Intelligenz wird auch in Zukunft nicht zu klonen sein ...

Waren und Schicksale Der 6. Deutsche Trendtag in Hamburg verhandelte die Erschließung der Zukunftsmärkte. Was wird aus den Human-Ressourcen Körper, Ego und Erinnerung?

Früher konnte man nicht herstellen, was man sich vorgestellt hat; heute können wir uns nicht vorstellen, was wir alles herstellen. Diesen Satz prägte der Zivilisationskritiker Günter Anders für den mentalen Zustand der Gesellschaften, die vor fünfzig Jahren mit der Atombombe konfrontiert waren. Heute, meint der Zukunftsexperte Peter Wippermann, fehlt es uns an Vorstellungsvermögen für die Potentiale der Biotechnologie, weil sich die öffentliche Debatte zwischen Forscherinteressen und moralischen Standpunkten festgefahren hat. Das Team von Wippermanns Hamburger Firma für Marktanalyse- und Strategieentwicklung, "Trendbüro", lud letzte Woche zu einem Veranstaltungsmarathon ein, der es auf einen pragmatischen Aspekt der Zukunftsdebatte abgesehen hatte. Beim "Trendtag" in Hamburg ging es um die messbaren Wünsche des Konsumentenvolks, die die Märkte der westlichen Gesellschaften jetzt schon bestimmen und künftig die industrielle Produktion der neuen Technologien antreiben werden. Es gibt eine Kluft zwischen dem technologischen Entwicklungsstand und dem allgemeinen Bewusstsein davon. Ein Trendforscher wie Wippermann baut Günter Anders Pointe mühelos in seinen Vortrag über die Psyche der "Ich-AG" ein, die - hat sein Büro ermittelt - darauf brennt, biotechnologische Angebote zur Optimierung ihrer Jugendlichkeit und Fitness zu nutzen.

Ein "Trendbüro" behandelt die Zukunft nicht als apokalyptisches Thema, wie es die Atombombe war; es sucht nach den Wünschen, die zu Bedürfnissen und folglich Kaufanreizen werden. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als optimistisch zu sein. Sein Thema sind die Emotionen, die übersättigte Konsumenten dennoch reizen, sich Neues anzuschaffen.

Posthuman - Schicksal wird zur Ware lautete der marktschreierische Titel des "6. Deutschen Trendtages". Vermutlich sollte das Klappern, das zum Handwerk der Trendforscher gehört, im Falle dieser exklusiven Tagung noch durchdringender klingen als die griffigen Slogans, die sie aus ihren Studien ableiten, in die Medien und unter die Produktentwickler lancieren.

Man berät Sony, VW, Beiersdorf-Nivea und viele andere Unternehmen dabei, neue Marken auf bestimmte Zielgruppen abzustimmen; man untersucht innovative Strömungen, findet Begriffe und sorgt dafür, dass sie in die Schlagzeilen kommen.

Manche These des "Trendtages" wirkte vermutlich wegen dieser permanenten Publicity so neu nicht und gelegentlich landete der Zwang zur schicken Selbstvermarktung mit einer Rolle rückwärts im ausgelaugten Klischee. Ein schrilles Girlie mit digitalisiertem Glitzerblick warb zum Bespiel für die Tagung, während in den Vorträgen just zum Thema wurde, dass die Gesellschaft künftig mehr denn je vom Nebeneinander mehrerer aktiver Altersgruppen geprägt sein wird. Die Trends, die aus der Integration der Frauen in die Arbeitssphäre und ihrer zunehmenden Kinderlosigkeit entstehen, waren ein längst nicht mehr überraschendes Thema fürs gut gemischte Publikum - nur auf dem Podium gaben sich die Trendforscher noch als strikter Männerclub.

Es ging in dieser Runde nicht um Kritik, um das zur Zeit überall debattierte Pro und Contra zur Biotechnologie, es ging um potentielle neue Märkte. Mit einem Wort des Multimedia-Künstlers Edoardo Kac verstand man sich als "Context-Provider" der Zukunft. Doch die herbe Mischung aus Marktanalyse, Gesellschaftspanorama und Generationenprognose lieferte Aussichten auf die Schattenseiten der schönen neuen Welt im Beipack mit.

"Posthuman" soll beileibe nicht das Ende der Menschheit auf die Formel bringen, erklärte der Philosoph und smarte Professorenkollege von Peter Wippermann an der Universität Essen, Norbert Bolz. "Posthuman" bedeute, dass grundlegende Denkfiguren des Humanismus abgedankt hätten. Geschichte lässt sich, folgt man den Thesen des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama, nicht mehr als gerichtete Fortschrittsbewegung hin zu einer idealtypischen Vervollkommnung denken. Überhaupt sind die umfassenden Ideale, die Vorstellungen von Transzendenz, im Schwinden begriffen - in den dominanten westlichen Gesellschaften jedenfalls. Heute, meint Bolz, fixiert sich der Wunsch nach Sinnstiftung und Erfüllung auf das eigene Selbst. Dessen Spiegel, der Körper, tritt immer mehr ins Zentrum aller Wünsche. Dauernde Jugendlichkeit, Gesundheit und Lebensgenuss - sagt die Trendforschung - absorbiert mehr Aufmerksamkeit als ein möglicher GAU oder die löchrige Ozonschicht über dem Nordpol. Bis ins neunzehnte Jahrhundert, so Norbert Bolz, hielt man sich an der Idee eines gnädigen Gottes fest, bis ins zwanzigste hinein glaubte man an die Idee einer gerechten Gesellschaft. Heute setze sich das Individuum an die Stelle der alten Idealbilder. Das Selbst und wie man es entfaltet, verwirklicht, pflegt und genießt, ist als Lebensinhalt akzeptiert.

