Ironie mit System

"Feldbuschisierung" der Politik Die Strategie, nie etwas so zu meinen, wie es gerade gesagt wurde, erscheint allen Parteien gleichermaßen erfolgversprechend

Kaum war der halbgare Gedanke ausgesprochen, nahmen ihn viele in den Mund und bespeichelten ihn, auf dass er sich gut herunterschlucken lasse. Gewiss, im Sommerloch ergeht es jedem so, der sich mit einer Idee in die Massenmedien begibt und in den Schlagzeilen endet. Dem Rhein-Krokodil widerfährt es ebenso wie dem Dosenpfand von Jürgen Trittin, den Krankenkassenplänen des Bundeswirtschaftsministers oder dem Entwurf eines Grundsatzprogramms mit dem Titel "grün 2020" einer Partei, die sich endgültig als die FDP des neuen Mittelstandes aus Studienräten und Kabarettisten outet. Noch des Kanzlers Mahnung an seine eigene Partei, in seinen Sommerferien möge keiner aus der Reihe tanzen, ist ja nichts anderes als die unverhohlene Drohung an jene, die sich anschicken, in seiner Abwesenheit des Kanzlers Rolle als oberstem Schlagzeilenbesetzer zu erobern.

Unter all diesen Meldungen war sie die kleinste und zeigte dennoch Wirkung. In der Nachfolge ihres Gespräches mit Alice Schwarzer in der Sendung von Johannes B. Kerner (Kerner, ZDF) gab Frau Feldbusch bekannt, sie könne nicht nur für sich selbst und andere Produkte werben, sondern auch Gutes tun. Vornehmlich für eine Gruppe von Menschen, die sich noch nicht recht mit Gegendarstellungsverfahren und Persönlichkeitsschutz auskennen. Gemeint waren die Kinder. Kaum hatte Frau Feldbusch das gelassen auf die kieksende Art ausgesprochen, mit der sie einst bei Peep! (RTL 2) bekannt wurde, als sie ihre Gäste über ihre Onanierpraktiken wie ihre sonstigen Leidenschaften befragt hatte, da stürmten ihr - selbstverständlich auf Einladung der Medien - PolitikerInnen aller Parteien die Bude ein.

Ob sie nun Wieczorek-Zeul (SPD), Pieper (FDP), Fischer (Grüne) oder Pau (PDS) hießen, ob sie richtig zitiert wurden oder falsch, sie alle beteiligten sich umsonst und freiwillig an einem Spiel, das Feldbusch heißt. So konnten sie sich - so lasen diejenigen, die sich das eben nicht ersparten - irgendwie vorstellen, an dem noch nicht näher bezeichneten Projekt der Feldbusch teilzunehmen und sogar die richtunggebende Rolle zu spielen. Konsequent weitergedacht wurde daraus das Spiel geboren, ob man sich vorstellen könne, dass Verona Feldbusch sich nicht nur um die Kinder sorge, sondern gleich um Deutschland und die Welt, was folgerichtig bedeutete, sie wechselte nun hauptberuflich in die Politik. So absurd, wie das auf den ersten Lektüreblick erschien, ist das nicht.

Verona Feldbusch ist eine erfolgreiche Medienfigur, die als Model ins Fernsehen wechselte. Hier sorgte sie für Aufmerksamkeit, weil sie sich als Moderatorin des erwähnten Erotikmagazins Peep! gerne dumm gab, also der Sendung nicht nur den entsprechend entblößten Körper bot, sondern auch noch die angemessene Sprache. Sie bediente also die Sendung (und die von ihr geweckte Erwartung) und distanzierte sich gleichzeitig von ihr. Damit fiel sie jenseits der angestammten Klientel ihrer Sendung so auf, dass sie in andere Fernsehshows als Gast eingeladen wurde.

In den Talkshows der Nation stilisierte sich Verona Feldbusch in den folgenden Monaten perfekt in ihrer Rolle aus scheinbar willigem Körper und scheinbar schwachen Geist zum Nutzen der jeweiligen Gastgeber. Das erhöhte ihren Marktwert. Prompt stieg sie in der Bertelsmann-Liga auf, wechselte vom Schmuddel-Sender RTL 2 in die Beletage RTL, wo sie eine eigene Talkshow bekam, die zwar nicht sonderlich erfolgreich war, aber sie weiter bekannt machte.

Heute ist sie allein dadurch bekannt, dass sie für Produkte wirbt, also ihren Körper zusammen mit eben diesen Produkten ablichten lässt. Um welches Produkt es sich handelt, ist aus Sicht der Feldbusch egal. Aus Sicht der Werbeagenturen natürlich nicht. Feldbusch steht als Beistellpuppe für das etwas andere Produkt. Ein Produkt, das mit der Medienwelt kokettiert oder das seinen potentiellen Käufern anbietet, mit ihm in diese Welt einzutauchen. So wie Verona Feldbusch mit den Rollen und Erwartungen spielt, indem sie diese übererfüllt (das Weibchen, das Sexobjekt), so sollen die Produkte gleich mehrere Funktionen erfüllen. Sie sollen sättigen (Spinat beispielsweise) oder bilden (Expo 2000), schöne Bilder produzieren (Videokamera) oder Informationen liefern (Telefonauskunft), aber sie versprechen zugleich dem Käufer und Nutzer den Mehrwert (also die Ironie des Rollenspiels), mit dem Kauf und dem Nutzen am bunten Medientreiben selbst teilzunehmen.

Wieso sollte die Politik nicht nutzen, was der Industrie oder halbstaatlichen Unternehmen wie der Expo frommt? Eine Verona Feldbusch auf dem Plakat oder im Werbespot erhöhte zwar nicht die Glaubwürdigkeit, aber die Aufmerksamkeit. Und um die geht es in der heutigen medienbasierten Gesellschaft. Wer nicht auffällt, gerät in den Verdacht, etwas zu verbergen. Weshalb der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl bis in den Suizid seiner Frau hinein das Spiel einer heilen Familie spielte. (An der nun von vielen angefeindeten Titelgeschichte des Stern war vor allem die Strecke jener Fotos pervers, auf denen sich Kohl nebst Gattin und Tierwelt alljährlich als Tierfreund und Ehemann ablichten ließ.) Weshalb der Spitzenkandidat der CDU im Wahlkampf um den Berliner Senat sich nicht nur demonstrativ mit Ehefrau abbilden lässt, sondern sich gleich dazu noch ein Kind mietet, auf dass er sich von seinem sozialdemokratischen Konkurrenten gleich doppelt (Frau und Kind) distanziere, ohne das laut zu sagen. Weshalb des Kanzlers Gattin durch Ratschläge aus der Hausfrauenperspektive auffällt, die dessen Politik gleichsam in die private Lebenswelt hineinverlängert.

Frau Schröder-Köpf hat sich deshalb konsequenterweise auch in Sachen Verona Feldbusch zu Wort gemeldet und sie vor Alice Schwarzer in Schutz genommen. Sie spricht davon, dass zwischen den beiden Frauen, die sich zum Ruhme von Kerner und dem ZDF wechselseitig in die Talk-Show-Mangel nahmen, ein Generationenkonflikt herrsche und keiner in der Sache Frauenemanzipation. Da ist etwas Wahres dran und verfehlt doch das Entscheidende. Der Wettkampf zwischen Schwarzer und Feldbusch war zugleich der Kampf zwischen zwei unterschiedlichen Medienstrategien. Alice Schwarzer agierte als das klassische TV-Modell der siebziger Jahre, das seine Entbehrungen ("Ich arbeite als Herausgeberin 100 Stunden die Woche!"), Wunden und Narben herzeigt, um damit Authentizität zu suggerieren, und das zugleich die Gesellschaft mittels statistischer Daten herbeizitiert, um für sich das Recht auf Relevanz zu erstreiten. Gegen sie trat Verona Feldbusch als das Internet-Modell der neunziger Jahre an, das Ironie zum System erhoben hat, das sich sofort von dem distanziert, was es gerade von sich gegeben hat, das nie etwas so meinte, wie es gerade noch falsch gesagt wurde, das sich selbst und ihren (wie immer modellierten) Körper als die erste und letzte Instanz präsentiert.

In diesem Sinne erneuert sich jede Partei, die Frau Feldbusch zum Spitzenkandidat ernennt. Sie müsste nur damit rechnen, dass die Konkurrenz nicht schläft und ihrerseits Günter Jauch, Stefan Raab oder Franz Beckenbauer engagiert.

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00:00 20.07.2001

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