Ironische Zote

Blockbuster Michael Bay startet mit „Transformers 4 – Ära des Untergangs“ seine eigene Reihe neu – als die immergleiche Dauerwerbesendung, getarnt als Spektakel
Andreas Busche | Ausgabe 29/2014

In seiner neuesten Materialschlacht liefert Michael Bay den charakteristischen money shot am Höhepunkt des mittleren Showdowns, in dem wie schon im Vorgänger Chicago unter die Räder kommt. In Transformers 4 – Ära des Untergangs kracht Mark Wahlberg auf der Flucht vor zwei sich prügelnden Transformern frontal in einen Bier-Truck, kriecht aus seinem Wrack, greift sich eine Flasche und leert sie, der Kamera zugewandt, in zwei Zügen. Bay, der 49-jährige Kalifornier, der schon als Werbefilmer Erfahrungen mit Bier gemacht hat (für seine Miller-Spots gewann er in Cannes sogar einmal einen Preis; als Filmemacher wird ihm das garantiert nie passieren), findet solche Momente wahrscheinlich unglaublich komisch.

Überhaupt erweckt Transformers 4 – Ära des Untergangs den Eindruck, dass für Michael Bay gerade die Epoche der Ironie angebrochen sei. Es wimmelt von selbstbezüglichen Seitenhieben. Angriffsfläche bietet der Mann, dessen „Box Office“-Werte es mit dem Bruttosozialprodukt kleinerer Industrienationen aufnehmen können, ja genug.

Bedauernswert unterfordert

Bay vereint wie kein anderer Regisseur die schlechten Eigenschaften einer Filmindustrie. Seine Filme sind reinste Warenform: Es gibt sie in Serie, die Verpackung sieht teuer aus, sie haben hohen Wiedererkennungswert (womit Bay zumindest als eine Art Blockbuster-Auteur durchgehen könnte), sind auf maximalen Effekt und den kleinsten gemeinsamen Nenner zugeschnitten. Was den unangenehmen Nebeneffekt hat, dass die Witze meist auf Kosten von Minderheiten gehen. Jetzt gibt es das Ganze auch in der Geschmacksrichtung selbstironisch. Am Anfang von Transformers 4 – Ära des Untergangs lamentiert ein Kinobesitzer gegenüber dem bedauernswert unterforderten Wahlberg, der einen alleinerziehenden Schrottsammler und Erfinder im texanischen Niemandsland spielt, dass Hollywood nur noch Sequels, Remakes und Reboots produziere – knick-knack! Kapiert? Wem diese Anspielung noch zu subtil ist, kann den Kopf auch einfach in ein Ölfass stecken und immer wieder mit einem Hammer draufhauen. Die ästhetische Erfahrung dürfte etwa zwei und drei viertel Stunden Transformers 4 entsprechen. Michael Bay hat noch einmal letzte Reserven frei gemacht.

Die ungeahnte ironische Ader hat keineswegs etwas mit einer neuen Gelassenheit Bays zu tun, sie wirkt eher wie eine kindliche Trotzreaktion. Sein letzter Film Pain & Gain war eine schrille, ziemlich unterhaltsame Satire auf den american way of life, in ihrer Entgrenztheit durchaus in einer Liga mit Martin Scorseses Wolf of Wall Street. Doch das Publikum hat es dem Regisseur von Pearl Harbor und Armageddon nicht gedankt.

Man könnte Transformers 4 also als eine Art Rache verstehen. Bay gibt dem Publikum einfach mehr vom selben, und das eben knapp drei Stunden lang: sinnlose Explosionen, hämmernde Musik, absurd montierte Schnittfolgen, sexistische Witze. Andersherum wird auch ein Schuh draus: Jeder Regisseur hat das Publikum, das er verdient. Man muss sich dennoch wundern, warum ein vergleichbarer Film wie Pacific Rim, der seine nicht minder abstruse Geschichte wenigstens mit einem Höchstmaß an visueller Imagination und konzeptueller Konsequenz erzählt, im letzten Sommer an den Kinokassen floppte, während das Publikum am ersten Startwochenende wieder in Scharen in Transformers 4 rennen wird.

Transformers 4 ist ein gutes Beispiel, warum Michael-Bay-Filme eigentlich nicht mehr als kulturelle Hervorbringungen besprochen werden können. Sie sind auf maximale Verwertbarkeit angelegt: vom pausenlosen Product Placement, dem sich sogar die Kameraführung unterordnet, bis zum finalen Showdown in Hongkong (drei chinesische Unternehmen haben den Film kofinanziert). Bei einem Franchise, das auf Spielzeugfiguren basiert, muss man sich über ökonomisches Kalkül natürlich nicht wundern.

Da passt es zum professionellen Zynismus, dass Michael Bay seine Transformers-Reihe nach drei Filmen einfach selbst rebootet. Die Halbwertszeit eines Blockbusters wird zunehmend kürzer. Darum hat Bay, der Eskalationslogik des Spektakelkinos folgend, in Transformers 4 – Ära des Untergangs ein neues Set von Spielzeugfiguren eingeführt – die Dinobots (halb Dinosaurier, halb Fluggerät). Drachen gehen immer, finden auch die Kleinen. Bays eigene Eskalationslogik nimmt derweil schleichend regressive Züge an.

Vor nicht einmal zwei Monaten wurde an dieser Stelle noch die Qualität des aktuellen Blockbuster-Jahrgangs gelobt. Und nun Transformers 4. Ein sicheres Zeichen, dass die Fußball-WM vorbei ist. Der Kinosommer kann beginnen.

Transformers 4 – Ära des Untergangs Michael Bay USA/China 2014, 165 Minuten

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11:17 16.07.2014

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