Insel im Westen

Tehrangeles „Little Persia“ heißt ein Viertel von Los Angeles, in dem viele Exil-Iraner leben. Wie sich das Leben dort in der Trump-Ära anfühlt, erzählen die Fotos von Paula Markert

Nicht nur als Mensch, sondern auch als Fotografin interessiert Paula Markert sich für Politik. Besser noch: für gesellschaftliche Themen. Und die sind ja immer eine Folge von politischen Entscheidungen und Verhältnissen. Gerade im Moment kommt da bekanntlich vieles zusammen: die sogenannte Flüchtlingskrise, der Rechtsextremismus – und eben Donald Trump. Markert, geboren 1982, verfolgt aber keinen klassisch-dokumentarischen Weg, sie arbeitet nicht wie eine Pressefotografin. „Ich versuche, auch die psychologische Ebenen eines Themas mit meinen Fotografien sichtbar zu machen und den Menschen dabei in dem gesellschaftlichen Kosmos zu zeigen, in dem er sich bewegt“, erklärt die Fotografin, die ihre Arbeiten online unter www.paulamarkert.de vorstellt.

Als Trump nur wenige Tage nach seiner Vereidigung Ende Januar seinen „Muslim Ban“ aussprach und ein Einreiseverbot für Menschen aus sieben islamischen Ländern verhängen wollte, beschloss die Hamburgerin, in die USA zu fahren. Sie habe sehen, wollen was diese Nachricht mit den dort lebenden Muslimen mache, wie diese sich nun fühlten, sagt sie. Am 9. Februar kam sie in Los Angeles an.

L. A. ist bekannt für seine Multikulturalität. Ähnlich wie in New York gibt es viele Viertel, in denen sich ethnische Communitys gebildet haben, man spricht zum Beispiel von „China Town“ oder „Korea Town“. Zufällig hatte Markert kurz vor ihrer US-Reise von einem Viertel in L. A. gelesen, das die Einheimischen „Little Persia“ oder „Tehrangeles“ nennen. Im Großraum Los Angeles leben 800.000 Iraner, so viele wie nirgends sonst außerhalb Irans, manche von ihnen längst mit US-Pass ausgestattet, andere ohne. Das „Tehrangeles“, das Markert jetzt besuchte, ist 1979, nach dem Sturz des Schahs und der Gründung der Islamischen Republik Iran, in kurzer Zeit stark angewachsen. Es waren vor allem gebildete Iranerinnen und Iraner, die vor den neuen Machthabern in den USA Zuflucht suchten, viele Intellektuelle darunter. „Auch deshalb gelten Menschen aus Iran in den USA als besonders gut integriert. Viele sprachen schon vor ihrer Einwanderung sehr gut Englisch“, sagt die Fotografin.

In „Tehrangeles“ kannte sie zunächst niemanden und nutzte ein Stadtteilzentrum mit Moschee als Türöffner. So kam sie nach und nach von der einen zur nächsten Person, über ein Dutzend von ihnen erzählten Markert ihre Geschichten. „Und egal, ob sie Trump mögen oder fürchten: Sie alle sprachen immer wieder von ihrer Liebe zur Demokratie und davon, wie wichtig es für sie sei, in einem Land zu leben, in dem freie Meinungsäußerung möglich ist.“ Redaktion

