Irrsinn

Linksbündig Wo ist Klaus Stuttmann?

Er sei abgetaucht, heißt es. Seine Wohnung und sein Atelier seien versiegelt. Oder doch nur abgeschlossen? Jemand will ihn in Berlins Görlitzer Park gesehen haben, andere auf Lanzarote. Dabei liefert er quietschvergnügt seine Blätter. Im Eulenspiegel ist die Sendung angekommen, als sei nichts vorgefallen. Der Tagesspiegel schob, als ihr Zeichner unversehens zu einem Vorposten im Karikaturenstreit geworden war, ein Blatt von ihm nach: Verängstigtes Federvieh krakeelt in einer Sprechblase, dass es wahrlich wichtigere Dinge gebe - zum Beispiel die Vogelgrippe. Deeskalationsbemühungen.

Klaus Stuttmann schickt immer im halben Dutzend. Er ist ungeheuer produktiv. Ein Karikaturist kann sich keine Salami kaufen, wenn er nur einen Einfall pro Woche und nur einen Kunden hat. Er ist schnell, witzig und wahrscheinlich der Letzte der alten Linken aus dem Westteil der Stadt. Er ist politisch und komisch, nie nur eins von beidem. Er hat alle Moden der neunziger Jahre überstanden. Dass ihn der meinungssofte Tagesspiegel engagiert hat, verwundert nicht: Es gibt zwar viele Kollegen mit Humor, die zeichnen können, aber wer nicht bei den kleinen Leuten und nicht auch mutig gegen etwas ist, dem gelingt keine Satire.

Von dem halben Dutzend, das Klaus liefert, sind stets vier großartig, eins ist passabel und eins ist "so la-la". Das letzte, das "so la-la" war, hat ihn aus dem Haus getrieben, ihn und uns um sein Leben fürchten lassen, den iranischen Botschafter auf die Palme gebracht und den topmodischen cultural clash ein Stück näher an Friedrichshain-Kreuzberg herangeholt. Wenn´s schlimm kommt, ist Deutschland jetzt fällig.

Das Blatt zeigt eine iranische Fußballmannschaft (Trikotbeschriftung) als Selbstmordattentäter und daneben eine gleichstarke Bundeswehrformation ... Wer will, kann die Zeichnung so lesen: Moslems, die ins Land kommen, sind gefährlich und zwingen die Bundesrepublik sogar zum Einsatz der Streitkräfte bei der Fußball-WM. Stuttmann - schrieb er in einem Bekennerschreiben - wollte sagen: So unmöglich Selbstmordattentäter auf dem Spielfeld sind, so unmöglich sollte die Bundeswehr bei der Weltmeisterschaft sein. Wir, die Leser, sollen es dem Schäuble nicht zu leicht zu machen, wenn er einen Anlass sucht, und wir sollten den Einsatz von Soldaten im Innern nebst "Bereinigung" des Grundgesetzes anlässlich der WM nicht achselzuckend hinnehmen. Typisch Stuttmann!

Die Sache hat aber einen Schönheitsfehler, einen logischen Fehler: Terror bei der WM ist leider, wie die Dinge liegen, überhaupt nicht unmöglich und wohl nur mühsam zu verhindern. Es gibt nicht wenige Leute, die wünschen, wir hätten das Spektakel hinter uns.

Ja nun? Der Witz hat also nicht recht funktioniert. Er ist krepiert. Dass er funktioniert - das ist bekanntlich das einzige, was man von einem Witz verlangen kann.

Ich würde ihn gern gegen Regierungen, Botschafter und Tausende, wahrscheinlich aufgehetzte Demonstranten verteidigen, die das Lachen über Dinge, über die man ansonsten heulen müsste, verbieten und es mit Gewalt beantworten wollen. Ich würde gern auch dieses Stuttmann-Blatt im Namen der Pressefreiheit - die normalerweise in diesem Land nicht zu der Gütern höchstes zählt - hochhalten und beschützen. Im Unterschied zu den Karikaturen aus Dänemark ist auf der inkriminierten Zeichnung von Stuttmann von Religion gar nicht die Rede. Egal! Ich würde gern aufspringen und rufen: Die Verbindung von Gewalt und Religion haben doch nicht die Karikaturisten, die hat auch nicht der Klaus erfunden, die ist leider keine satirische Fiktion. Islamisten, also militante Muslime, haben ihren Gott selbst mit der Bombe vermählt. Wenn aber doch der Witz von dem Klaus nicht funktioniert, wäre sämtlicher Aufwand, ihn zu verteidigen, albern.

Natürlich könnten sich Muslime von Stuttmann gekränkt fühlen, obwohl sie nicht gemeint sind. Das geht, wie man weiß, schnell. Der Zeichner behauptet, alle Muslime wollen sich bei der WM in die Luft sprengen, könnten sie sagen. Das ist eine alte Krankheit der Satire, die schon Tucholsky beschrieb: Sagt man etwas gegen einen Frisör, sind alle Frisöre gekränkt. Soll man den Frisör also ungeschoren lassen?

Vielleicht muss man die Pressefreiheit verteidigen - meinetwegen mit all der abendländischen Rhetorik, die wir gerade hören. Bestimmt aber muss man das Lachen verteidigen, denn Lachen macht Angst klein. Hoffentlich geht es "Stutti" gut, dort, wo er jetzt ist und wartet, dass der Irrsinn ein Ende hat.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 37/2021

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