Invasion der Gambas

Spanien Die katalanische Metropole Barcelona steckt in einer Tourismusblase, die jederzeit platzen könnte. Immer mehr Einheimische machen gegen die Entfremdung ihrer Stadt mobil
Conrad Lluis Martell | Ausgabe 34/2016 2

Kennst du Barcelona? Es ist eine gewaltige Stadt. Sie ist wirklich wild. Die Leute gehen nicht vor zehn abendessen. Danach ist Partyzeit. Du wirst nicht viel schlafen“, so wird der Student Xavier in Barcelona eingeführt. Die Komödie L’auberge espagnole aus dem Jahr 2002 vermittelt noch immer die Sehnsüchte, die Barcelona weckt. Eine Stadt der Sonne und des Meeres, offen und multikulturell. Jung, schön, unbeschwert, ewig braungebrannt. Aus der ganzen Welt kommend, suchen die Besucher jene mediterrane Leichtigkeit, die zur weltweiten Marke geworden ist. Im Vorjahr empfing Barcelona 30 Millionen Besucher – auf der Durchreise, für Tagesbesuche oder längere Aufenthalte (davon übernachteten acht Millionen in Hotels). Barcelona ist zudem der Hauptanlaufpunkt von Kreuzfahrtschiffen im Mittelmeer. Darunter das weltweit größte, Harmony of the Seas, das mehr als 8.000 Passagiere fasst.

Der ruhige, wenig aufregende Ort meiner Kindheit der 90er Jahre, den Fremde kaum besuchten und den selbst die Einheimischen bei erstbester Gelegenheit verließen, ist heute nach London, Paris und Rom zum beliebtesten Reiseziel Europas aufgestiegen. Der Tourismusboom ist die letzte Etappe eines Erfolgsmodells, das mit den Olympischen Sommerspielen 1992 begann. Seither ist die Metropole am Mittelmeer zur Weltstadt aufgestiegen. „Barcelona ist ein Einkaufsparadies“, „Barcelona ist eine Perle“ – die Werbeslogans wurden Programm. In den Sommermonaten wird die Stadt vielerorts durch Touristen beschlagnahmt. Längst betrifft dies nicht nur Kernzonen wie das gotische Viertel, La Rambla – Barcelonas berühmte Promenade – oder das Künstlerquartier Born. Die Folgen des Tourismushypes lassen sich am traditionell ruhigen Viertel Poblenou ablesen. Noch im Jahr 2000, als sie als Erste im Viertel eine Pension eröffnete, wurde sie als verrückt bezeichnet, erinnert sich Mercedes, Betreiberin der Herberge Poblenou. Doch das beschleunigte Aufkommen von Hotels, Pensionen und vor allem von illegalen Touristenapartments verändere das Viertel. Noch gebe es, erzählt Mercedes, „eine gute Balance zwischen Einheimischen und Touristen“. Alte Frauen sitzen neben Skatern auf den Bänken der Spazierpromenade. Man scheint sich gut zu vertragen, eine Kultur der Toleranz ist zu spüren. Das Viertel, sagt Mercedes, habe seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Doch die touristische Entwicklung verlaufe rasant und ungebremst.

Spektakel am Montjuïc

Offenbar tut auch das neue, linke Rathaus unter Bürgermeisterin Ada Colau, seit Mai 2015 im Amt und unter anderem von Podemos unterstützt, nichts oder nicht genug dagegen. Besonders nicht gegen illegal vermietete Apartments, deren Eigentümer keine Steuern zahlen und die Mieten in die Höhe treiben. Einige hundert Meter entfernt protestiert eine Gruppe Aktivisten. Unter dem Motto Ens plantem! (Wir widersetzen uns!) skandalisieren sie die touristische Vermassung des Viertels und den Verdrängungsprozess, der damit einhergeht. Sie verlangen ein Moratorium für die Inbetriebnahme neuer Hotels und die strikte Kontrolle touristischer Apartments. Sie glauben, das Rathaus liefere sich der Tourismuslobby aus. Tatsächlich hat die Bürgermeisterin im Mai einen Tourismusrat mit Parteien, Hoteliers und deren Lobbyisten, Nachbarschaftsvereinen und Experten einberufen. Er soll für eine nachhaltige Tourismusstrategie sorgen und sich um die Lebensqualität der Stadtbewohner kümmern. Im Juli trat ein Aktionsplan zur Bewältigung des Massentourismus in Kraft. Anfang August ließ das Rathaus verlauten, man habe dank der dadurch geschaffenen Mittel in einem Monat mehr als 250 illegale Gästeapartments ausfindig gemacht.