Die Trump-Freundin

Eine Pendlerin zwischen den Welten: Das wäre eine gute Beschreibung für mich als junge Frau. Ich kam 1958 in die USA, damals mit meiner Mutter, um hier eine gute Schulausbildung zu erhalten. Ich wollte Schauspielerin werden, hatte sogar einen Agenten. Aber es war dann doch nicht so leicht. Mit meinen Sprachkenntnissen arbeitete ich später im Außenministerium in Teheran. Von dort ging ich an die iranische Botschaft in London. Und kehrte wieder nach Iran zurück. Aber nach zwei, drei Jahren verließ ich das Land erneut – und wollte eigentlich nie mehr zurückkehren. Das war 1979, nach der sogenannten Revolution. Mein damaliger Ehemann hatte sowieso schon in den USA studiert, er fand schnell einen Job in einem Luftfahrtunternehmen in Denver, Colorado. Später trennten wir uns. Mein Sohn lebt heute auch in Los Angeles. Ich hatte hier zwei Mode-Boutiquen und arbeite inzwischen als Managerin für eine Bauingenieursbüro. Heute fahre ich nur selten und nicht mehr gern nach Iran. Ich will das alles nicht sehen, diese Kleidung, diese Mullahs. Was Donald Trump angeht: Manche werden mich dafür hassen, aber ich glaube, er wird gute Veränderungen bringen, auch wenn er einen schlechten Start hatte. Der Terror überall: Die Menschen fühlen sich nicht mehr sicher. Wenn Trump sagt, dass er den IS von der Weltkarte fegen will, gefällt mir das. Er hat nichts gegen Iraner im Allgemeinen, er sagt, er habe viele iranische Freunde. In meinem Bekanntenkreis fühlen sich viele angegriffen von seinen Reden. Aber an mir perlt das ab.

Die Erdenbürgerin

Ich bin vom Planeten Erde. Das sage ich oft, wenn mich jemand nach meiner Herkunft fragt. Mein Mann Ed (siehe Der Händler) und ich kämen überall klar, bestimmt auch in der deutschen Gesellschaft. Donald Trump fand ich eigentlich immer ganz gut, solange er noch Unternehmer war. Seine Erfolge haben mich beeindruckt. Aber mit seiner Präsidentschaftskandidatur hat sich das komplett geändert. Einen Staat zu führen, ist eine ganz andere Aufgabe, eine viel größere Verantwortung. Und die Entscheidungen, die er in den ersten zwei, drei Wochen inWashington gefällt hat, sind alle falsch – sowohl für die Leute hierzulande als auch außenpolitisch. Er hat einfach keine Ahnung, interessiert sich in Wahrheit überhaupt nicht für die Bürger. Er ist ein Narzisst, der gar nicht mitbekommt, was er anrichtet. All die Menschen aus den Ländern, über die er Einreiseverbote verhängen will, werden ihn hassen. Viele, die aus diesen Ländern stammen und hier schon leben, haben jetzt große Angst. Ich war in San Francisco, als dort der Women’s March stattfand, und fand das sehr gut. Denn ich will nicht, dass hier ein Klima der Furcht einzieht, wie ich es aus Iran kenne. Um das loszuwerden, kam ich ja her! Ich liebe Amerika und will, dass das so bleibt.

Der Traurige

Ich habe mein Land verloren, mein Haus, meine Freunde, alles. Das ist bald 40 Jahre her, aber es schmerzt noch immer. Ich hatte die besten Universitäten in Iran besucht, war Ingenieur beim Militär. 1979 wurde es mit einem Schlag sehr gefährlich für mich. Das Ayatollah-Regime hasst die Sunniten, die Bahai, die Juden. Ich hatte Todesangst, denn sie wussten ja von meinem Zugang zu geheimen Informationen. Unter einem Vorwand versuchte ich sofort, das Land zu verlassen. Ich behauptete, einen Spezialmediziner in Italien konsultieren zu müssen, wegen eines Krankheitsfalls in der Familie. Sie stellten mir endlose Fragen, aber ich schaffte es, außer Landes zu kommen. Später ermordeten sie zwei meiner Familienmitglieder. Das konnte ich den US-Behörden anhand von Zeitungsartikeln beweisen. So erhielt ich schließlich politisches Asyl. Nach sechs Jahren bewilligten sie mir 1985 den US-Pass. Donald Trump weiß leider nicht sehr viel, was die Politik angeht. Ich sehe ihn kritisch. Aber ich glaube an die Macht des Gesetzes und der Demokratie. Gott segne Amerika, dafür, dass sie uns hier sein lassen. Gott segne auch Iran. Es wäre lebensgefährlich für mich, zurückzugehen. Aber es war einmal ein perfektes Land, das Paradies.

