Wer darf über den Krieg sprechen?

Debatte Welche Rolle sollten Intellektuelle in der Debatte um den Ukraine-Krieg spielen? Die Publizistin Marina Weisband hat dazu einige Gedanken veröffentlicht. Eine kritische Analyse
Marina Weisband sieht die Rolle von Intellektuellen im Ukraine-Krieg kritisch
Marina Weisband sieht die Rolle von Intellektuellen im Ukraine-Krieg kritisch

Foto: Imago/Eventpress

„Wer sind Intellektuelle und wofür sind sie gut?“, fragt Marina Weisband im Deutschlandfunk, und erklärt: Intellektuelle sind Leute, „die fürs Nachdenken bezahlt werden“ und die ihre Äußerungen durch Überzeugung von „Gatekeepern“ wie Redakteuren in die massenmediale Diskussion gebracht haben.

Von „Experten“ unterscheide Intellektuelle, „dass sie nicht tiefe Expertise in einem eng begrenzten Gebiet haben, sondern eher in die Breite denken“; dabei agierten sie, „obwohl sie den Habitus von Wissenschaftlern haben, eigentlich eher wie Künstler“, die Ereignisse in sich „verdauen“ und dann „der Öffentlichkeit das Ergebnis“ mitteilten.

Diese Erklärungen dienen der Autorin als Ausgangspunkt, die Rolle von Intellektuellen und Experten in der Ukraine-Diskussion zu kommentieren (Nummerierung von mir):

(1) [I]m Wort „Intellektueller“ schwingt mit: „Intellekt“ – damit einhergehend das Vorurteil von Kompetenz, sich zu einem Sachverhalt zu äußern. (2) Aber reicht Nachdenken als Kompetenz? Phänomene, wie der russische Krieg, sind komplex und brauchen viel Expertise in Militär, Landeskunde, Geschichte und so weiter. […] (3) Nur – ob es [für Intellektuelle; Anm. M. Andrick] reicht, den russischen Krieg in einem System zu verdauen, das in den 80er Jahren einer friedlichen BRD geprägt wurde, und das Ergebnis dessen als politische Forderung festzunageln? Aus vielen öffentlichen Auftritten deutscher Intellektueller spricht für mich eher der vage und verständliche Wunsch nach Frieden mit einer gewissen Ratlosigkeit, wie man ihn denn praktisch erreicht. (4) Während ukrainische Militärexperten die Lage seit Februar ziemlich akkurat und vorausschauend einschätzten. Es ist gut, wenn wir öffentlich miteinander reden. Es ist besser, wenn wir dabei mehr Stimmen im Diskurs beachten. Und noch besser, wenn wir mehr jenen zuhören, die direkt betroffen sind.

Reines Nachdenken

Diese Ausführungen sind in allen Punkten unhaltbar und ignorieren eine Grundnorm kritischen Denkens; das lege ich in der Folge im Einzelnen dar.

Das Wort „Intellektueller“ kommt von „Intellekt“ (Verstand). Verstehen ist bewusste Anwendung von Begriffen auf Erfahrung, um Sachverhalte diskutabel zu machen und zu kontextualisieren. Der Intellektuelle ist einfach derjenige, der verstehen will (ob er dafür bezahlt wird oder nicht tut nichts zur Sache). Sein Nachdenken ist die Kompetenz zum Erwerb jeder Kompetenz oder, wie Odo Marquard es nannte: die „Inkompetenzkompensationskompetenz“. Deswegen (2) reicht Nachdenken selbstverständlich als Kompetenz, sich zu äußern.

„Reicht es“ aber (3), den „russischen Krieg“ (mit Weisbands Metapher gesprochen) in einem solchen mentalen Verdauungstrakt zu verdauen, der in einem Leib steckt, der in der „friedlichen BRD“ der 80er Jahre seine Fauna ausgebildet hat? (Haben die ostdeutschen Unterzeichner offener Briefe gegen Waffenlieferungen an die Ukraine eigentlich einen „friedliche DDR“-Verdauungstrakt, der eventuell auch ‚nicht reicht‘?)

