Instant-Wissen

ELEKTRONISCHES LERNEN Sicherheitsbedürfnisse der Konsumenten und Verwertungsinteressen der Unternehmen forcieren das Angebot an elektronischen Bildungsangeboten - mit weitreichenden Folgen für das Bildungssystem

Angeblich leben wir in einer Wissensgesellschaft. In ihr erscheint das Wissen als eine magische Substanz, die sich durch elektronische Medien einfangen beziehungsweise transportieren und in Köpfe abfüllen lässt. Dass man nur weiß, was man gerechtfertigter Weise glaubt, ist dem verdinglichten Verständnis von Wissen abhanden gekommen. So entsteht der Schein, dass Lernen - der Erwerb von Wissen oder Fertigkeiten - eine Frage der Technologie wäre, die sich unter Absehung von psychischen und sozialen Faktoren auf Transport und Konsum von Informationspartikeln reduzieren ließe

Die Motive, die hinter der Promotion der elektronischen Informationstechnik zur Lerntechnik wirken, sind wirtschaftlicher Natur: Die Unternehmen versprechen sich vom sogenannten E-Learning, ihre Mitarbeiter billiger und flexibler den aktuellen Anforderungen entsprechend fortbilden zu können. Wenn die Mitarbeiter am Arbeitsplatz "nebenbei" das Wissen über neue Techniken und Produkte sowie die Fertigkeit im Umgang damit erwerben, reduzierten sich die Kosten durch Ausfall von Arbeitszeit, Reisen, Raum- und Koordinationsaufwand.

Aufgebrühte Bildungswürfel

Die Erwartungen, die sich vor kurzem noch in den Feuilletons und auf den Bildungsseiten mit dem elektronisch unterstützten Lernen verbanden - neue Formen, die mehr Vielfalt und individuelle Freiheit ermöglichen sollten - sind vergessen. Gefragt ist jetzt eher der Bildungswürfel, den die Mitarbeiter zwischendurch schnell aufbrühen, anstatt den kostentreibenden Gang ins Restaurant anzutreten. Bildung soll sich in eine Ware verwandeln, deren Austausch sich zunehmend außerhalb der traditionellen Institutionen vollzieht. Bei leichtem Marktzutritt resultiert dies in einem kaum noch überschaubaren Angebot.

Ihr Sicherheitsbedürfnis lässt die Nachfrager nach Standardisierung der Produkte und Zertifizierung der Hersteller rufen. Statt Individualisierung und Befreiung findet die Legoisierung des Lernens statt. Individualität reduziert sich auf den Konsum einer besonderen Kombination standardisierter Bausteine. Dabei kommt das Sicherheitsbedürfnis der Konsumenten den Verwertungsinteressen der starken Anbieter entgegen. Die elektronischen Techniken der Reproduktion und Verbreitung von Information gestatten einen Überfluss an Bildungsangeboten. Wer Bildung in eine Ware verwandeln will, muss sie dagegen künstlich verknappen, das heißt neue Barrieren, Privilegien und monopolistische Strukturen (durch Branding, Franchising, Zertifizierung) aufbauen.

Dem verengten Konzept elektronisch gestützten Lernens fügen sich höchstens simple Aufgaben wie beispielsweise die Schulung im Umgang mit neuen Versionen von Standardsoftware. Anderes entschwindet dabei dem Blick. Genährt wird die Illussion, das "lernende Unternehmen" könne sich mühelos und fließend immer neuen Anforderungen anpassen. Das schließt das Risiko ein, dass man sich dabei eher an das Rauschen - die kurzfristige Mode - als an das entscheidende Signal - das langfristig Gebotene - anpasst. Überangepasste Organisationen erfahren schließlich nichts mehr über ihre Umwelt und verlieren dadurch ihre Anpassungsfähigkeit.

Ungenutzte Ressoucen des Hypertextes ...

Die dominierenden Formen elektronisch unterstützten Lernens beschränken sich darauf, herkömmliche Materialien zu elektronifizieren. Sie bieten alten Wein in neuen Schläuchen: das Handbuch, die Broschüre auf der CD oder im Internet. Die formalen Möglichkeiten etwa des Hypertextes, die es ermöglichen, einen Gegenstand in seinen vielseitigen Beziehungen durch einen Zusammenhang auf einander verweisender Dokumente zu präsentieren, bleiben meist ungenutzt. Vielleicht auch nur, weil dies Kompetenz und Zeit erfordert. Dabei ist diese Form keinesfalls so revolutionär wie oft behauptet. Vielmehr entwickelt sie Techniken der Textgestaltung wie die Fußnote, das Zitat, den Verweis, den Exkurs oder den Anhang nur weiter, indem sie Erläuterungen, referierte Dokumente etcetera unmittelbar verfügbar macht.

Aktives Lernen erfordert jedoch mehr, als in Hypertext konvertierten statischen Inhalt zu konsumieren. "Lebende" Hypertexte dokumentieren fortlaufendes verändertes Wissen. Sie wachsen durch die Vorschläge, Fragen, Antworten und Kommentare der Nutzer, die damit nicht nur Vorhandenes nachvollziehen, sondern sich am Entstehen beziehungsweise der Suche von neuem Wissensinhalt beteiligen. Das world wide web unterstützt in seiner heutigen Form solche Argumentationsnetze nicht, da dort von einem Dokument kein Weg automatisch zu den sich daran knüpfenden Kommentaren, Fragen oder Kritiken wie deren Autoren führt.

