheidung heraus Kondome bei der HIV/Aids-Arbeit empfahl und ein schlechtes Ge­wissen hatte, muss sich keinen Vorwurf mehr machen. Innere Konflikte verschwinden.

Kommt die Aussage zu spät?

Sie kommt spät. Für meine Begriffe auch fast zu spät. Aber sie ist gekommen, und wer die Reaktion der Menschen und der Medien verfolgt hat und gesehen hat, was ein, zwei Sätze des Papstes bewirken können, der hat auch begriffen, dass er eine moralische Instanz ist, auch für Nicht-Katholiken. Und dass er eine große Verantwortung trägt für das, was er sagt – oder was er nicht sagt.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zum Vatikan?

Ich war jetzt einige Male im Vatikan und habe dort eine Offenheit und einen Realitätssinn erlebt, den man dem Vatikan wahrscheinlich nicht zutrauen würde. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man mir an den Kragen will, weil ich Dinge

Nun gibt es unterschiedliche kulturelle Vorstellungen von Sexualität. Wie lässt sich die katholische Lehre damit vereinen?

Das ist in der Tat ein Problem. Unsere Sexualmoral ist sehr judäisch-griechisch-philosophisch geprägt. In Afrika hat Sexualität einen anderen Stellenwert.

Können Sie ein Beispiel geben?

Sexualität gehört laut katholischer Sexuallehre in die Ehe. Man darf nach der sakramentalen Eheschließung Sex miteinander haben, um Kinder zu zeugen. In der Vorstellung der meisten Schwarzafrikaner hier ist es dagegen so, dass Sex nach der Zahlung der lebola ...

... der Mitgift ...

... aber bereits vor einer Eheschließung erlaubt ist. Da stellt sich tatsächlich die Frage, wie man diese Dinge zusammenbringt. Es kann nicht sein, dass die ganze Welt eurozentrisch wird. Wir müssen sehen: Welchen Stellenwert hat

Wie lösen Sie diese Heraus­forderung in der täglichen Arbeit in Ihrer Hilfsorganisation? Sie kooperieren ja etwa mit traditionellen Heilern, die den Ahnenkult pflegen. Wie geht das konkret zusammen?

Ich habe da keine Probleme. Wofür die Sangomas, die traditionellen Heiler, hier stehen, findet sich auch in der katholischen Kirche. Bei den Sangomas geht es um die Verbindung der Jetzt-Lebenden zu den Ahnen. Die katholische Gemeinschaft ist die Gemeinschaft 'der Lebenden und der Toten'. Wir haben in einem gewissen Sinn auch einen Ahnenkult.

Und ganz praktisch betrachtet?

Die Einbindung von Sangomas in unser Programm war anfangs ein Problem, weil Sangomas ein anderes Verständnis von Heilung, Gesundheit und Krankheit haben. Krankheit ist für sie eine Strafe der Vorfahren, Heilung ist, wenn Symptome verschwinden. Im HIV/Aids-Bereich nun haben wir eine Phase, in der Symptome verschwinden – was aber keine Heilung bedeutet. Wir haben daher versucht, Sangomas klarzumachen, dass wir mit HIV ein Problem haben, das unsere Vorfahren nicht hatten. Und dass wir daher jetzt unseren Vorfahren helfen müssen, dieses Problem zu verstehen, damit sie es lösen können. Wir versuchen bei HOPE Cape Town also die Angebote der westlichen Medizin so einzubinden, dass ein Sangoma mit ihnen umgehen kann.

Warum brauchen Sie Sangomas?

Sangomas haben in südafrikanischen Gemeinschaften großen Einfluss. Wir haben Sangomas trainiert, dass sie Symptome von HIV/Aids identifizieren können, dass sie Menschen ihrer Gemeinde ermutigen, zu einem Aids-Test zu gehen, und dass sie sogar selbst mit in die Klinik gehen, um eine Entscheidung zu bestärken.

Verändert die neue Position des Papstes zum Kondomgebrauch die Lage in Südafrika?

Ich glaube nicht, dass deswegen der Kondomgebrauch plötzlich ansteigt. Aber es gibt eine neue Freiheit. Der überwiegende Teil der Arbeit im HIV/AIDS-Bereich wird in Südafrika von Kirchen getan. Und wenn Kirchenmitarbeiter freier sind, wirkt sich das darauf aus, was sie Menschen raten, wenn es um Prävention geht. Wir stehen als Kirche letztendlich – und das ist durch die Papstworte deutlich geworden – für den Schutz des Lebens, auch des Lebens derer, die sich nicht an die kirchliche Sexualmoral halten. Die Worte des Papstes bedeuten größere Freiheit, mehr Gelassenheit, weniger innere Kämpfe – für die Mitarbeiter und auch innerhalb der Kirche. Man muss sich nicht mehr immer dreimal entschuldigen, wenn man das K-Wort in den Mund nimmt.

Biografie

Stefan Hippler, 50, ist katholischer Theologe in Kapstadt. Von 1997 bis 2009 war er Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde am Kap. Derzeit kümmert er sich als Priester in der Erzdiözese Kapstadt um kirchliche Aids-Projekte, finanziert von seinem Heimatbistum Trier

Elena Beis, 32, lebt seit sechs Jahren am Kap und arbeitet dort als freie Journalistin

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09:00 26.12.2010

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