Ismene, die Nobelgöre

Musische Erziehung und ihre sozialen Folgen Ein Kinder- und Jugendtheater in Berlin versucht, mit antiken Theater-Texten an die Gegenwartserfahrung junger Menschen anzuknüpfen - Überlagerungen sind Konzept

Eine gute musische Erziehung, das war zumindest mal der Leitgedanke sich als fortschrittlich begreifender Pädagogen, könne orientierungslosen Jugendlichen die soziale, intellektuelle und moralische Kompetenz geben, an der es ihnen so sehr mangele. In Berlin Lichtenberg an der Parkaue gibt es das größte Kinder- und Jugendtheater Deutschlands. Dieses Theater hat eine Menge Arbeit und einen Wirkungsradius von Potsdam bis Angermünde. Es muss sich zu einer Tradition, die weit in die DDR zurück reicht, verhalten und es muss sich dem Standort im Osten von Berlin stellen, wo die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist.

Seit 2005 ist hier Kay Wuschek Intendant. Fünf Theaterpädagogen fungieren unter seiner Leitung als Dramaturgen. Die Schulaufführungen werden betreut, Lehrer zu Diskussionen eingeladen, Theaterbesuche mit den Klassen vorbereitet und ausgewertet. Nach den Vorstellungen finden Publikumsgespräche statt, und man hat einen Fond geschaffen für Kinder, deren Eltern keinen Theaterbesuch bezahlen können.

Sie wollen keine Dienstleister für formale Bildung, keine "kindgerechte" Vereinfacher alter Dichtersprache sein und sich nicht an die sogenannte Jugendkultur "ranschmeißen". Ihr Ziel ist es vielmehr, die Sprache alter Quellen wirklich auf den Horizont ihres Publikums "heraufheben", sie eben nicht abzuschleifen wie jene Klassik-Übersetzer für Schulen es mit Goethes Götz von Berlichingen gerne taten, wobei sie die Kraft der Sprache von Goethes Bauern einfach eliminierten. Das junge Publikum braucht den echten Klang, und der ist Inhalt.

Die Theatermacher an der Parkaue wollen an der Begegnung von neuer Wirklichkeit mit neuer Form teilnehmen. Dafür suchen sie sich die entsprechenden Verbündeten, die Sophiensäle, das Kino Babylon, die Volksbühne. Regisseur Lajos Talamonti von den Sophiensälen gab ein Gastspiel mit dem Titel Superposition. Das war ein fröhliches Experiment, wie man sich moderner Wissenschaft menschlich nähern könne, mit Mehl und Salz und den irren Potenzen eines Makro- oder Mikrokosmos, mit Thesen über unsre Population, über ihre mögliche Vernichtungen bis auf 10.000 Überlebende. Schreck und Erkenntnisspaß lagen immer dicht beieinander. Der Widerspruch von Erotik und Genetik wurde komisch in Szene gesetzt. Improvisationen wechselten mit Festgelegtem, wobei es darauf ankam, Humor zu bewahren, den Überblick zu gewinnen und die Überlagerungen (Superpositionen) von Zuständen, den ungewissen Ausgang, zu akzeptieren. Superposition, das ist auch ein Begriff in der Physik, mit dem versucht wird, Prozesse ganzheitlich zu beschreiben, wenn die Messbarkeit nicht mehr sicher ist. Auch Unschärfen des Ermessens von Recht und Unrecht, gut und böse sind fatal, kommen aber vor.

Ganzheitliche Prozesse im Theater, das meint Interaktionen zwischen Bühne und Zuschauerraum, Überlagerungen von Zuständen, von Zeitebenen, von Assoziationsketten, ständigen Wechsel der Positionen von Distanz und Nähe.

Mit der ständigen Überlagerung von Zeitebenen arbeitet das Stück Das Hildebrandslied, ein Text von Lothar Trolle nach dem althochdeutschen Heldenlied, Regie und Bearbeitung Sascha Bunge. Der alte Hildebrand, der im Heldenlied unerkannt auf seinen Sohn als Todfeind trifft, ist Lehnsmann zu Pferde in der Waldwildnis germanischer Völkerwanderungen und Mörder und Räuber mit Stahlhelm in modernen Kriegen. Hadubrand, sein Sohn, wird nach dem tödlichen Kampf "wiederbelebt" und in den Konflikt mit einem hilflosen Vater von heute gestellt.

Eine Unsicherheit der Messung, wer im Recht und wer im Unrecht sei, liege auch ausgesprochen bei der Antigone vor, sagen Interpreten. Unlösbar und ewig sei der tragische Konflikt zwischen Staatsgewalt und Individuum. In der Aufführung von Nora Somaini liegt die Sympathie des Publikums nicht wirklich bei Antigone und nie bei Kreon, sie liegt beim Chor. Kreon übernimmt die Macht, nachdem im Bruderkrieg Etheokles und Polyneikes, die Söhne des Ödipus, sich gegenseitig töteten. Polyneikes hat die Stadt belagert und darf nicht bestattet werden. Wenn sogar Gräber verweigert oder Tote geschändet werden, dann sind wir, die Lebenden bedroht, wir, "die noch leben", wie der Chor in der neuen Übersetzung von Peter Krumme betont.

