Ist das auszuhalten?

Pluralität Der Konflikt um einen AfD-nahen Künstler eskaliert: Jetzt platzte die Leipziger Jahresausstellung
Ist das auszuhalten?

Grafik: der Freitag

Die Bilanz des vergangenen Wochenendes wird die Leipziger Kunstszene noch lange beschäftigen: Künstler wurden zu Aktivisten. Sich seit Jahren ehrenamtlich für Kunst engagierende Vereinsmitglieder sind mit der medialen Aufmerksamkeit in der Folge ihres Handelns überfordert und ziehen sich zurück. Das Image des Spinnereigeländes, auf dem die wichtigsten Leipziger Galerien ihren Sitz haben und über 100 Künstler in Ateliers arbeiten, leidet. Und ein der AfD nahestehender Künstler steht im Fokus der Aufmerksamkeit.

An diesem Donnerstag sollte sie eröffnen, die Leipziger Jahresausstellung. Ein Verein lädt Künstler seit 1992 zu dieser laut Satzung „auch als Jahresbilanz künstlerischer Arbeit zu verstehenden Ausstellung“. Die nicht thematisch kuratierte Schau, sie ist ein fester Termin im Leipziger Kunstkalender, auch weil einem Künstler mit 10.000 Euro Preisgeld einer der höchstdotierten Kunstpreise der Stadt verliehen wird. Am Samstag wurde die Ausstellung kurzfristig abgesagt und die Künstler aufgefordert, ihre bereits angelieferten Bilder, Fotografien und Skulpturen wieder abzuholen.

Warum so kurzfristig?

Offenbar eine kurzfristige Entscheidung: Freitagnacht war der Vorstand zurückgetreten und hatte den Künstler Axel Krause von der Teilnahme an der Ausstellung ausgeschlossen. Dessen öffentliche Äußerungen widersprächen den ethischen Grundsätzen des Vereins und man könne die Kunst nicht mehr vom Künstler trennen. Die vergangenen Tage hätten dem Verein „die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt“.

Dass dem Verein die politische Dimension erst jetzt bewusst wurde, ist mehr als verwunderlich: Seit Wochen war darüber in der Leipziger Kunstszene diskutiert worden. Die Leipziger Galerie Kleindienst hatte die Zusammenarbeit mit dem Maler aufgrund seiner Facebook-Aktivitäten bereits im vergangenen August beendet: „Er referierte und verlinkte eindeutig rechtsextreme Seiten, bis hin zu verschwörungstheoretischen Ideen, die meinen persönlichen Ansichten total widersprechen“, sagte Galerist Christian Seyde damals dem Freitag. „Er hat ominöse Quellen zitiert und die AfD bedingungslos unterstützt.“

Es war Axel Krause, der sich noch am selben Tag an den MDR wandte und die Trennung öffentlich machte. Medial wurde sie zum Teil verkürzt als „Berufsverbot“ dargestellt. Galerie und Künstler standen jedoch in keinem Vertragsverhältnis, und die Zusammenarbeit kann von beiden Seiten jederzeit beendet werden. Axel Krause schrieb dazu auf seinem öffentlichen Facebook-Account: „Ich halte die illegale Masseneinwanderung für einen großen Fehler und die AfD für ein zu begrüßendes Korrektiv im maroden Politbetrieb. Das scheint ausreichend für ein Ende nach 14 Jahren des Miteinanders.“ Der Fall löste eine internationale Debatte über die Freiheit der Kunst und einen Shitstorm aus. Das Spektrum der Reaktionen reichte von Solidaritätsbekundungen aus der Kunstwelt bis hin zu Morddrohungen gegenüber der Galerie.

