Ist der Kapitalismus parasitär?

Die Frage ist beantwortet Nur werden die Menschen mit der Antwort nicht fertig

Philologie, richtig betrieben, könnte eine nützliche Beschäftigung sein. Interessant wäre zum Beispiel eine Untersuchung, die klärt, wie während des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache vom Kapitalismus geredet oder auch geschwiegen wurde. Hier eine Hypothese: Verklärung wechselte ab mit Ressentiment.

Letzteres findet sich schon beim Erfinder des Begriffs "Kapitalismus" (soweit darunter nicht nur eine Betriebsweise verstanden wurde, sondern eine Gesellschaft): Werner Sombart, 1902. Er konnte diese Ordnung nicht leiden und kritisierte sie zunächst von links, dann von rechts. Erst neigte er dem Marxismus zu, später dem Faschismus. Der Feind blieb der gleiche: der Kapitalismus. Dieser sei eine künstliche Ordnung, zerre die Menschen aus ihren natürlichen und nationalen Bindungen in einen kalten Rationalismus und Universalismus und komme im Übrigen von den Juden. Auch als Wegbereiter der Nazis war Sombart seinem Selbstverständnis nach Sozialist: dem jüdischen Kapitalismus stellte er seinen "Deutschen Sozialismus" entgegen. Dies war massenwirksamer als die kalte Sachlichkeit Max Webers.

Das Ressentiment überdauerte 1945, teilweise wurde es um eine korrekte Erkenntnis ergänzt. "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden." So stand es im Ahlener Programm der CDU vom 3. Februar 1947. Hier mischte sich einiges: katholische Soziallehre, Taktik, Erfahrung, aber vielleicht auch noch bisschen vom alten Ressentiment. Als dieselbe Partei mit Ludwig Erhard und den Düsseldorfer Leitsätzen von 1949 den Kapitalismus wieder forcierte, verleugnete man ihn zugleich, indem man ihn verklärte. Er hieß jetzt Soziale Marktwirtschaft. Seit ihrem Godesberger Programm von 1959 sahen die Sozialdemokraten das ebenso, sprachen aber zwischendurch immer wieder einmal vom Demokratischen Sozialismus. Der Unterschied zwischen diesem Konstrukt und der Sozialen Marktwirtschaft war zumindest auf dem rechten Flügel der SPD minimal. Beide Male war gemeint: der Kapitalismus ist tot, jetzt haben wir etwas Besseres.

Die Verleugnung durch Verklärung hatte zwei Gründe. Erstens: Die in der DDR regierenden Kommunisten behaupteten, in der Bundesrepublik sei ein Schoß noch fruchtbar, aus dem der Faschismus gekrochen sei. Ihnen war kein Zugeständnis zu machen. Zweitens gab es weiterhin das alte anti-westliche Ressentiment, jetzt höflich versteckt.

Ab 1989 hätte das anders werden können. Stattdessen wurden weiterhin Decknamen benutzt, zum Beispiel "Bürgergesellschaft". Vom Kapitalismus wurde weniger geredet als von den "Märkten". Diese avancierten nun zur Norm - nicht nur für die Wirtschaft, sondern für die gesamte Gesellschaft, auch das Privatleben. Ein Nobelpreisträger, Gary S. Becker, meint beweisen zu können, dass Liebe und Heirat sich aus Kosten-Nutzen-Kalkülen ergeben.

Allerdings gilt der Ist-Zustand als eine schlechte Wirklichkeit, die den Märkten noch lange nicht gerecht wird. So sehen es die Neoliberalen, die Bewegung zur Reinigung des Kapitalismus von Sozialklimbim. Sie wollen einen Zustand von vorgestern: der Kapitalismus der Industriellen Revolution vor 1848. Der gegenwärtige Zustand dieser Gesellschaftsordnung gilt ihnen als parasitär.

Die Gegenseite - zum Beispiel Teile der Gewerkschaften - argumentiert warmherzig, aber ähnlich nostalgisch. Hier beklagt man das angebliche oder tatsächliche Verschwinden der Sozialen Marktwirtschaft. Der produktivitätsorientierte Kapitalismus sei durch die sogenannte Shareholder-Gesellschaft ersetzt.

Hier muss wohl etwas gerade gerückt werden. Seit Aktiengesellschaften der vorherrschende Unternehmenstyp sind - also seit dem 19. Jahrhundert - gibt es Shareholder, Aktionäre eben. Neuerdings haben diese teilweise ihre Interessen etwas anders sortiert: nicht Dividenden und langfristige Vermögenssicherung sind vorrangig gewünscht, sondern hohe Kurse und gewinnträchtiger Weiterverkauf - von Papieren oder von ganzen Werken.

Ob das ein grundsätzlicher Wandel ist, lässt sich noch nicht sagen. Die Spekulation ist jedenfalls nichts Neues. Das Heimweh nach dem "Goldenen Zeitalter" des Keynesianismus beschönigt. Produktive Auslastung der Kapazitäten war damals immer auch an die Rüstungsindustrie gebunden. Wo dies anders zu sein schien - in der Bundesrepublik Deutschland während des Korea-Krieges, in Skandinavien und Japan -, wurden die zivilen Lücken genutzt, die die Warfare States ihnen übrig gelassen hatten.

Ist der jetzige Kapitalismus - gemessen an irgendwelchen Wunschbildern - parasitär? Die Antwort: Im Prinzip ja, aber nicht erst seit heute. Von Anfang an schon beruhte er auf dem arbeitslosen Einkommen von Eigentümern aus der Arbeit anderer. Auch Investitionen in die Produktion sind Spekulationen - nämlich auf einen künftigen Gewinn.

In seiner industriellen Form ist der Kapitalismus nunmehr über 200 Jahre alt, in seiner allgemeinen ein halbes Jahrtausend. Dennoch fällt es den Menschen, nicht nur hierzulande, offenbar schwer, ihn ohne Ressentiment oder Umbenennung wahrzunehmen. Vielleicht ist das nicht nur schlecht - zeigt es doch, dass sie sich noch immer nicht völlig mit ihm arrangieren konnten und dass das vielleicht auch gar nicht geht. Laut Marx stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann. Wird sie mit dem Kapitalismus vorderhand nicht fertig, muss sie sich etwas über ihn einbilden. So entsteht Religion.


00:00 05.03.2004

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