Ins Netz gegangen

Italien Angelo Depoliti ist der letzte Schleppnetzfischer auf der Insel Giglio – die EU will das Fangverhalten stärker kontrollieren, sein Abschied bedeutet das Ende einer Ära

Seit der Havarie des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia kennt man die italienische Isola del Giglio, die vor der toskanischen Küste liegt und ihren Namen vom griechischen Wort Ziege hat. Im Sommer gibt es heute jedoch mehr Touristen an den Stränden als Ziegen auf dem 496 Meter hohen Poggio della Pagana, dem Gipfel.

Jeden Morgen gegen halb fünf geht Angelo Depoliti am Hafen entlang zu seinem Schiff, vorbei an geschlossenen Restaurants und Souvenirläden. Zwei Scheinwerfer, die aussehen, als wären sie in einem früheren Leben in einem Fußballstadion zu Hause gewesen, beleuchten die Marina mit ihren Yachten und die kleinen Boote, mit denen die Bewohner des Giglio auf das Wasser hinausfahren, wenn ihnen die Urlauber zu viel werden.

Angelo Depoliti, der mit tiefen Falten im Gesicht trotzdem nicht aussieht, als würde er bald 70 werden, ist der letzte Schleppnetzfischer auf der Insel. Alle anderen haben längst aufgegeben und sind in einträglichere Berufe abgewandert. 2013, wenn seine Lizenz ausläuft, wird es auf der Insel keine pesce freso di parenta, also keinen „Fang vom Tag“ mehr geben, weder für die Restaurants in Porto Giglio noch für die Bewohner und Besucher, die dort im Sommer ihre Ferien verbringen.

Kleine Fischer und Bürokratie

Und so bedeutet Angelos Abschied auch das Ende einer Ära der Fischerei auf der Insel. Was bisher Familienbetrieb war, soll nun institutionell geregelt werden.

Wenn Angelo Depoliti bald nicht mehr aufs Meer fährt, wird das Fachreferat Strukturpolitik und Kohäsion des Europäischen Parlaments in Brüssel seinem Ziel der „strukturellen Anpassung der italienischen Fischereiflotte an die Lage der Ressourcen“ – so weit die bürokratische Formulierung – einen Schritt nähergekommen sein. Was dort „Abgangsregelung“ heißt, wird wenig ändern an der Lage im Mittelmeer: 82 Prozent der Fischbestände gelten bereits als überfischt. Die EU will die kleinen Fischer zwingen, Aufzeichnungen über ihr Fangverhalten zu machen. Angelo fürchtet nun, dass dieses Wissen um die ertragreichsten Stellen, das auf der Insel über Generationen gewachsen ist und seine Lebensgrundlage bildet, an die großen Fangflotten weitergegeben wird.

In Porto, dem mit weniger als tausend Einwohnern größten Ort auf der Insel, liegt der einzige Hafen, auf dessen Nordseite die Annamaria vertäut ist. Sie lief 1953 vom Stapel, 1968 wurde sie von der Familie Depoliti gekauft. Angelos Vater arbeitete zu dieser Zeit sieben Tage die Woche mit drei Söhnen auf dem Schiff. Nach und nach wurde Menschenkraft durch Maschinen ersetzt. Angelo und sein Mitarbeiter Luca können heute die erforderlichen Tätigkeiten alleine verrichten.

Kurz nachdem Angelo auf sein Boot gestiegen ist, erklingt der helle Ton eines Zweitakters. Luca, der seit drei Jahren mit Angelo zusammenarbeitet, bremst mit dem typischen ‚Ape’, einem motorisierten Dreirad. Kurz vor dem Hafen schaltet er den Motor aus, um die Gäste des nahen Demo’s Hotels nicht in ihrer Nachtruhe zu stören.Eine halbe Stunde dauert es etwa, bis die mit Eis gefüllten Styroporkästen für den Fang verstaut sind, das Schleppnetz hergerichtet und das Schiff zum Auslaufen bereit ist. Die Arbeit wird schweigend verrichtet, denn „Schweigen ist unsere Tugend“, wie es in dem Gedicht Die Meere des Südens von Ceare Pavese heißt. Jeder Handgriff der beiden sitzt.

Mehr Müll als Plankton

Angelo weiß am Morgen genau, wohin er zum Fischen fahren möchte. Jahreszeit, Wetterlage, Wind und die Stelle, an der er am Vortag gefischt hat, bestimmen seine Wahl. Wenn das Netz geöffnet wird und der Fang auf das Achterdeck der Annamaria fällt, sticht als Erstes der Müll ins Auge. In keinem anderen Meer der Welt lagert so viel Abfall wie im Mittelmeer. Der größte Teil der Arbeitszeit der beiden Männer entfällt auf das Aussortieren des Abfalls. Dann erst widmen sie sich Fischen und Meeresfrüchten.

70 Prozent des Mülls stammen, so die internationale Meeresschutzorganisation Oceana, von Kreuzfahrtschiffen, die täglich bis zu 4000 Kilogramm produzieren. Der Rest kommt von Yachten und wird von Stränden oder aus Flüssen ins Meer gespült. Der Müll besteht aus Tüten, Flaschen und vor allem Zigarettenabfällen, also aus den Folien der Schachteln oder den Kippen selbst, die von den Fischen und Vögeln gefressen werden. In den Weltmeeren treibt inzwischen sechs Mal mehr Plastikmüll als Plankton.

Wenn die Sonne im Meer verschwindet, tragen Angelo und Luca den Müll vom Schiff zu großen Containern an der südlichen Kaimauer im Hafen von Porto Giglio. Dort wird er nach Materialien getrennt entsorgt: Es ist die letzte Aufgabe ihres arbeitsreichen Tages.

Häufig gibt nur noch das Kleingedruckte auf der Verpackung eines Schlemmerfilets Auskunft über die Fischart, aus der es hergestellt wurde. Der Name Filet wird für ein rechteckiges Stück Fisch verwendet, das meist aus Fischfleisch gepresst wird und aus Aquakulturen stammt. Garnelen, die irgendwann wirklich mal welche waren, sehen in ihrer Transformation als Party-Prawns aus wie Engerlinge, die den Tiefkühlvorgang mehrmals durchlaufen haben.

Die Fische, die Angelo und Luca in den Hafen bringen, wechseln dagegen frisch den Besitzer und werden mit Kennerblick begutachtet. Vom Schwager, dem örtlichen Fischhändler, von Restaurantbesitzern und schließlich von Kunden, die schon morgens eine Bestellung aufgegeben haben. Zuletzt werden diejenigen bedient, die auf gut Glück an der Mole am Strand warten, dass die Annamaria gegen fünf Uhr nachmittags das Schiffswrack der Costa Concordia passiert. Noch einen Sommer lang.

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12:00 29.04.2012

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