Ins Kino gehen

Erfolg im Scheitern Die Erinnerungen des amerikanischen Drehbuchautors Syd Field

Syd Field, der amerikanische Drehbuchpapst, hat ein neues Buch herausgebracht. Noch eines? Es ist das das sechste und es geht - wie in den anderen fünf - ums Filmemachen und Drehbuchschreiben.

Nicht ganz: Es geht um Syd Field. Ganz harmlos zieht er uns in diese Geschichte, beginnt gleich damit, dass er anfangs nicht wusste, wie er dieses Buch schreiben sollte und ist schon nach kurzer Zeit mittendrin - in der Erzählung seines persönlichen Wegs zu einem der angesehensten Drehbuchanalysten der heutigen internationalen Filmlandschaft.

Was sich anfangs da so episodisch liest, mit liebevollen Anekdoten aus Hollywoods großen Zeiten, verdichtet sich schnell zu einer Lebensgeschichte des Professionellen. Wie Field sein zahnmedizinisches Studium abbrach, das er der Mutter kurz vor dem Tod versprochen hatte, wie Jean Renoir Mentor des verwirrten jungen Mannes auf der Suche nach einer Richtung in seinem Leben wurde (der ihn schließlich auf die Filmakademie verwies), wie er die ersten Stellen im Hollywood über seinen Onkel Sol, einen potenten Geräteverleiher, bekam, wie er mit Ray Manzarek von den Doors in der Filmschule saß und nächtelang über Kinoerlebnisse diskutierte, wie er mit Sam Peckinpahs Nichte auf der Schauspielschule probte und später mit dem Meister selbst in Kontakt kam, genau zum richtigen Zeitpunkt der Wiederauferstehung des Gefallenen durch The Wild Bunch. Station für Station wird die Geschichte seiner Karriere wach und mit ihr erwacht das alte Hollywood. Das alles würde aber wohl kaum mehr als ein - zugegeben hübsches - Anekdotenbändlein füllen. Field aber will viel mehr.

Schon auf den ersten Seiten drückt Field sein Entsetzen darüber aus, wie oft schlechte Filme heutzutage erfolgreich seien - ein Entsetzen, das der geneigte Leser und Kinogänger sicher leicht und gerne mit ihm teilt. Und des Meisters erklärtes Anliegen ist es, der Kundschaft etwas davon näher zu bringen, das sie in die Lage versetzt, Filme genauer und sachgerechter, kurzum kompetenter zu beurteilen. So beginnt der Autor im Stil einer professionellen Biografie seine eigene Reise durch die Kinos und Filme zu beschreiben und zu erzählen, was es war, was ihn an einzelnen Filmen zum Staunen, zur Aufmerksamkeit gebracht hat und was er dabei entdecken konnte.

Sorgfältig, wenn auch manchmal etwas langatmig, zerlegt er einige der Meisterwerke und macht sichtbar, warum sie zu Meisterwerken wurden. Das ist für den professionellen Leser interessant, weil er die Filme, falls er sie kennt, unter neuen Blickwinkeln zu sehen lernt und ganz nebenbei erfährt, wie Fields berühmte Drehbuchtheorie sich an diesen entscheidenden Wegpfeilen entwickelt hat. Außerdem, an welchen Filmen er seine Theorie wann entdeckt und an welchen er sie erprobt hat. Für den Laien erklärt Field - oft sehr ausführlich, aber er will ja, dass wir es unbedingt verstehen! - wie das Filmeschauen, der schnöde Gang ins Kino seine Ansichten geprägt und verändert hat und nebenhin, wie die Mechanismen jenes Teils der modernen Unterhaltungsindustrie funktionieren, die von Los Angeles ihren Siegeszug um die ganze Welt angetreten hat und welche Auswirkungen das auf Film und Fernsehen hat.

Das für sich allein würde wohl die Lektüre lohnen, auch wenn die Filmbeispiele, die Field - inzwischen ein gesetzter Herr - explizit erwähnt und benutzt, oft, wie sollte es anders sein, längst historisch sind und auf Arbeiten beruhen, die die Mehrzahl seiner jetzigen Leser nicht oder nicht mehr kennen (Sam Peckinpah - wer?). Will ein gutmeinender Konsument des Bands Fields gesamte Gedankenwelt tatsächlich und sorgfältig nachvollziehen, müsste er aber die zitierten Filme kennen oder - und das wird ihm heutzutage sicher schwer fallen - ständig eine gute Videothek bemühen, die solcherlei Liebhaberei noch pflegt.

Scheinbar unter der Hand ist Field aber ein ganz anderer Coup gelungen. Wie ein roter Faden zieht sich durch des Meisters Leben und damit durch das Buch, das auch in dieser Hinsicht bewundernswert und rückhaltlos ehrlich ist, der Versuch des bedeutenden Theoretikers, selbst ein erfolgreiches Drehbuch zu schreiben. Field hat sieben verfasst, keines (!) wurde verfilmt. Und während er immer neue Anläufe nimmt, diese lebenslange Hürde zu überspringen wird er zunächst Filmstudent an einer Schule, an der die jugendlichen Scorceses und Coppolas sich die Klinke in die Hand geben. Field filmt und arbeitet mit ihnen. Sodann steigt er vom Laufburschen zum erfolgreichen Dokumentarfilmproduzenten einer der zu dieser Zeit kreativsten und am höchsten dekorierten Firmen der jungen Fernsehszene auf, wird nebenbei Lehrer an einer der ersten Filmschulen Hollywoods, die sich den Weg von der Bretterbude zum Erfolgsinstitut bahnt, dann Lektor und Stoffeinkäufer einer hochprofitablen Filmbeteiligungsfirma, die eine endlose Kette von Erfolgsfilmen auf ihrer Liste führt und zum Schluss der Mann, der heute von den medienpolitischen Institutionen nahezu aller Staaten der Erde als gefragter Berater zum Aufbau kreativen Talents hofiert wird, kurz, den nahezu die ganze Welt, soweit sie sich für Kino interessiert, um Rat bittet.

Ganz nebenbei schreibt er fünf Bücher, jedes ein großer Erfolg, inzwischen auch jedes einzelne ein Standardwerk und im Regal fast jeden Filmautors, und entwickelt dabei am Ende die dramatische Theorie und die Nomenklatur, auf der heute praktisch jeder Drehbuchkursus auf der ganzen Welt basiert, von der Fields allerdings bescheiden und durchaus zutreffend angibt, sie sei nur die Wiederaufnahme aristotelischer Grundsätze, genau genommen aber all das, weil es ihm einfach nicht gelingen will, ein erfolgreiches Drehbuch zu schreiben!

Unter der Hand entfaltet sich vor dem Leser hier ein Buch von beachtlicher Lebensweisheit: Ein Buch vom Erfolg im Scheitern. Und das ist das eigentlich Überraschende an diesem Band, der so harmlos als eine Betriebsanleitung zum "Ins-Kino-Gehen" beginnt und der als eine Arbeit über die eigenartigen Wege des Lebens und des Erfolges schließt. Syd Field wäre aber nicht Syd Field, wenn er das nicht sehr genau gewusst hätte - vielleicht vom ersten Satz von Going to the movies an.

Syd Field: Going to the movies. Der Film meines Lebens. Vier Jahrzehnte Kino. Europa, Hamburg 2002, 333 S., 24, 90 EUR


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00:00 12.12.2003

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