Investor’s Cut

Kino Hollywood dreht extra für den chinesischen Markt eine Version von „Iron Man 3“ und engagiert dafür einheimische Stars. Zur Erklärung eines Booms

Shanghai. Hongkou-Distrikt. Seit kurzem gibt es hier ein 3-D-IMAX-Erlebnis-Surroundkino der Superlative. Auf dem Programm steht, natürlich, auch Iron Man 3 mit der chinesischen Starschauspielerin Fan Bingbing in einer Nebenrolle – allerdings nur in der speziellen Fassung, die Hollywood exklusiv für den chinesischen Markt produziert hat.

Dieser „Chinese Cut“ hat die Aufmerksamkeit auf das chinesische Kino als Rezeptions- beziehungsweise Konsumptionsort gelenkt – chinesische Filmproduktionen haben bekanntlich schon seit geraumer Zeit ihren Platz auf den weltweiten Festivalspielplänen sicher. Tatsächlich ist der Boom des chinesischen Kinomarkts bemerkenswert. Angesichts der Milliardenbevölkerung wundert man sich allerdings, warum China erst im vergangenen Jahr Japan als zweitgrößten Markt hinter den USA abgelöst hat. Die Einnahmen haben sich in den letzten vier Jahren rapide vervielfacht – von 620 Millionen auf 2,7 Milliarden Dollar. Dass der chinesische Markt wieder etwas gilt für ein Kino der technischen Superlative, ist auch vor dem geschichtlichen Hintergrund interessant.

Die technische Entwicklung

Shanghai etwa war ein wichtiger Ort für den chinesischen Film. 1908 wurde hier eines der ersten, wenn nicht das erste Kino Chinas eröffnet. In jedem Fall war die Stadt das Zentrum der jungen Filmindustrie und der neuen Leinwandstars. Tausende säumten die Straßen in unverhohlener Trauer, nachdem die Ikone Ruan Lingyu (1910-1935) 24-jährig Selbstmord verübt hatte. Sie war das Symbol des jungen chinesischen Films und hatte bis zu ihrem frühen Tod in einem Nachbarviertel des Hongkou-Distrikts immerhin 29 Filme gedreht.

In der Mao-Zeit bestimmten Filme um die Helden der Revolution das eher kärgliche Kinoleben, besonders beliebt waren die großen Filmvorführungen auf Stoffleinwand unter freiem Himmel. Seit Beginn der achtziger bis hinein in die neunziger Jahre erlebten die Klassiker Hollywoods in vollen Lichtspielhäusern ihr China-Revival. Ich selbst erinnere mich, wie ich inmitten vieler anderer mehr oder weniger heimlich Verliebter gemeinsam mit der Angebeteten Im Winde verweht gesehen habe. Oft gehörten die Kinos zu den Universitäten, Studenten waren die Hauptzielgruppe.

Mitte der neunziger Jahre kam dann die Video-CD nach China, und damit trat das Heimkino in direkte Konkurrenz zum Monopol der alten Lichtspielhäuser. Der technologische Zwischenschritt der Videokassette wurde einfach übersprungen. Auf die VCD folgte die DVD – ebenfalls oft als illegale Kopien der neuesten Produktionen aus In- und Ausland. Bessere Qualität boten die Kinos, die ab 1994 auch wieder aktuelle amerikanische Filme zeigten. Wie viele der DVD-Kopien von wie vielen Läden im Lande vertrieben werden, ist zwar unbekannt und lässt sich schlecht in Zahlen fassen, aber ein Gang um die nächste Straßenecke eröffnet rasch ein breites Angebot von neuesten Produktionen aus Hollywood, China und dem Rest der Welt.

Mit Fan Bingbing

Die Rückkehr des Kinos als Schauort hat nun mehrere Gründe. Seit wenigen Jahren bestimmen riesige Shopping-Malls wie The Longemont in Hongkou das Freizeitleben der jüngeren Chinesen. Das sind All-in-One-Konzepte, die Beschäftigung rund um die Uhr bieten: vom Shopping über Essen aus aller Welt bis zum neuen Event-Kino mit Großleinwand.

Aus Sicht des chinesischen Zuschauers steigern die Gastrollen wie die von Fan Bingbing in Iron Man 3 die Attraktivität des neuen Kinos genauso wie die verwendeten populären chinesischen Symbole: Die Terrakotta-Armee war schon im Lara Croft: Tomb Raider-Sequel von 2003 zu sehen; Global-Actionfilme der Marke James Bond machen heutzutage vor der Wolkenkratzerkulisse des Shanghaier Business-Quartiers Pudong Station. Die Folge sind neue Kinos im ganzen Land, angeblich öffnen statistisch gesehen jeden Tag neun neue Leinwände. Die Initialzündung für diese Entwicklung lieferte James Camerons 3-D-Epos Avatar (2009), der seine Fantasielandschaft nach dem Zhangjiajie-Nationalpark in der Provinz Hunan im Landesinneren modellierte.

Avatar war bekanntlich der Film, der für das Revival der 3-D-Technologie steht. Die Verknüpfung ist kein Zufall: Der Kitzel des Gigantischen sticht das Heimkinos aus (und damit die DVD im Laden an der Ecke). Dieser Kick trifft in China auf eine konsumfreudige, technikverwöhnte Generation jüngerer Menschen. Der Gang ins Kino der Superlative passt zum Lebensgefühl der jungen Mittelklasse.

Nicht zuletzt geht es beim Kino-Boom in China ums Geld. War die Eintrittskarte für ausländische Filme mit bis zu 120 Renminbi (etwa 15 Euro) ziemlich teuer (DVDs gibt es, illegal kopiert, für ein Zwölftel), so kostet der Kinobesuch dank der Rabattseiten im Netz mittlerweile nur noch 30 bis 40 RMB. Ein Schnäppchen wie beim Shoppen.

Marcus Hernig pendelt derzeit zwischen Shanghai und Kyōto, wo er die Villa Kamogawa des Goethe-Instituts leitet. 2012 erschien in der Anderen Bibliothek sein Buch Eine Himmelsreise. China in sechs Gängen

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01:00 21.05.2013

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