Ins Grab gespuckt

Sportplatz Jan Ullrich lebt. Auch wer seine Beziehung zu dem deutschen Radprofi nicht unbedingt als die eines Fans zu einem Star beschreiben möchte, wird nicht ...

Jan Ullrich lebt. Auch wer seine Beziehung zu dem deutschen Radprofi nicht unbedingt als die eines Fans zu einem Star beschreiben möchte, wird nicht unglücklich sein über den Befund, dass Ullrich gesund ist und sich derzeit auf die künftige Saison vorbereitet, denn warum sollte man einem wie Ullrich auch etwas Schlechtes wünschen? Er hat niemandem etwas getan, 1997 gewann er die Tour de France und war schon etliche Male Zweiter, im vorletzten Jahr war er wegen Dopings gesperrt, und nach seinem Comeback - und wegen seines Comebacks - wurde er von Deutschlands Sportjournalisten zum "Sportler des Jahres" gewählt.

Von Jan Ullrich wird in diesem Jahr viel erwartet, sein mittlerweile umbenannter früherer Telekom-Stall, bei dem er nach einem Jahr Pause wieder untergekommen ist, bereitet sich aus einer Favoritenposition auf die Tour de France vor.

Der 34-jährige Marco Pantani wurde Mitte Februar in einem Hotel in Rimini, das die Bild-Zeitung als "drittklassig" bezeichnete (dabei ist es ein Drei-Sterne-Haus), tot aufgefunden. Pantani hatte ein Jahr nach Ullrich die Tour de France gewonnen, und im selben Jahr 1998 auch den Giro d´Italia. 1999 nahm man ihn als damals Führenden aus dem Giro heraus, zwei Tage vor Ende der Rundfahrt, weil er einen angeblich überhöhten Hämatokritwert aufwies. Dass so etwas kein Dopingbeweis ist, sondern auch natürliche Ursachen haben kann, hat sich mittlerweile herumgesprochen, und gleich zwei staatliche Verfahren gegen den angeblichen Dopingsünder Pantani endeten letztinstanzlich mit Freispruch. Ein Jahr vor seinem Tod griff Pantani noch einmal an, vor einem Jahr beim Giro d´Italia wurde er 14. der Gesamtwertung.

Zur Beerdigung von Marco Pantani in seiner Heimatstadt Cesenatico kamen 30.000 Menschen, es war, wie die Korrespondenten berichten, eine würdige Veranstaltung: "Möge er seine wichtigste Etappe gewinnen", sprach dort ein Bischof, "den Einzug ins Paradies". In Cesenatico waren an diesem Tag alle Geschäfte geschlossen, und künftig soll eine Bergetappe des Giro d´Italia nach Marco Pantani benannt werden.

Im Land des Jan Ullrich war von so viel Respekt nicht viel zu spüren. Von RadioEins gefragt, was ihm zum Tod von Pantani einfalle, sprach der Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch, "auf jeden Fall" sei Pantani "das Opfer von schlechten Kontrollen". Alle Obduktionshinweise, dass es sich, zumindest unmittelbar, nicht um ein mit Doping in Verbindung zu bringendes Herzversagen handelt, werden genauso ignoriert, wie Informationen über eine eventuelle Kokain- oder Cracksucht Pantanis, über Depressionen, die durch die über vier Jahre dauernden Ermittlungen von sieben verschiedenen Staatsanwaltschaften ebenso ausgelöst worden sein könnten, wie über die Trennung von seiner langjährigen Freundin.

Es wird eigentlich alles, inklusive der Freisprüche durch Gerichte, ignoriert, was man über den großen Sportler Pantani in Erfahrung bringen konnte, damit, wie es Küppersbusch, diesmal im Gespräch mit der taz, formulierte, Pantani als "rollende Apotheke" durchgehen kann.

Dass das mit Respekt oder Pietät nichts zu tun hat, ist offensichtlich. Warum aber ist die hiesige Rezeption des Todes von Marco Pantani so würdelos? Warum stellt sich, ohne den Hauch eines Beweises, gleich der "Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg", ein Herr namens Fritz Sörgel, vor ein Journalistenmikrophon, um mit Bezug auf den gerade Verstorbenen zu formulieren, "natürlich können gerade die anabolen Steroide auch zu Depressionen führen." Von Anabolika war im Zusammenhang mit Pantani nicht die Rede, das hat nicht mal eine der sieben Staatsanwaltschaften behauptet.

Woher also diese Verachtung und der Wille, möglichst als Erster in das Grab eines Mannes zu spucken? Dass Pantani 1998 die Tour gewann, und damit den vermeintlich doch gerade begonnenen Siegeszug des Landsmanns Jan Ullrich stoppte, erklärt vielleicht einiges, aber gerade bei einem Publizisten wie Friedrich Küppersbusch kann man vermutlich nationalistische Motive eher gering veranschlagen.

Aber Pantani gewann ja nicht nur die Tour im Jahr nach Ullrich, er gewann auch das Rennen, das als "Skandal-Tour" in die Sportgeschichte einging. Polizisten verhafteten Sportler unter der Dusche, verhörten sie nächtens, und am nächsten Tag sollten die Fahrer ihren Wettkampf fortsetzen. Eine beinah teutonische Verfolgungswut setzte ein, gegen die sich die Sportler nur mit Streiketappen zu wehren wussten, was letztlich nicht gelang. Pantani, gegen den damals kein Verdacht auf Dopingeinnahme vorgebracht wurde, avancierte als Tour- und Giro-Sieger dieses Jahres, ohne etwas dafür zu können, zum Symbol des angeblich so dreckigen Radsports.

Marco Pantani lebt nicht mehr. Jan Ullrich lebt, und warum sollte man einem wie Ullrich auch etwas Schlechtes wünschen? Er hat niemandem etwas getan.


00:00 27.02.2004

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