Interessante Küchengeräte

Was läuft Die Serie "Das Haus am Eaton Place" hat für ihre Entstehungszeit Anfang der 70er Jahre erstaunlich harten Realismus zu bieten. Spoiler-Anteil: 8 Prozent
Interessante Küchengeräte
Das tägliche Ringen um Ordnung und Sauberkeit als soziologisches Lehrstück: Lady Marjorie Bellamy hat den Laden im Griff
Foto: United Archives/imago

Zu den prägenden Fernseherinnerungen meiner Kindheit gehört die distinguierte Welt von Das Haus am Eaton Place; vielleicht weil mir als Ostberliner Plattenbaukind die behagliche Lebensweise der englischen Oberschicht um 1900 erstrebenswert schien. Die Serie war ein soziologisches Lehrstück, denn offensichtlich lebten die Familie seiner Lordschaft Sir Richard Bellamy und das Personal im Souterrain, dem der Butler Hudson vorstand, in Welten, die wechselseitig voneinander abhängig waren. Seit ich einen eigenen Haushalt führe, weiß ich, wie ermüdend das tägliche Ringen um Ordnung und Sauberkeit ist und würde mir diskretes, treues und an meinem Geschick im Stillen Anteil nehmendes Personal wie bei Bellamys wünschen.

Am liebsten sind mir die Folgen, in denen es nicht um Ereignisse aus der Weltgeschichte geht, die im Alltag ihren Niederschlag finden, sondern nicht viel passiert, man aber mitverfolgt, wie so ein Haushalt organisiert war – von den Besuchen der Scheuerfrau über die Abläufe in der Küche bis zum Ankleiden der Dame, das die Zofe übernimmt, die anschließend stolz auf ihre herausgeputzte und frisierte Herrin ist. Interessante Küchengeräte, gebügelte Schnürsenkel und Zeitungen, auf einem Silbertablett gereichte Post, der gebürstete Zylinder, der beim Losgehen gereicht wird – alles ist seit Ewigkeiten eingespielt und bleibt unverändert.

Die Dienstboten arbeiten von früh morgens bis spät am Abend, wenn sie sich einen heißen Kakao gönnen dürfen. Sie haben selten einen freien Tag und bekommen kaum Gehalt, trotzdem dürfen sie sich glücklich über diese Anstellung schätzen, die weniger Glücklichen klopfen ja manchmal an die Tür des Dienstboteneingangs, Bettler oder entlassene Dienstboten, die auf ein paar Essensreste hoffen.

Die Serie hat für ihre Entstehungszeit Anfang der 70er Jahre erstaunlich harten Realismus zu bieten, wenn es um Darstellung der Armut im Londoner Osten geht. Interessant ist, dass alle, oben und unten, die Veränderung der Gesellschaftsordnung fürchten; höchste Tugend ist es, seinen Platz zu kennen und keinen anderen anzustreben. Als Lord Bellamy für seine Arbeit an einer politischen Biografie über seinen Schwiegervater eine Schreibkraft einstellt, an die sich sein Sohn heranmacht, ist Butler Hudson höchst irritiert, dass die Frau mit ihm im Salon speist und der beste Wein des Vaters geordert wird. Wenn die Verhältnisse so in Unordnung geraten, dann wird das irgendwann die Bediensteten betreffen.

Der Erste Weltkrieg, mit dem die dritte Staffel beginnt, bringt größere Verwerfungen mit sich. Diener Edward meldet sich freiwillig und kehrt traumatisiert zurück. Das einfältige Küchenmädchen sucht sich eine Stelle in einer Munitionsfabrik, bei der sie mehr verdient, als sie am Eaton Place je zu erwarten gehabt hätte. Und weil ein blasiertes Damenkomitee dafür wirbt, sich für belgische Flüchtlinge zu engagieren, erklärt sich Lord Bellamy bereit, eine Familie von dort aufzunehmen.

Man ist dann allerdings entsetzt, was für ungehobelte Bauern eintreffen, seine Lordschaft steckt sie sofort nach unten zum Personal. Die Bediensteten haben schnell die Nase voll von den undankbaren Grobianen. Sie lassen sich nicht baden, sie rümpfen die Nase über das Essen und haben Läuse. Das Personal, das seinen Lebensraum teilen muss, rebelliert. Zum Glück kann die junge Miss Georgina dolmetschen, kulturelle Differenzen klären sich auf, das Schicksal der vertriebenen Familie rührt alle zu Tränen, sie wird allerdings auf einen Bauernhof verlegt, was ihrer Lebensweise besser entspricht.

Weniger gut ergeht es einem deutschstämmigen, längst eingebürgerten Bäcker, der bis dahin bei seiner Kundschaft sehr beliebt war. Von der Zeitungspropaganda aufgehetzte Nachbarn überfallen den Laden, verprügeln und vertreiben den Bäcker und seine Familie. Selbst Hudson, der als Schotte und glühender britischer Patriot in jedem in England lebenden Deutschen einen potenziellen Spion und Brunnenvergifter sieht, kommt ins Nachdenken.

Übrigens erinnere ich mich, wie auffällig es mir als Kind war, dass ständig gefragt wurde, ob jemand „einen Sherry“ trinken wolle. Mitten am Tag. Beim Sichten der DVD-Edition (das ZDF hatte damals Folgen gekürzt oder ganz weggelassen) warte ich immer darauf, dass nur einmal „Sherry“ gesagt wird. Man trinkt stattdessen Cognac. Ich weiß nicht, wie es zu der Gedächtnisfehlleistung gekommen ist.

06:00 12.10.2016
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