Der 1958 in Halle geborene Krause ist Mitglied des Kuratoriums der von der AfD gegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung, der unter anderem auch Marc Jongen angehört. Der ist kulturpolitischer Sprecher der AfD im Bundestag und Mitglied im Kunstbeirat. Zu dessen Ankäufen für die Kunstsammlung des Bundestags zählte 2018 das Gemälde Das Puppenhaus von Axel Krause. Auch sonst läuft es beruflich wohl ganz gut für ihn, denn andere Galerien stören sich nicht an seiner politischen Haltung: In den vergangenen Monaten hat er in Frankfurt ausgestellt, er wird von einer Galerie in Erfurt vertreten, derzeit läuft eine Ausstellung im Kunst-Kontor in Potsdam. Die Galeristin Friederike Sehmsdorf argumentierte gegenüber den Potsdamer Neuesten Nachrichten, dass sie Künstler nicht nach ihrem Parteiabzeichen frage und ihre Galerie kein politisches, sondern ein kunsthistorisches Statement sei.

Ähnliche Argumente werden wohl bei der Sitzung der Auswahlkommission für die Leipziger Jahresausstellung Mitte Februar im Raum gestanden haben. Deren demokratisches Zwei-Stufen-Prinzip für die Künstlerliste brachte den Stein ins Rollen: Fünf Vorschläge konnten die circa 120 Mitglieder anonym einreichen. Mindestens einmal muss der Name Axel Krause genannt worden sein. Die Mehrheit der Kommission aus Vereins- und Vorstandsmitgliedern sowie Gästen stimmte bei der anschließenden Zusammenstellung der Künstlerliste für ihn. Über die Motive der einzelnen Kommissionsmitglieder kann man nur spekulieren, sie reichten vermutlich von Solidaritätsbekundungen für den von der Galerie „verlassenen“ Krause bis hin zu einem Statement für Kunstfreiheit.

Wiederum auf Facebook sah sich der Verein mit ersten Nachfragen zur Einladung konfrontiert. Er argumentierte, dass die Ausstellung Kunst und keine Künstler zeige und die Teilnahme keine Plattform für politische Statements bieten würde. Formal steht Axel Krause für eine figurative, narrative, surrealistische Malerei. Die Bilder haben für seinen Ex-Galeristen Seyde etwas Zurückgewandtes, einen Touch Retro, wobei die Requisiten sich in den 1930ern und 50ern verorten lassen. Wer will, kann seine politische Haltung in die Malereien hineininterpretieren. Auch das ist Kunstfreiheit.

Medial in die Ecke gestellt

Der Fall Axel Krause, er stellt wie so viele Beispiele die Frage nach der Trennung von Werk und Autor. Die Einladung zur Jahresausstellung macht deutlich, dass alle Akteure im Kunstfeld, ob Galeristen, Vereine oder Kritiker, sich mit neuen Fragen konfrontiert sehen, für die es noch keine etablierten Antworten gibt. Für Künstler stellt sich die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sie mit einem Kollegen ausstellen wollen, der Pegida und die Identitären einen „zu begrüßenden Beitrag zur Gesellschaft“ nannte.

Der Künstler Moritz Frei zog seine Teilnahme an der Ausstellung am 12. Mai zurück und veröffentlichte auf seiner Homepage ein Statement: „Kunstfreiheit ist mir ein hohes Gut (im Gegensatz zur AfD) und ich habe nichts dagegen, dass Axel Krause seine Bilder ausstellt. Ich kann es mit meinem Gewissen allerdings nicht vereinbaren, mit ihm zusammen an der Jahresausstellung teilzunehmen.“

Eine Gruppe von teilnehmenden Künstlern schrieb einen Brief an den Verein, in dem sie ihr Unbehagen angesichts der Teilnahme von Krause formulierten: Diese könne als Zeichen von Solidarität und politischer Nähe mit dem Künstler missverstanden werden. Sie baten um eine Erklärung für die Entscheidung zugunsten Krauses durch die Jury, angebracht sei „ein klares Zeichen für Pluralismus, Diversität und Humanismus“.