Aber wozu soll „es“ denn eigentlich „reichen“? Das wird nicht gesagt. Und dann das „Festnageln“ des Verdauungsergebnisses dieser 80er-Jahre-BRD-Intellektuellen, die nicht Weisbands Meinung teilen, „als politische Forderung“… ob das wohl „reicht“? Ja, das reicht wo Meinungsfreiheit herrscht und sofern keine grundgesetzwidrigen Positionen verkündet werden. Ich nenne diesen Vorgang „Meinungsäußerung“.

Ein diskursives Foulspiel

Tatsächlich ist Weisbands Rätselei, ob dieses oder jenes wohl für Was-auch-immer ‚reicht‘, ein diskursives Foulspiel: Vertreter unliebsamer Positionen werden aufgrund ihrer mutmaßlichen Sozialisation als minder sachkompetent hingestellt.

Dazu passt es dann, dass sie die ihr ungenehmen Äußerungen anderer Intellektueller einem „vagen aber verständlichen Wunsch nach Frieden“ zuschreibt und sie als Produkt von „Ratlosigkeit“ wertet. Wünsche und Ratlosigkeit sollen z.B. Alexander Kluges, Ranga Yogeshwars oder Antje Vollmers Überlegungen zum Krieg charakterisieren?

An konkreten Gründen und Forderungen mangelt es den Gegnern einer (weiteren) deutschen Einmengung in den russisch-ukrainischen Krieg ebensowenig wie Frau Baerbock, die jetzt „Russland ruinieren“ und Waffen in Krisengebiete liefern will (was ja auch genau so, nur mit einem „Keine“ davor, im Bundestagswahlkampf neben ihrem Konterfei plakatiert wurde).

Zum Schluss (4) wird klar, worauf Frau Weisband hinaus will: Die „akkuraten“ und „vorausschauenden“ Einschätzungen der „ukrainischen Militärexperten“ sind es, die ihr zu wenig zur Geltung kommen, ebenso wie die ebenfalls erwähnten „phantastischen Analysen von ganz normalen Ukrainern, die Medien eher nicht als Intellektuelle bezeichnen würden“. Denen müssen wir mehr zuhören, denn sie sind ja „direkt betroffen“.

Für dumm verkauft

Genau: Wer weiß schließlich nicht, dass man für eine objektive, faire Einschätzung eines Konflikts am besten die direkt betroffenen Vertreter nur einer der Konfliktparteien zu Rate zieht? Dann wird man unabhängig informiert! Aber zurück zum Ernst der Sache. Hier sehe ich mich als Leser für dumm verkauft und aufgefordert, die Verlautbarungen einer Kriegspartei als seriöse Informationsquelle zu betrachten. Die Signalwörter sind „akkurat“, „vorausschauend“, „phantastische Analysen“.

Es verwundert, dass dies im höchsten Standards verpflichteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschieht, ohne dass die Mitgliedschaft Weisbands bei Bündnis 90/Die Grünen und ihre ukrainische Staatsbürgerschaft erwähnt würde. Diese Eigenschaften qualifizieren oder disqualifizieren ihre Ausführungen natürlich nicht; Sprecher und Argument sind zu trennen und jeder Sprecher verdient eine vorurteilsfreie Würdigung.

Allerdings sind direkt oder indirekt von einem Krieg Betroffene meist starken, potentiell Wahrnehmung und Urteil verzerrenden Emotionen wie Angst und Hass ausgesetzt. Hier ist Objektivität auch bei besten Vorsätzen menschlich fast unmöglich zu leisten. Deshalb ist es guter journalistischer Standard, auf potentielle Interessenkonflikte oder die wahrscheinliche Parteilichkeit von Autoren hinzuweisen.

Direkt Betroffenen aller Konfliktparteien können wir auch zuhören, aber für das gesamthafte Verstehen hält man sich besser an Eigenrecherche und die Ausführungen von Stellen und Personen, die nicht direkte Konfliktpartei sind.

Dass eine solche Grundnorm kritischen Denkens beim Thema Ukraine völlig außer Acht fallen konnte, muss wohl mit Pulverdampf und Schlachtgeheul zusammenhängen.

Michael Andrick (geb. Krause) ist Philosoph mit Wirtschaftserfahrung und Kolumnist der Berliner Zeitung. Für das Buch Erfolgsleere und seine Kolumnen erhielt er 2022 den „Jürgen-Moll-Preis für verständliche Sprache in der Wissenschaft“.

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