Aber noch kann die Stadtverwaltung ihre Kritiker damit nicht überzeugen. Der Pensionswirtin Mercedes zufolge ist es leichter, auf einen Kontrollgang zu ordnungsgemäß angemeldeten Hoteliers zu gehen, als die inoffiziell agierenden Vermieter ausfindig zu machen. Auch María José Lecha, Stadtabgeordnete der linksradikalen Candidatura d’Unitat Popular (CUP), hält den neuen Rat für keinen Königsweg. Die normalen Bürger seien darin unterrepräsentiert, sie würden von der Hotel- und Tourismuslobby geradezu in die Enge getrieben. „De facto stellt der Rat sicher, dass die Tourismusblase weiter wächst – und die Großkonzerne davon profitieren.“

Was das im Stadtalltag bedeutet, bekomme ich vor der Haustür zu spüren. Nahe meiner Wohnung an der Plaça d’Espanya ist an vier Tagen in der Woche der Font Màgica in Betrieb, ein großer Springbrunnen am Fuß des Stadtberges Montjuїc, mit Licht und Musik vom Band untermalt. Das Spektakel zieht Tausende an. Viele werden von Badeorten wie Lloret de Mar, Calella oder Pals für einen Tagesausflug nach Barcelona gefahren, der Besuch des Springbrunnens schließt ihre Exkursion ab. Mehr als 50 Reisebusse reihen sich an der Auffahrt des Montjuїc. Die Szenerie wirkt wie ein großes Dispositiv: Alle – Touristen, Busfahrer, Portiers, Kellner und Polizisten – erfüllen ihre Rolle, auch der Verkäufer billigen Leuchtspielzeugs, der an einem Abend 20 bis 30 Euro einnimmt. Die Touristen sind aufgefordert, eine vorgegebene Zeit auf den Stufen zu sitzen, den Springbrunnen zu bewundern und sich dabei von Céline Dion berieseln zu lassen. Ein Barcelona-Besuch soll auf diese Weise romantisch abgerundet werden. Weil sonst nicht alle mit ihrem Barcelona-Paket zufrieden sind? Eine vierköpfige Familie aus den Niederlanden etwa, die dafür einen Tagessatz von 150 Euro zahlt und trotzdem die Kathedrale Sagrada Família nur von außen sieht.

Verlorener Sehnsuchtsort

Was zeichnet das Tourismusmodell Barcelonas aus? Nach Saida Palou, Autorin des Buches Barcelona, destinació turística, ruht der Boom im Fremdenverkehr der katalanischen Kapitale auf zwei Säulen: der Organisation von Großevents, um konkrete Zielgruppen anzuziehen, von Musikveranstaltungen wie dem Elektrofestival Sónar über das schwul-lesbische Circuit bis hin zum Fòrum de les Cultures. Die zweite Säule besteht in der aktiven Vermarktung von Stadtterrain, das noch nicht touristisch erschlossen ist. Exemplarisch dafür ist der ganzjährig verkehrende, populäre Bus Turístic, dessen Sightseeing-Touren durch Quartiere führen, die selbst Einheimische kaum besuchen.

Parallel dazu florieren Bürgerinitiativen, die sich gegen den Massentourismus wehren: Barceloneta rebel (rebellische Barceloneta), Som Paral.lel, Ciutat Vella no està en Venda (Die Altstadt steht nicht zum Verkauf) oder Poblenou ens plantem … Dieses Sammelsurium, mittlerweile in einem Netzwerk vereint, hinterlässt seine Spuren in der öffentlichen Debatte. Lokale Medien wie La Vanguardia und El Periódico stimmen darin ein. Zuweilen zeichnen ihre Schlagzeilen ein Bild „fremder Massen“, die grölend durch die „eigenen Viertel“ ziehen. Sie zeigen überfüllte Strände oder wie die Einheimischen aus der eigenen Stadt verdrängt werden.

