Irrfahrt eines Androiden

Comic Der französische Autor Winshluss hat Pinocchio auf kongeniale Weise ins 21. Jahrhundert übertragen

Es gibt Autoren, die jahrelang als heimlicher Favorit für Buch- und Literaturpreise gelten und sie doch nie bekommen. Der französische Comicautor Vincent Paronnaud alias Winshluss war lange der Geheimtipp unter den Comiclesern. Doch auf den wichtigen Comicfestivals wollte sich der Erfolg nicht einstellen. Auf dem Internationalen Comicfestival im französischen Angoulême wurden mit Smart Monkey (2004) und Wizz and Buzz (2007) zwar schon zwei seiner Werke nominiert, doch schafften es seine Arbeiten nie bis hinauf auf das Podium.

In diesem Jahr hat es endlich geklappt. Winshluss’ Pinocchiowurde in diesem Frühjahr als bestes Album ausgezeichnet und gewann damit einen der wichtigsten internationalen Comicpreise. In dem preisgekrönten Werk verlegt Winshluss die alte Geschichte der populären Holzmarionette in eine kalte, hässliche und abstoßende Moderne. Mord und Totschlag, Fanatismus, Pornografie und die atomare Umweltverschmutzung sind nur einige der modernen Phänomene, die Winshluss in seiner Pinocchio-Version kongenial verarbeitet.

Dabei ist es ihm gelungen, Aufbau und innere Struktur des Volksmärchens in eine zeitgemäße Geschichte zu übertragen, ohne dabei in langweilige Analogien zu verfallen. Zwar hat er sich für seine Personen und Handlungsmuster kräftig aus der Originalvorlage von Carlo Collodi bedient, diese aber in eine völlig neue und vielschichtige Erzählung umgewandelt.

Vor Winshluss gab es bereits einige Autoren, die sich an den Pinocchio-Stoff herangewagt und versucht haben, diese alte Geschichte neu zu erzählen. Aber der Franzose ist der erste, dem dies wirklich gelungen ist. Fügen sich bisherige Pinocchio-Varianten, wie Tolstois Burratino oder Otto Julius Bierbaums Zäpfel Kerns Abenteuer, harmonisch wie eine zweite und dritte Stimme zu Collodis Originalvorlage, erscheint Winshluss’ Version wie eine nach den Prinzipien der Zwölftonmusik abgewandelte Fassung. Sie klingt schrecklich schaurig und scheint gar nicht zu der ursprünglichen Kindergeschichte zu passen – und doch erkennt man sie wieder.

Die ersten Teile seiner Pinocchio-Schauerversion gab Winshluss vor Jahren in der selbst gegründeten Zeitschrift Ferraille illustré heraus. Inzwischen erscheint das Blatt nur noch unregelmäßig. Es dauerte bis zum Herbst letzten Jahres, bis der Franzose die ganze Geschichte herausbringen konnte.

Ein Androide

Dreh- und Angelpunkt dieser Neuerzählung ist eine Pinocchio-Figur in der Gestalt eines unzerstörbaren Androiden, den der Erfinder Gepetto als Allzweckwaffe an das Militär verkaufen will. Doch während er seine Pläne in der Kommandantur vorlegt, kommt es zu einem Unfall, und Pinocchio verlässt Gepettos Haus.

Die Odyssee durch eine lebensfeindliche und zynische Welt beginnt. Auf seiner Irrfahrt begegnen Pinocchio zahlreiche dubiose Gestalten, von denen dem Leser einige aus dem Original bekannt sein werden.

Kater und Fuchs kommen in Winshluss' Version als hintertriebenes Gaunerpaar daher. Theaterdirektor Feuerfresser ist als skrupelloser Industrieller realisiert, der Kinder entführt und diese dann in Sklavenhaltermanier für sich malochen lässt. Kerzendocht, der beste Freund von Pinocchio, taucht als vernachlässigtes Straßenkind auf und verführt Pinocchio (wie in der Originalvorlage) dazu, ihn ins Land der Spielereien zu begleiten.

In Winshluss’ Fassung werden die Kinder dort nicht in Esel, sondern in blutrünstige Bestien verwandelt. Mit jeder umgeblätterten Seite wir hier die Welt düsterer. Pinocchios mehr oder weniger chronologisch nachgezeichnetes Schicksal wird immer wieder von zahlreichen anekdotischen Nebenerzählungen unterbrochen, durch die die Handlung in Zeit und Raum hin und her geworfen wird.

Diese scheinbar autarken Handlungsstränge werden von Winshluss später wieder zusammengeführt und verbinden sich geradezu magisch mit den beiden Grundmotiven der klassischen Version – der Suche des Vaters nach dem verlorenen Sohn sowie den unglaublichen Missgeschicken und Schicksalsschlägen Pinocchios.

Auf diese Weise hat Winshluss in genialer Weise die parallele Erzählstruktur von Collodis Original aufgelöst und zu einer komplexeren Geschichte weiterentwickelt. Auch kommt er in seiner Neuinterpretation nahezu gänzlich ohne Text aus.

Naiver Strich

Einzig die kurzen Episoden von Jiminy Wanze, einer schmarotzenden und selbstgefälligen Reinkarnation der "Sprechenden Grille", sind mit Texten versehen. So schreibt er mit diesem Album die Erfolgsgeschichte der wortfreien Comics fort und knüpft damit an die Erfolge von Lewis Trondheim, Guy Delisle oder dem Vorjahressieger von Angoulême, Shaun Tan, an. Deren Comics erzählen ebenfalls ohne Worte tiefsinnige Geschichten.

Winshluss ist ein Meister der Zeichenkunst, der sich immer wieder neu sucht und findet. Sein Pinocchio ist ein großer Stilmix, in dem er einmal mehr seine Vielseitigkeit belegt. Kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder wechseln sich mit sepia- und mehrfarbigen Panelfolgen sowie ganzseitigen, weich gezeichneten Gemälden ab.

Der naive Strich, in dem das Werk in weiten Teilen gezeichnet ist, erinnert an eine Mischung aus Robert Crumb und Art Spiegelman. Unverkennbar zitiert er in den Nebenhandlungen Comicgrößen wie Walt Disney und Will Eisner. Seine Bilder sind offensiv, zuweilen aggressiv und haben teilweise erschlagende Wirkung.

Winshluss’ Pinocchio ist ebenso trashig, wie es sozialkritisch ist und alle gängigen Klischees werden hier aufgelöst und neu erfunden. Dieser Comic ist das Album des Jahres – und Pinocchio im 21. Jahrhundert definitiv keine Kindergeschichte mehr.


Winshluss. Aus dem Französischen von Kai Wilksen. Avant. Berlin 2009, 192 S. 29,95

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12:20 05.12.2009

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