... und ihre Grenzen

Außer einer fortgeschrittenen Infrastruktur setzt dies auch die Bereitschaft der Nutzer voraus, ihr Wissen wie auch ihre Zweifel zu teilen. Wachstum und Verbreitung des Wissens stoßen hier wiederum an die Grenzen der Konkurrenz. Die Ziele, die sich heute hinter Schlagworten wie Wissensmanagement, Wissensgemeinschaften im Netz etc. verbergen, scheitern vorwiegend daran, dass die Subjekte ihr Wissen und ihre Qualifikationen als Waren sehen, deren Wert durch Knappheit steigt. Wie schon im Fall des Bildungsangebots zerstört die Warenform hier die Basis, auf der Wissen gedeiht: die Suche, Prüfung, Rechtfertigung und Verbreitung in offenem Austausch.

Die Formen der elektronischen Wissensrepräsentation können die kognitiven und moralischen Fähigkeiten von Menschen auch überfordern. Stark verzweigte Hypertexte können auch desorientieren. Der Computerbildschirm ist zu klein, um die Übersicht komplexer Zusammenhänge zu ermöglichen. Er gibt nur eine Tunnelsicht des elektronischen Labyrinths. Es fehlt der schnelle Wechsel zwischen der vergröbernden Übersicht und dem Zugriff aufs Detail, den die papierbasierten Techniken bieten.

Die Online-Diskussionen, auf die elektronische Seminare bauen, schwanken oft zwischen Austrocknung und Überschwemmung. Die Unverbindlichkeit, die eine nur konsumierende Teilnahme erleichtert, verhindert oft gebotene Kontroversen. Da es keine Regulative für Umfang und Form der Beiträge gibt, treiben diese, sofern sie überhaupt noch stattfinden, wilde Blüten. Ihr Status als Nicht-mehr-Gespräch und Noch-nicht-Briefwechsel lässt den elektronischen Austausch in die Lücke zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis fallen und begünstigt die oft beobachtete Zerfaserung der auf diesem Wege veranstalteten Diskussionen. Was fehlt, ist eine physiologisch fundierte soziale Grammatik der elektronischen Kommunikation.

Gängige Vorstellungen vom elektronischen Lernen blenden die Beziehungskomponente des Lernens aus. Sie ignorieren damit bewährte pädagogische Erkenntnisse. Auf sich selbst gestellt allein zu lernen, verlangt eine Fähigkeit, über die Menschen in unterschiedlichem, doch immer nur begrenztem Maße verfügen. Unter diesem Sachverhalt leiden schon herkömmliche, papierbasierte Formen des Fernstudiums. Er ist auch dafür verantwortlich, dass Autodidakten Ausnahmeerscheinungen bleiben. Lernende brauchen meist die helfende, bestätigende wie korrigierende, lobende wie ermahnende Ansprache ebenso wie den Austausch untereinander, die vergleichende Selbsteinschätzung sowie gegenseitige Hilfe.

Ökonomistische Bildungsverschlankung

Das elektronisch unterstützte Lernen ist deshalb nicht als ersetzende sondern als ergänzende Form zum klassischen Präsenzlernen zu sehen - eine ernüchternde Einsicht, die sich gegenwärtig bei vielen Akteuren der Szene durchsetzt, die Masse der möglichen Abnehmer in den Unternehmen bisher jedoch verschont hat. Menschen lernen unwillkürlich immer und überall. Man kann nicht nicht lernen. Schon deshalb ist die Parole vom lebenslangen Lernen eine ausgewalzte Banalität, die das dahinter stehende Programm - ökonomistische Bildungsverschlankung - nur schlecht verhüllt.

Dessen ungeachtet vermögen Ereignisse, die das Alltagskontinuum unterbrechen, Lernprozesse in besonderer Weise auszulösen beziehungsweise zu verstärken - ein Umstand, der sich nutzen lässt. Der besondere Ort, die anderen Menschen sowie die hervorgehobene Zeit können intendierte Lernprozesse begünstigen, ja sogar ungeplante anregen. Letzteres gilt vor allem für die Lernprozesse, die sich durch Begegnungen am Rande von Veranstaltungen ergeben. Die Integration des elektronisch gestützten Lernens in das Alltagskontinuum ist zwar kostensparend und bezüglich vieler Themen auch hilfreich, doch einschneidende Lernerlebnisse gewährt sie wahrscheinlich nicht, zumal die Alltagsumgebung dem konzentrierten Lernen meist nicht förderlich ist. Sie bietet zuviel Ablenkung und stellt die notwendige Ausstattung meist nicht bereit - ganz abgesehen davon, dass die Teilnahme an Veranstaltungen außer Haus oft als Bestandteil der Gratifikation gilt.

An den Ersatz der klassischen Lehrveranstaltung und der Lehrerrolle durch elektronisches Lernen und ergänzende Betreuung - in euphemistischem Neudeutsch irreführend "Coaching" genannt - knüpft sich die Erwartung, dass teure traditionelle Bildungseinrichtungen verschwinden mögen. Die Schulen in allen ihren Formen sind tatsächlich bedroht in dem Maße, wie sie sich an die Tendenzen, die das elektronisch gestützte Lernen heute prägen und die von diesem wiederum verstärkt werden, vorbehaltlos anpassen: den Trend zur Legoisierung der Bildung und zum Instant-Learning.

Diese mögen ihr begrenztes Recht haben, doch für die entscheidenden Bildungsaufgaben wird die physische Präsenz ihre Bedeutung behalten - fraglich ist nur, ob sie jemand wahrnimmt. Dass die Schulen an ihren sich verschärfenden Widersprüchen nicht nur leiden, sondern zunehmend zerfallen, treibt die Suche nach Alternativen an. Ob die restlose Verdinglichung und Kommerzialisierung der Bildung eine akzeptable darstellt, mag man jedoch bezweifeln.

00:00 16.11.2001

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