Irgendwie persisch

Casting Wie unsere Reporterin versuchte, in Berlin-Kreuzberg eine Statistenrolle in „Homeland“ zu kriegen
Katharina Schmitz | Ausgabe 22/2015
Irgendwie persisch
Und das ist dann richtig authentisch Mittlerer Osten

Foto: Mario Aurich/Imago

Der Mann dort sieht ja wirklich wie Brody aus, der Terrorist, den das Drehbuch von Homeland im Iran töten ließ: die roten Haare, ein IRA-mäßiger Funktionsparka, so ein Gesicht, wie soll man sagen, weiß, irisch.

Gesucht werden hier in Kreuzberg, Prinzenstraße, 1.000 Statisten für die kommende, fünfte Staffel der preisgekrönten US-Fernsehserie Homeland, die teilweise in Berlin und Babelsberg gedreht werden wird. Aber unser Nicholas Brody hat den Bewerbungstext eventuell nicht genau gelesen. Denn gesucht werden „in Berlin lebende arabische, türkische, persische, nordafrikanische, syrische, südeuropäische und generell aus dem Mittleren Osten stammende Frauen, Männer und Kinder“. Man fragt sich, wie lange die Agentur an dieser Formulierung gefeilt hat.

1.000 Leute mit „südländischem Aussehen“, so formuliert es die Bild-Reporterin vor Ort, die zum Glück nicht blond ist. Man klingt in diesen Tagen ja schnell wie eine Kathrin Oertel, eine Ex-Pegida-Frau, so als meinte man „dschihadistisch“. Auch ich bin dunkelhaarig, aber „südländisch“ trifft es nicht, eher Mittlerer Osten? Vor ein paar Jahren wurde ich („Biodeutsche“) schon einmal als Libanesin gecastet.

Sprechen Sie Deutsch?

Einer steht hier mit Beinprothese. Etwa aus einem echten Krieg? Kinder sind da, ein paar junge Frauen mit Kopftuch. Eine mit Sonnenbrille obendrauf, was gut aussieht. Die Bild-Reporterin erklärt in die Kamera, wie das Casting heute ablaufen wird, und, ach, wie aufregend, sie will selbst eine Rolle ergattern. So wie ich!

„Sprechen Sie Deutsch?“, hört man die Bild-Reporterin die Wartenden fragen, dann murmelt sie dem Kameramann zu, „wenn die alle die Serie nicht gesehen haben“, dann könne man auch nichts fragen. Und wenn die Reporterin das jetzt schon herausgefunden hat, muss ich nicht auch noch rumlaufen und alle fragen, denke ich. Gott sei Dank. Ich frage die Jungs vor mir in der Schlange mal was anderes.

„Findet ihr, dass ich nach Mittlerem Osten aussehe?“ – „Du siehst irgendwie persisch aus. Südafrikanisch ginge auch noch!“ Die beiden sind Syrer, sie kennen die Serie nicht, sie sind dem Aufruf des Boulevard-Blatts B.Z. gefolgt. „Syrer seid ihr?“ – „Assyrer sind wir“, betont der eine etwas zugeknöpft und wendet sich wieder seinem Smartphone zu. Assyrer. Ich muss nun auch auf mein Smartphone schauen. Die Assyrer sind ein Volksstamm ohne Nation, erkläre ich mir. Ich hätte den Assyrer gern gefragt, warum er sein Herkunftsland nicht nennen will, aber das scheint mir hier unpassend.

Die beiden hinter mir frage ich: „Und als was wollt ihr durchgehen?“ Der Ältere, dem Akzent nach Schweizer, lacht, er begleite hier nur seinen Freund aus Griechenland. „Kennt ihr denn Homeland?“ – „Aber natürlich! Eine tolle Serie!“ Ist es also so, dass die echten oder täuschend echten Araber, die hierhergekommen sind, die Serie eher nicht kennen, und die, äh, Europäer es sind, die das Ganze als Fan-Spaß verstehen? Moment – Asiaten und Afroamerikaner sieht man auch, wobei Afroamerikaner jetzt auch wieder ungeschickt klingt. Und eben hat eine attraktive junge Frau mit tollen Locken, die sonst komplett nach Mittlerem Osten aussah, geklungen wie eine waschechte US-Bürgerin.

Endlich ein Mann mit Bart

Für uns geht es nun los. Die schier endloseSchlange, es sollen Hunderte gewesen sein, beginnt erst hinter uns. Der Schweizer findet, dass hier alles sehr „diszipliniert“ abläuft, was leicht verfänglich klingt, so als hätte er eigentlich „zivilisiert“ gemeint. Aber nein, der Schweizer ist nett. Er hatte wohl noch mehr Hipster-Hysterie an dieser Stelle erwartet, das Ganze hier ist ja auch ein ziemlich ausgefuchster PR-Coup.

Ich kriege die Nummer 37, werde dreimal fotografiert, nach Nationalität, Kleidergröße und Fremdsprachen gefragt. Man will sich gegebenenfalls melden. Der Schweizer hat abgewunken, er sei nur als Begleitung hier. Die Castingfrau: „Schade, dabei sind Sie doch mal ein Mann mit Bart!“

Ich frage eine junge Türkin, ich sähe nicht so richtig authentisch südländisch oder aus dem Mittleren Osten aus, oder? Es klingt immer noch doof, jedenfalls fühle ich mich unwohl, wir vom Freitag machen uns ja immer so viele Gedanken. In ihrer Antwort liefert sie die Kritik an Homeland gleich mit: „Es gibt ja auch Hellhäutige. Aber bei so was will man doch eher Stereotype. Aber du würdest sofort als Araberin durchgehen.“ Ob sie die Serie kenne, frage ich weiter. Ja, klar, sie sei nur nach der zweiten Staffel ausgestiegen (so wie ich). Ich habe den Eindruck (wie die Bild-Reporterin), nur wenige der Kandidaten hier sind mit der Serie vertraut.

Da ist wieder die Bild-Reporterin. Drei Jungs gehen lachend vorbei, sie sagen: „Nein, wir sprechen nicht mit der Bild.“ Wird es noch spannend jetzt? Ich eile hinterher, ich sei von einer Zeitung namens Freitag. „Wo kommt ihr her?“, frage ich. „Wir sind Armenier, aber gebürtige Berliner.“

Weitertapern in möglicherweise unglücklichen Formulierungen: Äh – man wisse ja heutzutage nicht, wie man nach der Herkunft fragen könne, ohne dass es gleich doof klänge. Weil: Sie hätten ja sicher einen deutschen Pass und seien demnach Deutsche. „Ja, aber wir sind Armenier.“ Es ist ihnen offenbar sehr wichtig. „Ihr seht nach Abitur aus!“ Sie lachen, ja, Abiturienten. Ob sie Zeitung läsen? Einer sagt, klar, den Freitag hätten sie schon mal im Deutschunterricht gehabt. Er lese ja die FAZ. „Die Bild holen wir uns über Facebook rein.“ Man müsse ja schauen, was die so machen. „Ihr macht Feindbeobachtung“, ergänze ich.

Dann rutscht mir noch die Geschichte mit meinem Opa raus, der mich oft lange angesehen und gesagt hatte, ich sähe türkisch aus. So was erzähle ich ausgerechnet Armeniern! Sie reagieren cool. Gern hätte ich mit ihnen noch über die Bezeichnung Genozid gesprochen. Aber das war ja hier ein Casting für Homeland, kein kritisches Filmseminar. Schade, das wäre jetzt interessant gewesen.

06:00 28.05.2015

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