Der Galerist Jochen Hempel riet zur Absage, argumentierte, dass die Debatte dem guten Ruf des Spinnereigeländes schade. Die Schau sollte in einer Halle stattfinden, die für Sonderausstellungen angemietet werden kann. Strukturell hat der Verein nichts mit den Galerien zu tun. Medial wurde dies jedoch kaum differenziert. „Das schadet enorm. Ob sich das nun in Besucher- und Verkaufszahlen ausdrückt, sei dahingestellt“, sagt Hempel. „Wir als Kulturschaffende hier in Sachsen werden dadurch medial in eine Ecke gestellt, in der wir nicht stehen.“ Zudem empfand er die Einladung an Krause als „Affront“ gegenüber der Galerie Kleindienst und den anderen Galerien, die sich mit deren Entscheidung für die Trennung solidarisiert hatten.

Die Künstler hingegen forderten zu keinem Zeitpunkt Krauses Ausladung. Stattdessen hatten sie eine Aktion zur Eröffnung geplant, bei der sie sich der „Erklärung der Vielen“ anschließen wollten.

Doch dazu kommt es nun nicht. Dass der Verein sich nicht mehr in der Lage sieht, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten, und entschied, den Mitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern sei „die stark politisierte und aufgeheizte Situation“ nicht zuzumuten, ist bedauerlich. Die Absage das falsche Signal. Davon profitiert nur einer: Die für 15 Stunden im Raum stehende Ausladung lässt Krause als Opfer dastehen. Ihm und insbesondere seinen politischen Äußerungen wird Aufmerksamkeit zuteil. Über Kunst wurde in den vergangenen Tagen kaum gesprochen.

Eine Gruppe der von der Absage betroffenen Künstler aktualisierte angesichts der Ereignisse ihr Statement: Sie erscheint ihnen „nicht richtig und überstürzt“. Sie fordern den Verein auf, seine Entscheidung zu überdenken und die Ausstellung stattfinden zu lassen. Der aktuelle Stand: Dazu werden Gespräche geführt. Es bleibt zu hoffen, dass die gut vernetzte Leipziger Kunstszene zeitnah reagiert und der Verein sich neu formiert. Den Fall noch einmal öffentlich zu diskutieren, diesen Wunsch hatte schon Galerist Seyde im vergangenen Jahr geäußert. Die bereits angemietete Ausstellungshalle auf dem Gelände der Baumwollspinnerei könnte nun dafür Raum bieten.

Themen zur politischen Dimension der Kunst gibt es neben der Causa Jahresausstellung in Sachsen derzeit genug: Die Leipziger AfD hatte die freie Kulturszene der Stadt bei ihrem Wahlkampfauftakt indirekt unter Extremismusverdacht gestellt. Finanzielle Unterstützung solle nur noch erhalten, wer sich zum Grundgesetz bekennt. Auch die Jahresausstellung gehört zur freien Szene. In Freiberg dürfen auf Druck von AfD-Stadträten keine politischen Diskussionen mehr im Theater veranstaltet werden. Und in Dresden besetzten Kunststudierende letzte Woche ihre Bibliothek, weil deren Leiterin für die AfD kandidierte.

Ein Ausrufezeichen wollte sie setzen, die Jahresausstellung, warb im Vorfeld mit einem solchen. Die um sie entstandenen Fragezeichen nun nicht im medialen Raum stehen zu lassen, sondern in die Leipziger Realität zurückzuführen, wäre wiederum im Sinne der Vereinssatzung: Die versteht es auch als Aufgabe und Ziel des Vereins, die aktuellen künstlerischen Tendenzen insbesondere in Leipzig und Sachsen zu reflektieren.

Info

Kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass das Museum der bildenden Künste Leipzig für den 11. Juni eine Podiumsdiskussion mit Axel Krause angesetzt hat

Sarah Alberti berichtet seit 2010 für den Freitag über das Leipziger Kunstgeschehen

06:00 04.06.2019

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