Ist das „Altpapier“ noch wichtig?

Pro und Contra Die Medienkolumne kommentiert und verlinkt seit 17 Jahren das deutsche Mediengeschehen. Am 18. August ist auf "evangelisch.de" damit Schluss
Ist das „Altpapier“ noch wichtig?
Aus "Altpapier" wird Altpapier – zumindest im übertragenen Sinne
Foto: Rob Irgendwer (CC)

Contra

Systemtheoretisch ist das Altpapier bis heute ein interessanter Fall. Es handelt sich um eine Beobachtung dritter, wenn nicht sogar vierter Ordnung. Ein Beobachter beobachtet einen Beobachter, der einen Beobachter beim Beobachten beobachtet. Als das Altpapier an den Start ging, beschäftigte es sich fast ausschließlich mit den damals neuen Medienseiten der Tageszeitungen. Das war auch in den Jahren, in denen ich die Kolumne für die Netzeitung schrieb, noch weitgehend der Fall. Aber die Medienseiten wurden infolge der Medienkrise und des Medienwandels dünner und verwandelten sich zum Teil wieder in die TV- und Radioprogrammseiten zurück, die sie waren. Wir mussten uns die Medienthemen woanders her klauben, das war etwas mühsam, aber auch spannend. Wir wurden zweimal für den Grimme-Preis nominiert und sahen darin eine schöne Anerkennung unserer Arbeit. Denn ehrlich gesagt: Beobachten heißt wahrgenommen werden, gerade wenn man very special und Nische hoch vier ist. 2012 gab es den Bert-Donnepp-Preis, ich dachte: fürs Lebenswerk des guten alten Altpapier. Vermutlich hatte ich die Nachricht auf meedia.de gelesen, ein Armutszeugnis für mich ... Aber dann kamen Facebook und Twitter. Es gab nun Medienbeobachtungen dritter und vierter Ordnung an vielen Orten! Das Letzte, was mir vom Altpapier hängen blieb, war eine statistische Kommentierung der Nachrufe auf Frank Schirrmacher. Das war brillant, wurde sogar Gespräch mit dem Kollegen. Aber es war, in meiner Wahrnehmung, eine Ausnahme. Nun sucht das Altpapier also (wieder einmal) einen neuen Partner. Mir tut es leid um die Kollegen, die einen Job verlieren, für die Sache selbst müsste man mich müden alten Mann erst wieder begeistern. Michael Angele

Pro

Die Journalistenkollegen in der Twitter-Timeline können das Altpapier nicht ersetzen. Twitter ist ein zuverlässiger Indikator dafür, welche Medienthemen gerade heiß laufen, mehr aber auch nicht. Hier geht es vor allem darum, wer angefangen hat, mit Sand zu schmeißen und wer nun wem warum mit der Schaufel auf den Kopf haut. Das ist unterhaltsam, aber woher der Dreck im Sand kommt und wem die Schaufel gehört, das dröseln am nächsten Morgen die Altpapier-Autoren wieder auf. Sie gleichen Quellen ab und erklären Hintergründe. Mag sein, dass Meedia und Turi2 das auch machen, aber die Nonchalance, mit der die Altpapierler den Spagat zwischen Netzwerkdurchsetzungsgesetz und Spülmittelwerbung beherrschen, sucht man dort vergeblich. Und auch die Platzierung auf evangelisch.de hatte ihren eigenen Reiz. Neben dem Altpapier stand die Tageslosung, sie las sich in diesem Umfeld oft selbst wie ein Medienkommentar. Zum Beispiel Jesaja 65,1: „Zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief, sagte ich: Hier bin ich, hier bin ich!“ Das beschreibt doch recht präzise, was Jens Spahn und Peter Tauber den lieben langen Tag so auf Twitter machen. Ein neues Zuhause, das ähnlich fancy ist, wird das Altpapier wohl nicht finden. Für den Anfang würde es reichen, wenn es anderswo weiter täglich erscheinen kann. Eine wöchentliche Medienkolumne im Netz, wie evangelisch.de sie jetzt anstrebt, braucht wirklich kein Mensch. Christine Käppeler

06:00 11.08.2017

Kommentare