Ist der Penis nur noch Zeichen?

Eventkritik Männer sind längst mitten im Gender Trouble gefangen: Welcher Körper darf es denn sein? Die Böll-Stiftung suchte auf einer Tagung am Wochenende Antworten auf diese Frage

"Ein Ochse namens Otto / gewann 5 Mark im Lotto. / Er kaufte sich ein Ofenrohr / und sang jetzt im Posaunenchor." 40 Frauen und Männer atmen tief durch und machen Körperübungen, um gekräftigt diesen einigermaßen sinnfreien Kanon zu intonieren. Oder verbergen sich darin doch Assoziationen zum Tagungsthema? Ochse? Ofenrohr?

Auf der Tagung „Männerleiber – Körperlichkeit zwischen Sein und Tun“ in den lichten Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung sollten am vergangenen Wochenende Mann und Frau nicht nur sprechen, sitzen und hören. Nein, die Leiber sollten sich auch präsentieren. „Leiber“? Im Gegensatz zum Körper gilt der Leib als lebendig und beseelt. Der Leib Christi inkarniert die Einheit von Geist und Materie. Erst die Beherrschung der Natur und des Menschen durch den Menschen macht den Leib zum Körper.

Sensibler Leib unter Panzer

Männer, die in den siebziger Jahren die Männergruppen durchlaufen haben, freuten sich über ein Déjà-vu. Das Kultbuch jenes Jahrzehnts, Klaus Theweleits Männerphantasien, kritisierte den Körperpanzer faschistischer Männlichkeit. Damals entdeckte mann verschüttete männliche Bedürfnisse, suchte sensiblen Kontakt mit Männern, mit Frauen und mit dem eigenen Körper. Unter dem Pflaster lag der Strand, unter dem Männerpanzer lag der sensible Leib. Und unter dem stahlharten Phallus harrte das zarte Schwänzchen.

So wie damals beklagte die Tagung die Formung und Verformung des männlichen Körpers. Eindrücklich schilderte der Sozialpsychologe Rolf Pohl von der Uni Hannover, wie in der militärischen Ausbildung auch heute noch Gewalt als Form der Ausein­andersetzung legitimiert und propagiert wird. Weilen die Freicorps-Männer noch immer unter uns? Wenn die Psychoanalyse davon ausgeht, dass das Knäblein sich von der Mama abgrenzen muss, um zum Mann zu werden, dann scheint doch eine unumstößliche Naturnotwendigkeit vorzuliegen. Doch gibt es im 21. Jahrhundert diese klar abgrenzte Männlichkeit überhaupt noch? Inzwischen dienen toughe Soldatinnen in vielen Armeen der Welt. Die real existierenden Genderverhältnisse sind unübersichtlicher geworden. Dies gilt auch für die Bilder von Männer und Frauen in unseren Köpfen. Seit zwanzig Jahren dekonstruiert der feministische Gender Trouble à la Judith Butler – ein Sohn ihrer Zeit, wie sie süffisant charakterisiert wurde – Identität, Geschlecht und auch den Körper.

Manch einer der altgedienten Männerbewegten auf der Tagung mag sich gedanklich ans Gemächt gegriffen haben: Werde ich nicht symbolisch kastriert? Ist mein Penis lediglich noch kulturelles Zeichen? Der Phallus jedenfalls nicht ans lächerliche Fleisch gebunden? Jede Karrierefrau, jeder Drag King macht den Männern vor, wie hegemoniale Männlichkeit im 21. Jahrhundert aussieht.

Eine Podiumsdiskussion zu Transsexualität/Transgender mit queerem Personal geriet zur Nachhilfestunde für Stinos: Sagt man Transsexuelle oder Transgender, Transvestit oder Cross Dresser? Der Ex-MdB Christian Schenk, der im Herbst 1989 noch als Christina Mitbegründerin des Unabhängigen Frauenverbandes war, vertrat auf der Tagung engagiert die Interessen von Transgender-Menschen in Politik und Justiz. Deren Druck hat in den letzten Jahren die Definitionen und Grenzen der Geschlechter aufgeweicht. Sie sind schon ein gutes Stück weiter, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen. Geschlechtsangleichende Operationen sind mittlerweile ohne pathologisierende Etikettierungen möglich.

Vive la différence

Doch die schöne Welt der unbegrenzten Genderfreiheit schien sich doch aufs Podium zu beschränken. Hat es nicht doch ganz gravierende Folgen, einen Penis zu haben, etwa wenn mann Kinder bekommt, so reklamierten einige ihre fundamentale Leiberfahrung. Da lebte der kleine Unterschied wieder auf. Vive la différence! Schon beim Eröffnungsvortrag standen essenzialistische und dekonstruktivistische Vorstellungen von Gender unvermittelt nebeneinander. Die Männerbewegten und Cis-Menschen (alle, die nicht „trans“ sind) wollen sich ihr politisches Subjekt nicht so einfach wegdekonstruieren lassen. Was würde aus dem Forum „Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse“, das die Tagung mitorganisierte, gäbe es keine Männer und womöglich gar keine Geschlechter mehr? Altgediente Feministinnen lächelten da nur müde: Die Grabenkämpfe der neunziger Jahre zwischen Alt-Feministinnen und Jung-Postmodernen feiern bei den Männern ein ziemlich spätes Revival. Geschichte wiederholt sich eben nur als Farce.

Die realen Schnitte zwischen den Geschlechtern sind bei all dem nicht wegzudiskutieren. Jenseits von Tagungen geht es blutig zu. Religiös begründete Beschneidung ist ein Jahrtausende altes Ritual, das die Grenze zwischen Gläubigen und Ungläubigen in den Körper einschreibt. Zwar ist die Entfernung der Vorhaut mit der Genitalverstümmelung bei Mädchen nicht zu vergleichen, aber dennoch ein gewalttätiger Eingriff. Das körperliche Zeichen männlicher Privilegien ist der Blutzoll für den symbolisch einschneidenden Bund zwischen Mann und männlichem Gott. Mit Kritik an derlei religiösen und kulturellen Praktiken des Islams oder Judentums hielten sich die mehrheitsdeutschen Frauen und Männer allerdings zurück aus Furcht, in den Verdacht eurozentristischer Bevormundung oder kulturrelativistischer Verharmlosung zu geraten.

„Schafft ein, zwei, drei, viele Geschlechter!“ hätte das Motto in der Speakers’ Corner zum Abschluss heißen können. Doch nach Drags und Gender Bender suchte man unter den TeilnehmerInnen vergeblich. Und bei wem sich der Leib meldete, der musste sich vor den Toilettentüren ganz traditionell entscheiden.

Gerhard Hafner hat eine der ersten Männergruppen mitgegründet. Heute betreut er
als Psychologe in einer Einrichtung der Berliner Volkssolidarität gewalttätige Männer.

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13:40 08.11.2011

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