Ist doch alles egal

"Drei Schwestern" im Staatstheater Cottbus Wovon die Schwestern bei Tschechow vor 100 Jahren träumten - der Erlösung durch Arbeit - könnte heute auf ganz neue Weise aktuell sein

Anton Tschechows Stück Drei Schwestern wurde am 31. Januar 1901 im Moskauer Künstlertheater in der Regie von Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko uraufgeführt. Von hervorrragenden Schauspielern dargestellt (Olga Knipper, Tschechows Frau, als Mascha, Stanislawski als Werschinin, Wsewolod Meyerhold als Baron Tusenbach,), löste die Geschichte der drei vaterlos gewordenen Offizierstöchter, die sich aus der kulturlosen Borniertheit einer Garnisonsstadt heraus nichts sehnlicher wünschen, als "nach Moskau" zurückkehren zu können, weil sie weder Glück in der Liebe noch Erfüllung im Beruf finden können, heftiges Für und Wider aus. Die Kritik der zarentreuen und regierungskonformen Presse fand, das Stück fälle ein "hoffnungsloses Urteil" über die gesellschaftliche Realität, sei damit ungerecht und verleumderisch. Demgegenüber fand die liberal-demokratische Kritik, das Stück habe die "Gemeinheit und Nichtswürdigkeit" der herrschenden Spießbürgerlichkeit mitten ins Herz getroffen. Die marxistisch orientierte Kritik ging damit konform, kritisierte aber die gesellschaftliche Passivität der Helden.

Wenn im Stück der Oberleutnant Tusenbach, der seinen Abschied nimmt, aber noch in einem sinnlosen Duell fällt, die Ahnung auszusprechen hatte: "Ein starkes, reinigendes Gewitter zieht heran (...). Bald wird es aus unserer Gesellschaft diese Trägheit, Gleichgültigkeit, Verachtung der Arbeit und miefige Langeweile waschen. Ich werde arbeiten, und in fünfundzwanzig, dreißig Jahren wird jeder arbeiten. Jeder", so ging dieses Gewitter in Gestalt der Oktoberrevolution über der russischen Gesellschaft nieder. Olga Knipper fand, dass sich nun ereignete, was sie und ihre Kollegen bei der Uraufführung nur "unbewusst" auszudrücken gewusst hätten.

Die Uraufführung war so angelegt, dass der Schlussakt den "Triumph der Banalität" über Sehnsüchte und Hoffnungen der drei Schwestern ausdrückte. Für die Inszenierungen des Stückes zu Sowjetzeiten sollte das Postulat "Arbeiten", zu dem sich nicht nur Tusenbach, sondern auch der neue, von utopischen Erwartungen erfüllte Batteriechef Werschinin, schließlich auch die drei Schwestern bekennen, zum Schlüssel für proklamierte Selbstbefreiung des Einzelnen wie der Gesellschaft werden. Im Laufe der Jahrzehnte vollzog sich jedoch schleichend und unreflektiert ein unverkennbarer Wandel: Bestimmend wurde immer stärker der Eindruck, dass sich die Zeit verkehrt habe und der "Triumph der Banalität" sich wie Mehltau nun über die Sowjetgesellschaft (wie die der "Bruderstaaten") legte.

Es gab zwar "Helden der Arbeit", aber ohne Mythos und Überzeugtheit, dass durch Arbeit Mensch und Gesellschaft, gar die Welt erlösbar seien. Die Gewissheit, mit der die drei Schwestern die Szene verlassen: "Bald werden wir wissen, wozu wir leben, wozu wir leiden", war kollektiv längst von der zynischen Haltung des Militärarztes Tschebutykin konterkariert: "Ist doch alles egal."

Hundert Jahre nach der Uraufführung der Drei Schwestern ist nicht nur im restaurierten Russland, sondern weltweit die Erwartung gewaltiger Veränderungen verschwunden. Darüber hinaus ist aber in allen früheren sozialistischen Staaten, zunehmend auch in den kapitalistischen "Siegerstaaten", die Arbeit selbst abhanden gekommen, so dass die Befreiungslosung "arbeiten, arbeiten, arbeiten" sich wie eine bloße theatralische Leerformel, bestenfalls als utopische Hoffnung aus Vorväterzeiten anhört.