Die Wut entlädt sich auch gegen die Touristen selbst. Besucher aus Nord- und Mitteleuropa nennt der Volksmund abschätzig guiris oder gambas (wegen der oft knallroten Gesichter). Für sie ist in Souvenirshops und Tante-Emma-Läden alles etwas teurer, in vielen Restaurants werden sie mit Fertig-Paellas und Supermarkt-Sangrías abserviert. Ist dieser Zorn gerechtfertigt? „Das Problem ist nicht, dass es Touristen gibt, sondern dass es nur Touristen gibt. Es war nicht der Tourismus, der dem Stadtkern seine Geschichte und seine Leute raubte, sondern das Management der Stadt im Zeichen von Business und Profit“, so die Ansicht des Anthropologen Manuel Delgado, der den Blick vom Touristen weg auf die hausgemachte Politik lenkt.

Tatsächlich war das Modell Barcelonas jahrelang ein Modell des beschleunigten Wachstums um jeden Preis. Heute, im achten Jahr der Wirtschaftskrise, äußern sich die unangenehmen Folgen. Vielerorts wird wie am Montjuїc öffentlicher Raum zum bloßen Happening-Ort, historisch wie sozial entwurzelt. Barcelona ist damit ein doppelt verlorener Sehnsuchtsort: Die Touristen suchen das unbeschwerte Mittelmeerparadies, das ihnen versprochen wurde. Die Einheimischen sehnen sich nach dem authentischen Viertel, in dem sich alle kannten. Da sich keine Seite auf den Istzustand einlässt, entgeht beiden etwas. Würde die deutsche Urlauberin nicht die „beste Tapas-Bar“ suchen, sondern – wie der Ladenbesitzer von nebenan – in einer Bar am Markt ihren Vormittagskaffee nehmen, könnte ein geteilter Erfahrungsraum entstehen. Dadurch wären nicht alte Sehnsüchte erfüllt, vielleicht aber neue geweckt.

Auch der inzwischen überlaufene Stadtstrand der Barceloneta erfüllte einst die Wünsche all jener, die sich anders als das katalanische Bürgertum keine Zweitresidenz an der Costa Brava leisten konnten. Nicht zufällig bezeichnete der Schriftsteller Manuel Montalbán den Strand als „einzige greifbare Errungenschaft der Linken in Barcelona“. Aus dem Zugewinn an Lebensqualität für die Arbeiterschaft ist heute ein von den Einheimischen geschmähtes Symbol des Billigtourismus geworden. Der Strand als ein Ort der Erholung verliert für Einheimische wie Besucher an Wert. Die Stadt versucht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. An den Stränden werden Behälter für Kippen und anderen Müll verteilt. Aber der Erfolg lässt zu wünschen übrig: Die gut gemeinte Umwelterziehung erweist sich angesichts der kurzen Verweildauer der Urlauber als Sisyphusarbeit. So zumindest erzählt es eine Mitarbeiterin der Kampagne. Auf die Frage, wie der Tourismus in Barcelona nachhaltig gestaltet werden kann, gibt es nach wie vor keine Antwort.

Der Stadtrundgang endet im Kiez, im ruhigen Hostafrancs, zwischen Plaça d’Espanya und Estació de Sants. Trotz Zentrumsnähe zieht hier jedes Jahr aufs Neue die althergebrachte Auguststimmung ein. Die Straßen sind leer, die Kneipenterrassen voll, der Kleinhandel beklagt, dass die Kunden in den Ferien sind. Nachts um eins weckt mich Geschrei. Ich denke an betrunkene guiris. In Wirklichkeit sind es Kinder auf dem Platz beim vorletzten Fußballspiel.

Mitarbeit: Sophie Arndt
06:00 07.09.2016

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