Irgendwie ist es ein Teil meines Lebens

Alltag Oft fragt sich Marlene, ob sie Hure ist, weil sie Single war oder Single bleibt, weil sie Hure ist. Wie ein Job Alltag wird

Du bist zu dick." Der Satz hätte genügt, und Marlene wäre auf die Suche nach einem anderen Job gegangen. Hätte sich abgeschminkt, das Schamhaar wieder wachsen lassen, vielleicht der Fresssucht nachgegeben. Aber das Bewerbungsgespräch lief gut; sie musste sich nicht ausziehen, wie befürchtet, und sich nicht im Kreis drehen. Stattdessen durfte sie gleich loslegen. Vorher noch schnell ein Billig-Lackkleid bei Beate Uhse erstanden, und dann hatte sie auch schon ihren ersten Kunden. Der wollte, dass sie sich die Lippen dunkel schminkte, einen Kussmund machte, mit der Zunge darüber fuhr und stöhnte. Kein Sex. Dazu kam es erst später. Es war ja kein normales Bordell, in dem Marlene arbeitete. Halbnackt, in String und Strapse ´rumzulaufen konnte sie sich nicht vorstellen. Dann lieber Domina. In der Anzeige, auf die sie sich meldete, stand "gerne Anfänger". Sechs mal hatte sie sie gelesen, bevor sie tatsächlich anrief.

Jetzt, sechs Jahre später, ist sie nicht schlanker geworden, aber selbstbewusster. Ihr Schneewittchenhaar trägt sie offen, trotz der Hitze ist sie komplett in schwarz gekleidet, auch ihr Cockerspaniel Martha ist schwarz und genauso offen und freundlich Besuchern gegenüber wie sein Frauchen. In der Kneipe am Wiener Naschmarkt, wo Marlene als Kellnerin aushilft, herrscht Hochbetrieb. Doch sie bleibt gelassen, ihre Bewegungen zwischen den forstgrünen Tischen sind ruhig und bedächtig. Zu ihren Füßen liegt Martha und gähnt inbrünstig.

Im Anschluss an die Arbeit muss Marlene ein Referat halten. Eigentlich wollte sie ihre Schicht heute abkürzen, aber weil sie nicht Nein sagen konnte, wird sie das Referat eben nebenbei, zwischen den Bestellungen vorbereiten. Multitasking ist Marlene gewohnt bei drei Jobs plus Studium. Verzichten wollte die 26-Jährige auf keinen von ihnen, weder aufs Kellnern noch aufs Eisverkaufen und auch nicht aufs Anschaffengehen. Kein Wunder, dass Martha, die überall mit hin muss, da manchmal etwas müde ist. Unser Interview vertagen wir auf den nächsten Morgen. Da empfängt Marlene in ihrer Wohnung, die sie mit vier anderen teilt. Der Flur ist violett gestrichen, ihr eigenes Zimmer terrakotta; weiße Wände erträgt sie nicht: "zu kalt". Leoparden- und Tigermuster auf Kissen, Dosen, Decken, Blumentöpfen. Im Regal stehen neben belletristischen Werken auch Ratgeber zu Sadomasochismus. Im SM-Studio allerdings arbeitet sie schon lange nicht mehr. Nach einem Jahr Schichtdienst à fünf mal zehn Stunden im Studio Weiss, Berlins ältestem SM-Studio, wo sie vier- bis sechstausend Euro im Monat verdiente, inserierte sie eigenhändig in Stadtmagazinen wie Tipp und Zitty: "Dralle Studentin macht den niveauvollen, solventen Mann glücklich." Sie hatte ihre Handynummer angegeben, und egal wo sie war, nahm sie Anrufe entgegen. Sie kann den Spruch heute noch auswendig: "Ja, hallo, ich bin Marlene, Studentin, natürlich, vollbusig ..." Was die Leute um sie herum dachten, interessierte sie nicht. Ihre Freunde bezahlte sie dafür, dass sie sie zu ihren Hausbesuchen begleiteten und im Auto auf sie warteten oder mit Martha Gassi gingen.

Nie hätte sie Berlin freiwillig verlassen - der Numerus clausus für Psychologie zwang sie, nach Wien zu ziehen. Ihr Leben hat sie mitgenommen. Sie inseriert jetzt im Internet auf Erotikportalen, und wie zuvor in Prenzlauer Berg, kellnert sie, denn sie braucht das als Ausgleich, möchte nicht auf die Prostitution angewiesen sein. Und manchmal muss sie sich regelrecht zwingen, Kundschaft anzunehmen, denn sie schminkt sich nicht gerne, macht sich ungern die Haare zurecht. Wenn jemand anruft und sie hat keine Lust, will lieber fernsehen, dann sagt sie: Nee, nee, tut mir leid, heute Abend geht´s leider nicht. "Aber ich setz´ das jetzt durch, dreimal die Woche zu arbeiten, egal ob ich Bock hab´ oder nicht", beschließt sie mit ihrer tiefen, samtenen Stimme.

