Israel und der Tag X

Iran Präsident Ahmadinedjad weist den IAEA-Report und damit den Vorwurf zurück, sein Land habe an Atomwaffen gearbeitet. Was tut – was entscheidet nun die Regierung Netanjahu?

Wie oft ist Teheran im Westen vorgeworfen worden, sein Atomprogramm sei provokativ und nicht hinnehmbar. Werde es nicht aufgegeben oder akribischer Aufsicht durch die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) unterworfen, sei ein Militärschlag fällig – geführt durch die US-Armee oder als alliiertes Unternehmen von Amerikanern und Israelis. Genauso oft wurde vor den Folgen eines Abenteuers gewarnt, das ein ganze Region aus den Angeln heben kann. Kam es bisher nie zum Äußersten, dann auch, weil sich potenzielle Angreifer der von ihnen ausgelösten Gefahren bewusst waren.

Schon bevor der jüngste IAEA-Report vorlag, gaben der israelische Premier Netanjahu und sein Verteidigungsminister Barak zu verstehen, sie könnten nicht anders und müssten das Schwert ziehen. Selbst Präsident Shimon Peres – 1994 neben dem Palästinenser Yassir Arafat mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – glaubt, die Zeit für eine Intervention rücke näher, eine atomare Bewaffnung des Iran müsse gestoppt werden, bevor es zu spät sei. „In der Zeit, die uns bleibt, ein halbes oder ein dreiviertel oder ein ganzes Jahr“ – so Peres im israelischen Rundfunk – „müssen wir uns an die Nationen der Welt wenden und ihnen sagen, jetzt ist die Zeit gekommen, dass ihr eure Versprechen erfüllt.“ Aussagen, die den Falken in der Regierung gefallen dürften, zugleich aber ein gewisses Zeitfenster geltend machen. Weshalb? Um einen israelischen Alleingang zu verhindern?

Es erscheint schwer vorstellbar, aber möglich, dass sich die USA kaum militärisch exponieren, auch wenn ihnen am „Tag X“ nichts weiter übrig bliebe, als israelische Militäroperationen politisch abzusegnen. Barack Obama hat jüngst, als ein mutmaßliches iranisches Komplott gegen den saudischen Botschafter in Washington aufflog, laut über Strafen sinniert, bei der „alle Optionen“ in Betracht kämen. So aggressiv zunächst die Rhetorik, so verhalten die Reaktion. Der Präsident muss es sich dreimal überlegen, ob er nach Afghanistan und Irak einen weiteren Krieg in der gleichen Region riskiert. Der würde im eigenen Land nur dann als Erfolg gelten, wäre die Islamische Republik danach ihrer nuklearen Kapazitäten beraubt – sichtbar und verifizierbar. Ein wenig realistisches Unterfangen, schließlich dürfte Teheran seit Jahren Vorkehrungen getroffen haben und nur in Maßen verwundbar sein. Ganz abgesehen davon, dass nach einer Intervention der unanfechtbare Beweis zu liefern wäre: Das bombardierte Staatsgebiet diente zu Forschungen oder Entwicklungen, die auf den Bau von Kernwaffen zielten. Die IAEA hat solcherart Befund zwar für das vergangene Jahr kolportiert, aber niemanden um Strafaktion gebeten.

Vieles spricht dafür, dass die Regierung Netanjahu eine Machtprobe mit der Obama-Administration nicht scheut. Bei seinem Besuch Anfang Oktober in Jerusalem soll US-Verteidigungsminister Leon Panetta an eine von ihm 2009 als CIA-Direktor abgesegnete Studie erinnert haben, in der Israel aufgefordert wird, mit seiner Nachbarschaft den friedlichen Ausgleich zu suchen. Andernfalls sei seine nationale Stabilität gefährdet. Was sonst könnte ein Luftkrieg gegen Iran bewirken als Destabilisierung? Er würde außerdem Hardliner aus der iranischen Führung in der Überzeugung bestärken, was geschehen muss, um gegen den Atomstaat Israel gerüstet zu sein. Ein Angriff dürfte sie anspornen, die Bombe zu bauen.

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