Irgendwie durchkommen

Kuba Der Tourismus steht wegen Corona vor dem Lockdown. Es trifft einen der wenigen florierenden Wirtschaftszweige
Irgendwie durchkommen
Corona in der Karibik

Foto: Yamil Lage/AFP/Getty Images

Die Menschen gehen ihren Einkäufen nach, vor den Bodegas bilden sich die gewohnt langen Schlangen, vereinzelt sieht man Touristen durch die Straßen flanieren, noch herrscht in Havanna weitgehend Normalität. Nur dürfte es damit bald vorbei sein. „Wir werden die Einreise regulieren und nur noch Kubaner und Residenten ins Land lassen, dabei aber so flexibel sein, sodass der Kontakt mit anderen Ländern erhalten bleibt“, kündigt Präsident Miguel Díaz-Canel im kubanischen Fernsehen angesichts der Corona-Krise an. Wer nach dem 24. März aus dem Ausland auf der Insel eintreffe, müsse in eine 14-tägige Quarantäne.

Die zuletzt gut 60.000 im Land verbliebenen Touristen – darunter knapp 5.000 Deutsche – sollen innerhalb einer Woche ausreisen. Die meisten Hotels würden schließen. „Es wird nur noch die Abreise von Touristen geben, keine Ankunft mehr“, teilt Premier Manuel Marrero mit. Das sei keine Grenzschließung, „sondern eine Einreisebestimmung“. Kultur- und Sportveranstaltungen waren schon zuvor abgesagt worden. Schulen und Geschäfte dagegen bleiben vorerst geöffnet. Restaurants müssen ihre Kapazitäten um 50 Prozent reduzieren.

Bis die Regierung ihre Maßnahmen verkündet hat, gab es auf Kuba 21 bestätigte Corona-Fälle, allesamt Ansteckungen, die „importiert“ worden seien. In der Bevölkerung wurden prompt Forderungen lauter, man müsse die Grenze schließen. Was nun in Aussicht steht, wird in den sozialen Medien mit Erleichterung quittiert, auch von Eduardo Fabra aus Centro Habana. Der Schreiner, 58, bietet vor seiner Haustür selbst gedrechselte Lampen und Tischchen feil. „Aber wer kauft das jetzt noch?“, fragt er. „Wir müssen versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Wir sind Krisen gewohnt und sollten auch diese überstehen.“ Seine beiden Kinder studieren Medizin. Eine Tochter habe sich als Freiwillige gemeldet. Wie überhaupt die Regierung 27.000 Medizinstudenten aktiviert hat, die von Tür zu Tür ziehen, um möglicherweise Infizierte zu finden. Vorrangig allein lebende ältere Kubaner werden regelmäßig besucht. „Meine Kinder sagen, die Regierung ist gut vorbereitet und weiß, was sie tut“, sagt Eduardo Fabra.

Ähnlich sieht das der Kuba-Experte Bert Hoffmann vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA). „Das Gesundheitssystem Kubas ist mit am besten in ganz Lateinamerika vorbereitet auf eine solche Epidemie, wie wir sie jetzt erleben.“ Er verweist auf Missionen kubanischer Ärzte in Westafrika während der Ebola-Krise. Zudem sei das System auf eine jederzeit flächendeckende Versorgung ausgelegt. Kuba könne wegen seiner politischen Strukturen ein limitiertes öffentliches Leben viel besser durchsetzen als etwa Deutschland. Es gelten zudem solidarische Prinzipien. Eine Brigade aus 53 Medizinern ist bereits in die Lombardei geflogen, um dort zu helfen, ebenso in Suriname, Grenada, Jamaika, Nicaragua und Venezuela.

Hauch einer Chance

Es sei damit zu rechnen, dass mit der Corona-Krise der Kuba-Tourismus in diesem Jahr komplett zusammenbreche, so Hoffmann. „Es trifft einen der wenigen Sektoren der hiesigen Ökonomie, der wächst. Dadurch wird es einen massiven Einbruch geben und das Land, das ohnehin in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt, hart getroffen.“ Nicht zuletzt der Privatsektor wird darunter leiden. Taxifahrern, Zimmervermietern, Reiseführern, den Betreibern von Restaurants schwinden die Einnahmen. „Niemand weiß, wer für die Kosten aufkommt“, sagt der Geschäftsführer eines deutschen Reiseveranstalters, der seit 1992 auf Kuba präsent ist, seinen Namen aber nicht genannt wissen will. „Wir sind ab jetzt im Krisenmodus, denn unsere einheimischen Mitarbeiter verdienen ab sofort nichts mehr, da kein Geld mehr da ist.“ Er gehe davon aus, dass es in den kommenden sechs Monaten keine Buchungen gibt. Allein die Stornierungen kosteten mehrere Zehntausend Euro. Der kubanische Staat verhalte sich überaus konziliant, wenn Löhne, Mieten und Steuern für ein halbes Jahr gestundet würden. „Das gibt uns den Hauch einer Chance, um zu überleben. Mehr oder weniger sind wir bereits zahlungsunfähig und versuchen zu retten, was zu retten ist.“ Die Devise laute: „Irgendwie durchkommen.“ Das gilt für das gesamte Land.

Andreas Knobloch arbeitet in Havanna

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