Im Hotel, wo sie derzeit ihre Kunden trifft, lässt es sich angenehmer Geld verdienen als im SM-Studio, wo die Wände schwarz waren, ohne Fenster, wo es nach Sperma und Desinfektionsmittel roch. Dort saß sie Abend für Abend mit einer Handvoll weiterer Mädchen. Die Gespräche drehten sich um Missbrauch. "Ich glaube, ich war die einzige, die nicht von ihrem Vater, ihrem Stiefvater und dem Onkel dazu vergewaltigt wurde." Sie arbeitete von zehn Uhr abends bis acht Uhr morgens, im Anschluss fuhr sie direkt in die Schule - ihr Abitur nachmachen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die damals 20-Jährige bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Sie ist in Bayern aufgewachsen, als sie 15 war, trennten sich ihre Eltern, weil herauskam, dass ihr Vater seit Jahren ein Doppelleben führte. Sie zog von zu Hause aus in eine eigene Wohnung, flog in der zehnten Klasse von der Schule, weil sie ständig fehlte, fing an zu kiffen und zu fressen; einst war sie schlank, mit 18 wog sie 120 Kilo. Sie machte eine Ausbildung zur Sozialbetreuerin, mit 19 zog sie nach Berlin, beschloss ihr Abitur nachzuholen. Sie brauchte Geld, hatte von Gastronomiejobs die Nase voll; Sex machte ihr keinen Spaß, darum dachte sie sich: "Okay, dann kann ich ihn auch verkaufen." So sagt sie es jedenfalls. Die Foltertechniken, die sie für die Arbeit im SM-Studio beherrschen musste, den Umgang mit Wachs, Nadeln, Peitsche, erprobte sie an Übungsklaven. "Ich bin keine gute Domina", urteilt Marlene, "aber es ist erstaunlich, mit was für einer billigen Illusion sich Männer zufrieden geben."

Ihrem Vater hat sie diese Dinge nicht erzählt - er weiß bis heute nichts von ihrer Arbeit -, nur der Mutter. Die meinte: "Aha. Na, pass auf, dass dir nichts passiert." Geld kriegt sie von ihren Eltern nicht. Will sie auch nicht, sagt sie. Sie will unabhängig bleiben. 370 Euro kostet das Studium in Österreich pro Semester, das hat sie als "leichtes" Mädchen in zwei bis drei Stunden verdient. Da bleibt schon mal was zum Zurücklegen übrig, und sie hätte sich schon längst zwei Eigentumswohnungen leisten können, wenn, ja wenn: "ich nicht so viel verreist und essengegangen wär´."

Der Hang zum Luxus ist anerzogen. Ihre Eltern haben eine eigene Baufirma, als Kind ging sie auf eine katholische Privatschule. Dort lernte sie, wie man Bananen mit Messer und Gabel schneidet, heute isst sie mit dem Ellbogen auf dem Tisch und der Gabel in der Rechten. Genauso wenig Wert wie auf Etikette legt sie auf Garderobe, zu Rendezvous erscheint sie in Alltagskluft: Schlabbershirt, Schlabberhose. Neulich, als sie in ein sehr teures Hotel bestellt wurde, hat sie sich gegen ihre Gewohnheit herausgeputzt. Prombt ging es schief: Sie trug Catsuit und Gehrock, ihr Kunde Jeans und Adidas-Jacke. "Läufst du immer so ´rum?", war seine Bemerkung. Aber so leicht verunsichert Marlene nichts mehr. Schon gar nicht sexuelle Anspielungen, die sie sich als Kellnerin oft anhören muss; da kontert sie ohne rot zu werden. Auch ihr Verhältnis zu ihrem Körper ist besser geworden. Sie wiegt nur noch 75 Kilo bei einer Größe von 1,70 Metern. Manchmal schämt sie sich für ihre Oberschenkel, aber da ist ja noch der Busen, der einfach klasse aussehe; sie weiß, der zieht immer. Um ihre "Winkerarme" kümmert sich jetzt ein personal trainer. Gleich muss sie los, ins Fitnessstudio.