Die Schlagworte von der "Ich-AG", vom "Ego-Tuning", "Bio-Design" und beständigen Zwang zum Selbstmarketing beschreiben eine Realität, die den Drang nach biotechnologischen Aufbau-, Ersatz- und Heilmitteln plausibel macht. Vor diesem Hintergrund müsste über ein neues ethisches Regelwerk diskutiert werden, darüber war sich das Podium einig.

Wenn es so ist, dass der Körper zum zentralen Gegenstand der Sorge wird, dann steigert sich sein "Unterhaltsbedarf" in Zukunft enorm. Peter Sloterdijk, einer der eingeflogenen Star-Philosophen des "Trendtages", bestand schlitzohrig darauf, dass nicht die Technologieentwicklung die kulturellen Schübe der modernen Gesellschaften hervorgebracht hätten, sondern vielmehr umgekehrt: Der "Wettbewerb um die Vorteile zur Lebenssteigerung", mithin die grundsätzliche "Eifersucht" der Menschen auf die Intensivierung von Wohlleben, Genuss und vor allem Anerkennung seien der Motor der Entwicklung.

Sloterdijk, der wegen seiner Elmauer Thesen zum "Menschenpark" vor zwei Jahren heftig angegriffen wurde, genoss beim "Trendtag" sichtlich die Bereitschaft der Wirtschaftsleute, seinen Volten und denen seines Kollegen Walther Zimmerli zu folgen. Intelligenz wird auch in Zukunft nicht zu klonen sein, beruhigte Sloterdijk die Runde. Allerdings wird die "Eifersuchtsentfesselung" um die Lebenssteigerungsmittel Interessen an biotechnologischen Mitteln zu Tage fördern, die spätere Generationen wahrscheinlich einmal als ein Rechtsgut reklamieren werden.

Nicht die Schreckensvisionen der Präimplantationsdiagnostik, die zur Zeit debattiert werden, wurden zum Thema der Tagung, vielmehr die Tatsache, dass der Wunsch nach Kontrolle und Perfektionierung der heutigen Generation zwangsläufig Fremdbestimmung für die künftigen Generationen mit sich bringen wird. Heute zähle der "gefühlte Nutzen der Konsumenten". Welche neue Moral in der künftigen Marktgesellschaft gelten soll, müsste auf breiter Ebene diskutiert werden.

Francis Fukuyama war der wirkliche Star des Tages. Auf den Thesen seines, vor rund zehn Jahren erschienen Buches Das Ende der Geschichte basieren die Denkstrategien der Trendforscher. Fukuyama ist amerikanischer Regierungsberater mit besonderem Augenmerk auf die Bedingungen militärischer Sicherheit in Europa. Seine Thesen zu den realitätstüchtigen Folgen der Biotechnologie suchen nach Mustern künftiger Veränderungen, die eine mögliche politische Instabilität heraufbeschwören können.

Feminisierung, sagt er, sei eine unausweichliche Entwicklung in den westlichen Gesellschaften, in denen die Frauen in die Arbeitssphäre integriert sind, zunehmend den "Mind-Set" der Gesellschaft mitbestimmen und im übrigen den oft beschriebenen Gebärstreik praktizieren. Frauen mit einem Kind werden noch strikter pazifistisch wählen, weil die Sorge um den einzigen Nachwuchs zum wichtigen Lebensmuster wird. Diesem Szenario stehen die asiatischen Gesellschaften gegenüber, in denen die moderne Geburtenkontrolle und Diagnostik dazu benutzt wird, um mehr männliche Geburten zu initiieren. In Korea zum Beispiel gibt es heute schon einen männlichen Geburtenüberschuss von mehr als zwanzig Prozent - eine reale, biotechnologisch bedingte Verschiebung, die eine große Zahl frustrierter Singles zur Folge haben wird, ein Mangel an Balance, der Fukuyama zu denken gibt.

Ein anderes Problem betrifft die Überalterung der entwickelten Gesellschaften: Was wird sein, wenn demnächst vier bis fünf aktive Generationen nebeneinander in einer Gesellschaft leben? Wenn es stimmt, dass die Bereitschaft zur Innovation und zum Experiment mit dem Alter abnimmt, werden die fitten alten Entscheidungsträger abtreten müssen, um sich weiterzubilden und noch einmal von vorne anzufangen. Wie schafft man es, einen solchen Neuanfang nicht als Statusverlust zu verstehen - ein Problem, das mehr denn je die Arbeitsmarktpolitik bestimmen wird.

Und nicht zuletzt: Fukuyama vermutet einen völlig neuen Ansatz in der Gehirn- und Intelligenzforschung der nächsten Jahre. Heute, sagt er, nimmt man an, dass immerhin fünfzig Prozent der Gehirnleistungen vererbt sind. Vielleicht werden neue Medikamente, neue Drogen zur Leistungssteigerung die künftigen Märkte bestimmen. Schon heute, führte er aus, nehmen drei Millionen amerikanischer Kinder Mittel ein - Prozac gegen Depressionen, Ritalin gegen Hyperakivität. Männer und Jungen bekommen Ritalin häufiger, Frauen und Mädchen dagegen Prozac. Diese selbstverständliche Medikamentierung ist erst der Anfang einer neuen Entwicklung, die vielleicht am Ende zu sozialer Kontrolle und einer anderen Definition von "Normalität" führen wird.

Altern - das bedeutet immer mehr Sorge um die Erinnerung. Das Alzheimer-Phänomen wird Erinnerung zu einem knappen Gut machen. Wie man die eigene Geschichte behalten kann, könnte vielleicht ein neues Angebot auf den Märkten der Zukunft sein.

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00:00 18.05.2001

Ausgabe 43/2021

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