Der Dissident

Ich floh im Jahr 2000 in die USA – und bin klar gegen die Normalisierung der Beziehungen zu Teheran. Sanktionen sind nötig. Ich bin Mitbegründer der Bewegung Marz-e Po Gohar („Glorreicher Horizont“), wir kämpfen gegen die Scharia, für Demokratie und Menschenrechte. Ich kam in Haft und wurde gefoltert. Nur weil ich als Kulturmensch international bekannt war, kam ich mit UN-Hilfe frei und erhielt Asyl in den USA. Ich führe hier nun ein Restaurant und bin in der Lokalpolitik aktiv. Am liebsten würde ich aber in Iran weiterkämpfen. Barack Obama schätzte ich sehr. So wie ich die hiesige Demokratie schätze. Darum respektiere ich Donald Trump, er wurde nun mal gewählt. Die Furcht vor einem Krieg gegen mein Land, meine Leute ist natürlich groß. Aber: Nicht Trump ist das Problem, sondern der Ayatollah.

Der Händler

Meinen Nachnamen habe ich behalten, aber meinen Vornamen habe ich auf eine Silbe verkürzt, um es den Amerikanern leichter zu machen. Ich will nicht als „Radikaler“ gesehen werden – denn das bin ich nicht. Mit den heutigen Verhältnissen in Iran tue ich mich schwer. Bevor meine Frau und ich 2011 nach Kalifornien kamen, lebten wir lange in Dubai. Wir mögen die USA, weil man hier offen sagen kann, was man will. Ich bin ein großer Fan der US-Verfassung, denn in ihr ist niemand ausgeschlossen. Deshalb bin ich gerne hier, habe viel Spaß.

Der Vernunftmensch

Organisierte Religion ist ein Problem. Ich kenne den Koran gut und halte nichts von dem, was Menschen daraus machen. Viele Iraner sind auch gar nicht so gläubig, wie die Regierung in Teheran es ihnen aufzwingen will. Ich kam 1955 in die USA, als junger Mann. Ich wollte die Welt sehen – und jemand werden. Die Menschen haben Trump gewählt, weil sie hoffen, dass er alles anders macht als die Politiker vorher. Seine Tiraden gegen Muslime lassen die Leute hoffentlich aufwachen: Akzeptieren wir noch länger die weltlichen Dummheiten, die überall im Namen von Religionen – oder gegen sie – geäußert werden?

Die Optimistin

Was Geflüchtete durchmachen, habe ich viel zu spät begriffen, das bedauere ich sehr. Ich wurde in Teheran geboren, als Kind einer gebildeten Familie aus der oberen Mittelschicht. Es gab eine Zeit, da flüchteten viele Afghaner nach Iran, und ich hatte schlimme Vorurteile gegen sie. Heute, da ich sehe, was die Syrer erleiden, denke ich ganz anders über Flucht und Migration. Vor allem weil mir klar geworden ist, wie gut es für mich selbst gelaufen ist, mit der Kunst und dem Design, das ich anzubieten habe. Ich habe auch schon für Hollywoodstudios gearbeitet, es war nicht einfach, aber ich bin eine Optimistin und sehr motiviert. Menschen aus Iran haben eine Mentalität, die gut in die USA passt: „Work hard, play hard.“ Würde ich Donald Trump einmal begegnen, würde ich ihm sagen: „Seien Sie gefälligst freundlicher zu den Menschen!“ Ich glaube nicht an Grenzen oder Hautfarben. Er will diese Mauer bauen, ich bin grundsätzlich gegen Mauern – unterschiedlicher kann man die Welt wohl nicht sehen, oder? Viel lieber würde ich Angela Merkel treffen. Für ihre Flüchtlingspolitik wird sie von vielen weltweit verehrt, auch von mir.

06:00 26.04.2017

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