Natürlich vermisst sie Berlin. In Wien muss sie Marthas Notdurft von der Straße aufheben, in Berlin schert sich niemand darum, dass sie Martha ohne Leine laufen lässt, von der Notdurft ganz zu schweigen. Dafür sind in Wien die Arbeitsbedingungen für Huren besser, die Konkurrenz ist kleiner, das Geld sitzt lockerer. Hier ist es leichter, einen Stundenlohn von 150 Euro durchzusetzen. Trotzdem fährt sie in regelmäßigen Abständen nach Deutschland, unter anderem, um Ron, einen ihrer Stammfreier zu treffen. Die beiden kennen sich seit vier Jahren, Marlenes Freundinnen nennen ihn "Ron Rohrstock". Er schätzt sie, "weil sie eine junge, schöne, gebildete, intelligente SMlerin sei." Ron, 66, der eigentlich in Irland lebt und Berlin nur alle paar Wochen besucht, trägt zu den Jeans ein verwaschenes T-Shirt, das er sich vor 20 Jahren im Urlaub gekauft hat. Seine Wohnung ist sparsam eingerichtet, viel Ikea, viel weiß. Er sitzt am Schreibtisch, spricht, den Kopf leicht nach oben gerichtet, als ob von dort die Antworten kämen. Er trägt Vollbart, die wenigen auf dem Kopf stehengebliebenen Haare weigern sich glattzuliegen, so wie die mephistophelischen Augenbrauen.

Bei Prostituierten, sagt er, holt sich Ron nicht nur Sex. Er sucht auch Gesellschaft. Darum sei es ihm wichtig, dass sie gebildet seien und er sich mit ihnen gut versteht. Und er sagt sich, dass Marlene nicht nur des Geldes wegen mit ihm schläft, sondern ihm freundlich genug gesinnt sei, um Spaß an der Arbeit zu finden. Das deckt sich mit Marlenes Darstellung: Ron sei ihr Freund. Ihre Kunden brauchten Liebe, Berührung, Gespräche. Dadurch sei er ihr über die Jahre hinweg "treu" geblieben.

Untreu ist Ron dagegen seiner Ehefrau. Sie weiß nichts von seinen Berliner Ausschweifungen, auch mit Freunden spricht er nicht darüber, denn er bewegt sich in bürgerlichen Kreisen, wo so etwas nicht zugegeben wird. Sein Geld, das er teils geerbt hat, teils als Hochschullehrer verdient hat, gibt er für Essen, Opern, Reisen - und Marlene aus.

Marlene ist Single. Die Liebelei, die sie seit kurzem mit einem 30 Jahre älteren Mann verbindet, beschränkt ihre Freiheit nicht. Manche Menschen, sagt sie, sehnen sich nach einem Partner, mit dem sie alles teilen. Sie nicht. Sie komme gut alleine zurecht, und die ewige Liebe hält sie für eine Erfindung. Sollte sie dennoch irgendwann einmal wieder eine Beziehung haben, will sie nicht die gleichen Fehler machen wie beim letzten Mal: "Da hab ich´s nicht geschnallt, die Grenze zu ziehen." Ihr damaliger Freund wusste von Beginn an von ihrem Nebenjob. Einmal ist er einem Freier von ihr im Hausflur begegnet. "Das darf natürlich nicht sein. Ich hab das einfach immer so vermischt, bin mit meinen Kunden shoppen gegangen, obwohl mein Freund genügend Geld hatte." Die Beziehung hielt sechs Monate, es war die einzige innerhalb von neun Jahren, seit sich ihre erste Liebe von trennte, weil sie ihm zu dick geworden war.

Ron zweifelt: "Ist Marlene partnerlos, weil Nutte oder Nutte weil partnerlos? Was kam zuerst, das Huhn oder das Ei?" Und Marlene: "Wenn ich einen Typen kennenlernen würde, müsste ich eigentlich damit aufhören. Denn ich weiß gar nicht, ob ich einen Typen haben wollte, der sagt ›ooch, kein Problem, mach ruhig!‹. Aber damit aufhören wegen einer Beziehung? Ist ganz schön viel, das nimmt mir ja auch einen Teil meiner Unbeschwertheit. Außerdem gehört es mittlerweile zu meinem Leben und auch zu mir."

Wie lange sie ihren Körper noch verkaufen möchte, weiß sie nicht. "Ich habe mir nie ein Limit gesetzt. Aber ich hab mich mal gefragt, ob ich´s, wenn ich eine halbe Million gewinnen würde, trotzdem noch machen würde. Keine Ahnung. Jedenfalls sehe ich das Ende so schnell noch nicht. Bis 30 studier´ ich bestimmt, und dann kommt noch die Therapeutenausbildung. Und von Tütensuppen leben möcht´ ich nicht."

Auf dem Weg zum Fitnessstudio trabt Martha neben Marlenes Fahrrad. Sie überholen eine Frau in Highheels und Minirock. "Einmal 24 Stunden solche Beine haben", seufzt Marlene, parkt ihr Fahrrad. Die Frau stakt in die Lobby des Fitnesstudios, Marlene nimmt Martha an die Leine und folgt ihr.

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