Iraks geteilte Zukunft

Unausweichlich Schiiten und Sunniten werden ihre eigenen Wege gehen - ein freies Kurdistan steht auf der Tagesordnung

Im Armed Forces Journal, der Zeitschrift der US-Streitkräfte, benennt Ralph Peters ein fundamentales Problem des Mittleren Ostens: "Internationale Grenzen sind niemals völlig gerecht. Aber die willkürlichsten und deformiertesten Grenzen der Welt finden sich in Afrika und dem Mittleren Osten, einst markiert von eigennützigen Europäern. Um auf ein Wort Winston Churchills zurückzugreifen, die ungerechten Grenzen im Mittleren Osten verursachen mehr Ärger, als man dort verkraften kann ..."

Der Irak ist ein besonders prägnantes Beispiel dafür - der Versuch des britischen Kolonialismus, eine irakische Nationalität zu schaffen, erwies sich von Anfang an als Totgeburt und verursachte mehr als 80 Jahre Qual und Leiden, denen Kurden, Schiiten und Sunniten ausgesetzt waren. Seit der Staatsgründung im Jahr 1922 regierte eine sunnitische Elite, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf Beistand aus London rechnen durfte und später dank der Machtbalance des Kalten Krieges überlebte. Die Herrschaft der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei ab 1968 gründete auf arabischem Nationalismus und sicherte einem vorwiegend sunnitischen Anhang die Macht mit allen Spielarten der Willkür gegen Schiiten und Kurden.

Die Frage ist nur noch: Geschieht dies ohne ein furchtbares Blutvergießen?

Oft harmonieren die bestehenden Grenzen heute nicht mehr mit den Interessen eines globalen Kapitalismus, so dass ihre Revision auf der Tagesordnung steht. Schließlich wollen die USA mit ihren Feldzügen in Afghanistan und im Irak nicht zuletzt die Geografie des Mittleren Ostens neu schreiben - gerade diese auf eine Revision des Status quo gerichtete Politik, hat zu den teils ablehnenden Reaktionen Deutschlands, Frankreichs, Russlands und Chinas geführt, als die USA mit ihrer Koalition der Willigen im Irak einmarschierten.

Seither - seit dem Kollaps des Baath-Regimes im April 2003 sucht der Irak nach einem Ausweg und bleibt ohne Hoffnung. Saddams Hinrichtung war mehr als nur ein Indiz dafür, sie sollte den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten vertiefen. Es wäre naiv, zu glauben, die Regierung al-Maliki und die US-Administration seien daran unbeteiligt gewesen. Wer nationale Versöhnung und eine Regierung der nationalen Einheit anstrebt, wie es al Maliki stets behauptet, der hätte das Verfahren gegen Saddam diesem Ziel unterworfen, statt ihn brutal und öffentlich am Vorabend eines heiligen Tages der Sunniten zu exekutieren. So besiegelte Saddams Tod von der Hand schiitischer Milizionäre die über kurz oder lang zu erwartende Teilung des Landes.

Es gibt keine Zukunft für einen vereinten Staat unter einer Zentralregierung, keine Hoffnung für ein Parlament, in dem Schiiten und Sunniten ihre Angelegenheiten gemeinsam regeln - eine Teilung ist unabwendbar. Die Frage ist nur noch: Geschieht dies ohne ein furchtbares Blutvergießen? Die bisherigen Erfahrungen lassen befürchten, die Separation wird mit viel Leid verbunden sein.

Es zeichnet sich ab, dass im Südirak ein unabhängiger schiitischer Staat entsteht (s. Karte), der bestrebt sein dürfte, sich auf Kosten Saudi-Arabiens und Irans bis zum Golf hin auszudehnen. Kerbela und Nadschaf stünden im Zentrum dieses Gebildes, dort stehen die heiligsten Schreine der Schiiten. Die islamische Welt würde sich damit um zwei große, einander widerstreitende Pole gruppieren - das sunnitische Mekka sowie Kerbela und Nadschaf. An diesen Stätten würden sich die Schiiten künftig stärker orientieren und nicht wie bisher am persischen Qom, der Residenz des Großayatollahs Khamenei. Damit schwände der religiöse Einfluss des Iran in der Region und der neue Schiitenstaat könnte sich als Widerpart Teherans - nicht als Verbündeter - erweisen.

Den USA, die ohnehin einen Regimewechsel im Iran anstreben, wäre in solcher Staat vermutlich sehr willkommen. Die theokratische Ordnung der Ayatollahs gilt als größtes Hindernis, sollen die staatlich gelenkten Ökonomien des Mittleren Ostens liberalisiert werden und zu Konsumgesellschaften mutieren - sollen sie für das kapitalistische System des Westens kompatibel sein, sollen die regionalen Ölressourcen ungehindert in dessen ökonomische Zentren fließen.

Nur kann der Irak nicht ohne weiteres in ein sunnitisches und ein schiitisches Gebilde aufgeteilt werden, ohne dabei die Zukunft Kurdistans zu tangieren - ein auf vier Staaten (Irak, Türkei, Syrien, Iran) verteiltes Gebiet, das ein permanenter Unruheherd im Mittleren Osten ist. Sein südlicher Teil um die Regionalhauptstadt Erbil hat durch die US-Okkupation des Irak viel gewonnen, die dortigen politischen Institutionen wie auch die Bevölkerung wissen, was auf dem Spiel steht. Die Führung Irakisch-Kurdistans hat stets betont: Versinkt der Irak in einem religiös motivierten Bürgerkrieg, werden die Kurden ihre Selbstbestimmung suchen. Genau das scheint inzwischen unausweichlich.

Der am meisten westlich orientierte Staat zwischen Bulgarien und Japan

Löst sich Kurdistan vom Irak, wird allerdings die Balance zwischen der Türkei, Syrien und dem Iran gestört. Erst kürzlich bekräftigte in Ankara Premier Erdogan, wie empfindlich seine Regierung auf derartige Eruptionen reagiert, und drohte den irakischen Kurden offen mit einer Militärintervention. Die Türkei, Iran und Syrien würden Erdogan zufolge gemeinsam handeln, um unerwünschte Entwicklungen im Nachbarland aufzuhalten. Derartige Gebärden sind weder neu, noch richten sie sich allein gegen die Kurden - ihr eigentlicher Adressat ist das Weiße Haus.

Doch Amerika muss wissen, die Kurden haben nichts zu verlieren außer ihrer Freiheit. Ralph Peters schreibt im Armed Forces Journal nicht zu Unrecht von der "schreiendsten Ungerechtigkeit in der für Ungerechtigkeiten berüchtigten Region zwischen dem Balkan und dem Himalaya" - einem Unrecht, das im Fehlen eines unabhängigen kurdischen Staates bestehe. Ein geeintes Kurdistan ist insofern nicht - wie oft behauptet - unmöglich, sondern vielmehr unausweichlich. Freilich wäre ein unabhängiges Irakisch-Kurdistan nicht überlebensfähig, solange andere Teile Kurdistans unter Fremdherrschaft blieben. Washington wäre daher gut beraten, die legitimen Forderungen der Kurden anzuerkennen, läge es doch im Interesse der USA, mit einem freien und souveränen Kurdistan auch auf den am meisten westlich orientierten Staat zwischen Bulgarien und Japan rechnen zu können.

Zwischentitel von der Redaktion

Azad Aslan ist Redakteur des englischsprachigen Kurdish Globe, der in Erbil, der Hauptstadt Irakisch-Kurdistans erscheint. Wir dokumentieren seine Analyse in gekürzter Form.

Übersetzungen aus dem Englischen von Steffen Vogel


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.02.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare