Ironie und Verzeihung

Abschlussbericht Wie kann man von der Stasi erzählen? Zwei gewesene DDR-Korrespondenten und ein Fernsehjournalist begegnen der Vergangenheit

Auf den Bildern sind verschwommen Gestalten mit Kameras zu erkennen, sie bewegen sich, als wollten sie nicht entdeckt werden. Aus dem Off entlarvt eine nüchterne Frauenstimme sie als Agenten westlicher Geheimdienste, die getarnt als Journalisten ihre Informanten abschöpften. Ein Schulungsfilm des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der einschwören sollte auf die Kontrolle der in der DDR akkreditierten westdeutschen Korrespondenten und in dem die Staatssicherheit ihre eigene Vorgehensweise auf diese projizierte. Der Ausschnitt stammt aus dem Film Meine Stasi, in dem Hans-Jürgen Börner kürzlich Bilanz seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Ost-Berlin gezogen hat. Börner zeigt darin auch einen seiner Beiträge aus dem Jahr 1988. Der Kollwitzplatz und die Angst, die dort umging, nachdem Stephan Krawczyk und andere Bürgerrechtler verhaftet wurden. Die suggestiven Bilder erzeugen zusammen mit der Musik eine Stimmung latenter Bedrohung. Der nebelige Platz, Menschen in Telefonzellen, Passanten in Hauseingängen - jeder könnte ein Spitzel sein. Das Bemerkenswerte daran ist, dass beide Filme sich, wenngleich mit völlig verschiedenen Intentionen, geschickt ästhetischer Mittel bedienen, um ein Klima des Verdachts zu beschreiben.

Mit dem Grundlagenvertrag von 1972 musste die DDR West-Journalisten ins Land lassen. Für die Korrespondenten eine heikle Mission, konnte doch jede zu scharfe Formulierung, jede Zuspitzung Folgen für die politische Großwetterlage haben. In den Augen der Staatssicherheit war fast jede Berichterstattung tendenziös und propagandistisch, ob es sich um Börners provokante Ironie handelte oder um den nüchtern-analytischen Blick eines Peter Pragal, der als einer der ersten Korrespondenten bereits 1973 Büro und Wohnsitz nach Ost-Berlin verlegt hatte. Börner und Pragal setzen sich jetzt, 20 Jahre nach dem Ende der DDR, noch einmal mit ihrer Rolle auseinander: als gesamtdeutsche Existenzen, die qua Beruf dazu verpflichtet waren, zwischen den Lebenswirklichkeiten in den beiden deutschen Staaten zu vermitteln. Eine Sonderstellung, die ihrer Stimme im Diskurs um die Vergangenheit Bedeutung verleiht. Die Überwachung durch die Staatssicherheit nimmt bei beiden Journalisten viel Raum ein - was Pragal durchaus reflektiert und relativiert. Sein Anliegen besteht gerade darin, den Diskurs über die DDR zu befreien von der Dominanz dieses Themas.

"Pragal war bemüht wie ein DDR-Bürger zu leben und zu denken." Dem ehemaligen Ost-Berlin-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung und des Stern stellte die Stasi selbst das Zeugnis aus, dass seine Mission erfolgreich war: Nicht als Fremder auf ein exotisches Land namens DDR zu blicken, sondern voller Empathie schreibend Entspannungspolitik zu betreiben. Das erforderte Aufmerksamkeit für die eigene Gesprächskultur, vor allem für die "überhebliche Pose", wie Pragal in seinem gerade erschienenen Aufsatzband Der geduldete Klassenfeind schreibt. Pragal begriff sich als Pionier, auch aus der ernüchternden Erkenntnis, dass die Bundesrepublik, was Interesse am und Wissen über das Leben im anderen deutschen Staat betraf, das eigentliche Tal der Ahnungslosen war. Mit ähnlich aufklärerischem Gestus ist sein Buch geschrieben. Gerade was den Diskurs über die Staatssicherheit angeht, ist Pragals Anliegen spürbar, das heutige Bewusstsein zu schärfen für einen differenzierten Umgang. Die Konfrontation mit der eigenen Stasi-Akte, die Börner zum emotionalen Ausgangspunkt nimmt, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, kommt bei Pragal ohne jede Dramatik aus. "Ich bin vorbereitet und ohne Illusionen", schreibt er über den Moment, in dem er zum ersten Mal den Operativen Vorgang "Starnberg" vor sich hat. Das hat auch damit zu tun, dass Pragal sich nicht als Opfer, sondern als ehemaliger Gegenspieler der Staatsmacht begreift. Er weiß zu trennen, dass die Überwachung sich nicht seiner Person, sondern seiner Arbeit verdankt - im Gegensatz zu den ostdeutschen Freunden, die bei der Lektüre der Akten noch einmal die Ohnmacht von damals durchleben würden. Es macht die Stärke des Buches und die Größe von Pragal aus, dass er permanent seine Position zwischen uneinholbarer Fremdheit und völligem Eintauchen in die andere Gesellschaft reflektiert. Er weiß auch, dass es ein Privileg dieser Position ist, sich nach dem Ende der DDR ein von Emotionen weitgehend freies Bild von der Staatssicherheit machen zu können. Und dass seine immer nur partielle Identifikation mit dem Land ihm ermöglicht, selbst gegenüber seinen IMs und deren Auftraggebern offen für Verständnis sein zu können. Nur von einem fühlt sich Pragal wirklich hintergangen, weil dieser sich geweigert hat, mit ihm zu sprechen. "Bei seiner Beerdigung war ich unter den Trauergästen", schreibt Pragal versöhnlich.

"Nicht die Stasi-Akten sind das Problem, sondern unser Umgang damit", heißt es im Nachwort zu dem Buch Verrat verjährt nicht, das der Fernsehjournalist Christhard Läpple verfasst hat. Er hat dafür Hunderte von Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern des MfS geführt hat. Läpple war selbst nicht als Journalist in der DDR akkreditiert, hatte aber jahrelang für die ZDF-Dokumentation Die Feindzentrale über die Infiltration des Senders durch die Stasi recherchiert. Sein Buch ist in diesem Kontext interessant, weil es aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit entstanden ist. Läpple verspürte nach der Recherche die Notwendigkeit, sich dem Thema Staatssicherheit anders zu nähern. Während in der Fernsehdokumentation noch die Klarnamen genannt werden, hat Läpple sie im Buch wieder unkenntlich gemacht. Das ist auch als Kritik am Gestus der Enthüllung zu deuten, der beim Umgang mit dem Thema Stasi vorherrscht.

Läpples Geschichten nähern sich der Biografie ehemaliger Informanten und Agenten der Staatssicherheit, bei denen Beruf und Privatleben auf dem Spiel stehen, wenn sie sich dem Journalisten offenbaren. In Die Idealistin aus Leipzig mutet das erste Treffen wie ein "Anwerbungsversuch" an. Sie könne auch nein sagen, offeriert Läpple der Frau, aber ihre Akte sei frei gegeben. "Vielleicht schreiben bald andere ihre Geschichte, dann haben sie keinen Einfluss mehr." Läpple sichert ihr Fairness und Seriosität beim Umgang mit Akte und Interviews zu. "Nichts ist erfunden", heißt es im Nachwort, aber natürlich baut Läpple aus den Interviews Figuren mit einer bestimmten Mimik, Gestik, Aura. "Der Mann geht nicht, er flaniert." Er "grinst viel sagend", "lächelt triumphierend." Läpple gelingen präzise Beschreibungen davon, wie sich der jahrelange seelische Zwiespalt in den Menschen eingeschrieben hat. Dabei entscheidet jedes Wort über Sympathie oder Ressentiment über das, was der Leser gegenüber der Figur empfindet. Lange habe er um den richtigen Ton gerungen, schreibt Läpple. "Wann verzeihen wir Verrat, wann nicht?", fragt er und der Leser beantwortet die Frage von Geschichte zu Geschichte anders. Das Mitleid, das wir gegenüber einer Figur empfinden, macht ein Verzeihen möglich. Und deshalb sind wir abhängig davon, wie der Autor sie darstellt.

Wie Läpples Buch endet auch Hans-Jürgen Börners 45-minütige Dokumentation mit einer Aufforderung zum Dialog: "Die Schrecken der Stasi sind erst verflogen, wenn wir darüber reden". Börner wahrt aber selbst in der Konfrontation eine ironische Distanz, die gerade in den stärksten Momenten des Films einen echten Dialog verhindert. Die ehemalige Pressesprecherin der Meißener Porzellanmanufaktur bekennt sich selbstkritisch zu ihrem Fehler, Berichte über Börner geschrieben zu haben: "Warum gerade ich? Die Frage stelle ich mir Tag und Nacht - vielleicht war ich geil auf diesen Job." Ihre Souveränität vor der Kamera wirkt nicht unbelehrbar oder zynisch, die Montage aber, die immer wieder vom Gesicht der Frau auf ihre Hände schneidet, als sollten die irgendeine verborgene Regung verraten, markiert ein Gefälle vom Ankläger zur Angeklagten: als dürfe es diese Souveränität nicht geben.

Humorlosigkeit war ein Zeichen der fehlenden Souveränität der Herrschenden. Börner, der später das Satiremagazin Extra 3 moderiert hat, musste sich nicht an die Verklemmtheiten der DDR halten. Heikel wird die heitere Distanz aber beim Interview mit einem Kurhausbesitzer, dem heute noch die Schamesröte ins Gesicht steigt, wenn er berichtet, wie einfach keine Waren für die Regale aufzutreiben waren, die Börner filmen wollte. Börner zeigt an seinem Fall, wie jemand dazu erpresst wurde für die Staatssicherheit zu arbeiten. Dass der Mann heute noch ein Kurhaus betreibt, erscheint deshalb auch für Börner nicht verwerflich. Eine Großaufnahme zeigt eine Cognacflasche und Börner fragt, warum er dieses Geschenk von damals noch nicht geöffnet habe. Die Streicher steigern sich zum Jubel und der Mann sagt devot: "Das ist ein wunderbares Andenken an Sie." Das ist der traurigste Moment des Films, weil die Unterlegenheit des anderen bis heute Unterlegenheit bleibt. Und das Mitgefühl, das man empfindet, wird desavouiert durch Börners Kommentar: "Schöne Abende gab es wirklich, auch in der DDR". Während Pragal in seiner Nähe zum Alltag in der DDR, in der Identifikation mit den Menschen, die er kannte, fast so etwas wie Nostalgie entwickelt, geht Börners Humor leichtfertig mit Menschen um, von denen er selbst am Ende sagt, dass ihr Mut, sich ihm zu stellen, Respekt verdiene.

Die Verantwortung, die jeder Journalist für seinen Gesprächspartner übernimmt, war in der DDR eine zentnerschwere Last. In manchen Fällen mussten "Informanten" mit Haft für ihre Auskünfte büßen. Was aus dieser Zeit der Repression und journalistischen Unfreiheit gerettet werden könnte, ist deshalb Sensibilität - sowohl für die Haltung gegenüber dem Gesprächspartner als auch für die Wahl der darstellerischen Mittel. Andernfalls verstummt das Sprechen über die Vergangenheit schnell wieder. Oder bleibt ohne Erkenntnisgewinn.

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