Kreon ist hier eine Frau, gespielt von Birgit Berthold. Ob eine Frau als Kreon am Herrschaftsbild etwas ändert, beschäftigt die Zuschauer. Einige Gesten und Haltungen sind lebenden Politikerinnen nachgeahmt, sie machen die Schrecken Kreons leise komisch.

Teiresias (Lutz Dechant) begleitet diesen Kreon, die Herrin, ständig. Er ist der servile männliche Rahmen, der Einflüsterer und Manipulator. Als er sie fallen lässt, ist man an die Kälte und Härte in Chefetagen erinnert.

Alles ist "wie im Krieg". Das Bühnenbild weist nicht nur auf ein Bunker-Überleben von gestern oder heute, sondern auch auf ein uns näher rückendes bedrohliches Morgen. Notleuchten, ein nasser Tunnel als Schleuse, von Geschossen durchgeschlagener Beton, durch den Antigone klettert, nachdem sie den Leichnam Polineikes gegen das Gebot mit Staub bedeckt hat.

Der Gefahr des erneuten Bürgerkrieges will Kreon mit "Zucht" und Gewalt begegnen. Gegen seinen Hass, gekleidet in staatlich verfügte Notwendigkeiten, will die leidenschaftliche Antigone ihre Selbstachtung und Liebe verteidigen. Sie will nicht für das alte Unheil ihrer Vorfahren büßen und will sich vor dem Unheil schützen, das ihr von der neuen Herrschaft droht. Das interessiert die jungen Besucher, denn dieses Stück von Sophokles ist eines der ältesten und besten Modelle für Machtkonstruktionen und Widerstand.

Den Chor spielen zwei Schauspieler. Sie können sich ergänzen und sich widersprechen. Franziska Ritter und Helmut Geffke erklären sich das Unbegreifliche und lassen die Sprache tanzen. Beide Chorsprecher sind zugleich die ausgebeuteten und beschämten Schergen, die klugen Beobachter, die bedrohten und eingeschüchterten Bürger, die von der Größe des Menschen Begeisterten, die Mitleidenden. Das tragische Ende des Konfliktes wird nicht ausgespielt; es wird der Wahlfreiheit der Zuschauer überantwortet. Jeder soll durch Heben einer Karte, gelb oder rot, mitbestimmen, ob Antigone gerettet, Kreon bestraft oder eine Volksherrschaft errichtet wird. Diese "Wahlen" ermöglichen sechs Varianten des Schlusses, die von der Darstellern in komischer Verkürzung bei der jeweiligen Vorstellung auch ausgeführt werden. Jugendliche nehmen diese Abstimmung über den Schluss der Tragödie an, es ist für sie wie eine Aufforderung: "Zeigt den Politikern rechtzeitig die rote Karte!" Erwachsene lehnen das zumeist ab. Der Zweck der Tragödie werde verfehlt.

Das denke ich nicht. Obwohl man bei der Wahl eines Schlusses aus der Katastrophe aussteigt, fehlen Mitleid und Furcht nicht, es überlagert sich die zugelassene Position eines Abstandes mit der schmerzenden Nähe, aus der man das Leiden gesehen hat, das Würgen Haimons in der Schlinge, das Zittern Ismenes, Antigones schwacher Schwester, die zu Grunde gerichtet, gedemütigt, mit herunter gezogener Hose abgeführt wird, eine neben uns.

Warum gehen die Schüler bei der Abstimmung mit? Aus Aktionismus? Weil sie die Tragödie meiden wollen? Oder üben sie sich wirklich in Demokratie?

Interaktionen, Überlagerungen, Wechsel von Distanzen und Nähe, alte Sprache wieder zum Klingen bringen, damit arbeitet das Theater an der Parkaue verstärkt und zwar erfolgreich. Viele Vorstellungen sind ausverkauft.

Manche Klassen schreiben Kritiken. Ich zitiere daraus: "Antigone als rebellischen Punk und Ismene als Nobelgöre ..., eine weibliche Kreon, eine Mischung aus Businessfrau und Offizier. ... Eiskalt und berechnend weiß sie die Waffen einer Frau, als da wären weibliche Reize und die Tränendrüse, genau einzusetzen". Oder: "Der Chor ... die besten Figuren im ganzen Stück! Durch vielsagende Gesten wirken sie lieb, naiv, amüsant und anflugsweise auch intelligent - genau wie das echte Volk". Und: "Das Stück endet mit dem vom Publikum selbst gewählten Ende, bei dem der Chor die Macht übernimmt, aber schnell wird klar, dass dieser nicht in der Lage sein wird, besser zu herrschen als seine Vorgängerin."

"Ihr wart ein gutes Publikum!" rufe ich den Jungens einer 11 . Klasse zu. "Das wissen wir!" rufen sie zurück.

Eltern und Lehrer haben auch von der Entwicklung der Schülern, die an der Parkaue im Hildebrandslied mitspielen, berichtet. Sie können sich für etwas begeistern, heißt es, sie sind Konflikten besser gewachsen, sie haben Freunde, sie kommen besser klar.

Aufführungen im Januar: Antigone, Do. 25.1. 18 Uhr, Fr 26.1.11 Uhr, Hildebrandslied, Di. 30.1. 19 Uhr


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00:00 22.12.2006

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