Da darf man dann schon fragen, warum das Staatstheater Cottbus gerade dieses Stück an die Spitze der neuen Spielzeit im Schauspiel setzte. Der Grund ist aus dem Programm für 2003/04 zu erschließen. Dort war ein Stück mit dem Titel Cottbus, Goodbye! angekündigt. Erklärend hieß es dazu: "Frei nach Drei Schwestern von Anton Tschechow." Tschechows Stück sollte, so war in der Erläuterung zu lesen, "ins Hier und Heute" geholt werden: Die drei Schwestern, schon alt geworden, hocken in einer Provinzstadt und träumen, fortzukommen, ob nach Moskau, Paris, New York, egal. Mit der direkten Benennung von Cottbus im Titel war klar, was gemeint war: Die Erwartungen vieler Menschen, auch der Lausitzer Region, auf "große Freiheiten" durch die Wiedervereinigung und die Enttäuschung, nach der Einvernahme die einmal "blühenden (Industrie-)Landschaften" in Industriebrachen verwandelt zu sehen und selbst arbeitslos zu sein.

Der für "Idee und Regie" benannte Mario Holetzek war zur Zeit der Spielzeitplanung für 2003/04 designierter Nachfolger von Chrstoph Schroth. Tatsächlicher Nachfolger wurde zu Spielzeitbeginn jedoch Wolf Bunge, der nun, da sich die Bearbeitung mit dem Weggang Holetzeks erledigt hatte, nolens volens auf das Original der Drei Schwestern zurückgriff, obwohl sich der ideelle Kern des Stücks, die Erwartung gewaltiger Umbrüche, historisch erledigt hat und der Glaube, sich durch Arbeit befreien zu können, sich auch in der Region von Cottbus wie Hohn ausnehmen muss. Diese Inkommensurabilität macht die Inszenierung unvermeidlich zwar zu einem "Fressen" für Schauspieler, aber bewirkt eine gesellschaftliche Unverbindlichkeit, die im Gegensatz zur Ankündigung steht, sich dem Heute zuwenden zu wollen.

Das Bühnenbild von Toto "entmilieurisiert" die Szene, die Kostüme und Masken sind weitgehend "entrussifiziert". Kollektive Szenen werden im Mittelgrund gespielt, das Mit- und Gegeneinander, die verfahrenen Beziehungen tragen sich vornehmlich als Zweier- und Dreiergruppierungen im Vordergrund zu. Von den Offizieren gibt Michael Günther den Werschinin als standhaften Zinnsoldaten in reißendem Gewässer, der sich den Glauben an eine Gesellschaft, in der alle glücklich leben, nicht nehmen lässt; Sebastian Reusse den Tusenbach als Skeptiker, der nur in der Anbetung der jüngsten Schwester Irina schwärmerisch auflebt, Michael Becker den Militärarzt Tschebutykin als abgestandenen Zyniker, Kai Börner den Hauptmann Soljony als unreifen Jungen. Von den Zivilisten hält Wolf-Dieter Lingk den Gymnasiallehrer Kulygin zwischen pedantischer Komik und um Verständnis für seine Frau Mascha bemühter Tragik. Dem Bruder Andrej der drei Schwestern gibt Gunnar Golkowski ein Bewusstsein über die Miefigkeit dieser Gesellschaft, die schon in den Kindern "Gottes Funken" erstickt, der sich aber selbst diesem Sumpf nicht entziehen kann. Er hat sein Pendant in seiner Frau Natascha, die zielstrebig nicht nur ihn unterjocht, sondern auch seine Schwestern aus dem Haus verdrängt; Nicoline Schubert verleiht ihr die entsprechende naive Fuchsigkeit.

Die bemerkenswertesten Leistungen erbringen jedoch die Darstellerinnen der drei Schwestern. Susann Thiede zeigt als Olga, wie der Glauben an den Sinn ihrer Arbeit als Lehrerin schwindet, während Stephanie Schönfeld sich als Irina zur Einsicht in die Unvermeidlichkeit durchringt, Tusenbachs Werben nachzugeben, obwohl sie ihn nicht liebt.

Am beeindruckendsten gestaltet Sigrun Fischer die Rolle der Mascha, die ihr Interesse, dann ihre Gefühle gegenüber Werschinin unterdrückt, bis sie sich zum Abschied, als die Batterie abzieht, zu einem leidenschaftlichen Kuss hinreißen lässt. Wenn sich die unerfüllte Lebenslust der drei Frauen wiederholt als Umschlag in Tanz geäußert hat - ihr schließlicher fröhlicher Aus- und Aufbruch hat etwas Aufgesetztes, weil offensichtlich Mutmachensollendes für die Zuschauer. So gediegen die Aufführung im Schauspielerischen insgesamt wirkt - es fehlt ihr das rechte Feuer, das nur aus stimmiger Zeitbezüglichkeit hervorgehen kann.


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00:00 26.12.2003

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