Ist doch alles nur gelogen!

Pseudowissenschaft Impf­kritiker richten mit ihren Thesen großen Schaden an. Dennoch gelten sie vielen eher als entlarvende Querdenker denn als Scharlatane
Ist doch alles nur gelogen!
Phiolen der Pandora? Die haltlose Kritik an vielen Impfungen sät vor allem Angst
Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Der Zeitpunkt könnte besser kaum sein, denn es ist unheimlich ruhig derzeit. Keine Schweine- oder Vogelgrippe grassiert in Deutschland, auch sonst ist keine Epidemie in den Schlagzeilen unterwegs. Ideale Bedingungen, um kräftig neue Zweifel am Impfwesen unters Volk zu bringen. Und so tingelt Hans Tolzin aufs Neue durch Gasthäuser und Turnhallen und erklärt den Menschen die Wahrheit über das Thema Impfen. Der sogenannten Schulmedizin, vor allem aber der Virologie und Pharmakologie, hat der gelernte Molkereifachmann vor mehr als zehn Jahren den Krieg erklärt. Er gibt die Zeitschrift Impf-Report heraus und betreibt die Webseite impfkritik.de. Wer bei Google das Wort „Impfen“ eingibt – und das passiert laut Statistik rund 450.000 mal monatlich –, der findet die Seite in der Regel unter den ersten Treffern.

Tolzin erklärt im Internet, er kenne keinen einzigen Impfstoff mit einem überzeugenden Wirkungsnachweis. Es gebe auch keinen Nachweis, dass der Rückgang von Seuchen wie Polio oder Kinderlähmung etwas mit Impfungen zu tun habe. Ferner meint er, dass die Symptome, die unter dem Namen Acquired Immune-Deficiency Syndrome (AIDS) bekannt sind, statt von einem Virus vom ungesunden Lebenswandel der Homosexuellen herrühre: „Häufiger Partnerwechsel, ungeschützter Sex, Analverkehr, Alkohol und andere Drogen und großer psychischer Stress sollten eigentlich ausreichen, jedes Immunsystem zu schaffen“.

Erstaunlicherweise sind die Menschen für impfkritische Aussagen immer dann am empfänglichsten, wenn gerade keine Epidemie kursiert – zu diesem Schluss kamen Forscher der US-Seuchenbehörde, den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta. In der Studie Vaccine risks: real, perceived and unknown beschreiben sie, dass die Anzahl der Erkrankten im Zuge einer Impfkampagne zunächst stetig sinkt. Wenn die Komplikationen der erfolgreich bekämpften Infektion aus dem Blickfeld verschwinden, richte sich die Aufmerksamkeit aber zunehmend auf die – im Vergleich – meist schwachen Nebenwirkungen. Das Vertrauen bröckelt, Impfmüdigkeit macht sich breit, oft steigt die Zahl der Erkrankungen wieder an.

„Hysterische Reaktionen“

Impfkritiker warnen natürlich vor solchen Studien. Dem wissenschaftlichen Mainstream sei vieles zuzutrauen – nur keine ehrliche Arbeit. Und Tolzin ist nicht allein mit dieser Haltung. Unter anderem steht ihm Stefan Lanka zur Seite, ein promovierter Biologe und kaum minder umtriebiger Impfkritiker. 2003 gründete er den Klein-Klein Verlag, über den er seine Schriften verbreitet. Sie unterscheiden sich nur unwesentlich von Tolzins: Beide bemängeln stets den Einfluss der Pharmaindustrie auf Impfentscheidungen – und haben damit leider nicht mal ganz unrecht.

Im Europarat etwa war harsche Kritik am Umgang der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Schweinegrippe 2009 laut geworden. Auf einer Anhörung im Januar 2010 warfen Abgeordnete der Organisation vor, die Schweinegrippe voreilig zur Pandemie erklärt zu haben. Dies habe zu „hysterischen Reaktionen“ in Regierungen und Medien geführt. Dabei wurden auch Vorwürfe laut, die Pharmaindustrie habe die Ratschläge der WHO zur Impfstoffbevorratung beeinflusst. Die WHO räumte ein, „einzelne Personen“ hätten möglicherweise Interessenkonflikte verschwiegen.

Im November 2008 forderten 13 Wissenschaftler eine Neubewertung der vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Impfung gegen eine bestimmte Gruppe von Humanen Papillomviren. Die Viren können Gebärmutterhalskrebs verursachen. Die Wissenschaftler kritisierten, dass die Wirkungsangaben des Herstellers irreführend seien und es für eine Bewertung zu wenig Daten gebe. Das Institut sprach sich nach Sichtung der aktuellen Studien zwar erneut für eine Impfempfehlung aus. Aber unabhängig von ihrem Ausgang sind solche Diskussionen Wasser auf die Mühlen der Impfkritiker.

Ein Instrument des Vatikan

Lanka und Tolzin machen es einem trotzdem schwer, sie ernst zu nehmen. Lanka studierte von 1984 bis 1989 Biologie, 1994 promovierte er – über die Eigenschaften bestimmter Viren in Braunalgen. Danach begann Lanka zu verbreiten, dass krank machende Viren überhaupt nicht existieren. Lankas Klein-Klein Verlag erklärt diese Theorie folgendermaßen: „Um die Existenz, die Isolation eines Virus zu behaupten, wird aus einem Organismus eine Probe entnommen, diese mit Chemikalien vermischt und in ein Tier gespritzt. Die so erzielten Reaktionen (Leiden, Missbildungen, Tod), die durch die Prozedur selbst und die beigemischten Chemikalien erzeugt werden, werden als Beweis der Anwesenheit eines Virus behauptet, ohne dass jemals das behauptete Virus gesehen, fotografiert, geschweige denn isoliert werden konnte.“

Lanka zufolge vergiften Antibiotika den Körper und unterdrücken Symptome, weshalb es den Anschein habe, die Krankheit würde heilen. Die Symptome seien in Wahrheit aber auf eine geschlossene Niere zurückzuführen. Die Niere halte besonders viel Wasser im Körper zurück – was zu einem Kollaps des Organismus führe. Auslöser für eine geschlossene Niere seien Schocks – Negativ-Nachrichten über Gewalt, Kriege, Katastrophen und das kollabierende Finanzsystem. Lankas wirre Theorie, die ein wenig an die Säftelehren des Mittelalters erinnert, geht auf Ryke Geerd Hamer zurück. Der rechtsextreme Ex-Arzt saß wegen illegalen Praktizierens und Betrugs mehrfach in Haft. Im Jahr 1995 machte er Schlagzeilen, als die Eltern eines sechsjährigen krebskranken Mädchens die Therapie zugunsten Hamers Methoden verweigerten.

Der Zeitschrift FAKTuell, die Hamers Ideen nahesteht, hat Lanka gern erklärt, warum Wissenschaftler das Impfen nach wie vor befürworten: „Um Menschen massenhaft zu schädigen, um sich einen Kundenkreis an chronisch kranken und kränkelnden Objekten aufzubauen, die alles mit sich machen lassen.“ Außerdem bräuchten Schulmediziner die lähmende und dumm machende Angst vor teuflischen Viren, um ihre Herkunft als Unterdrückungs- und Tötungsinstrument des aufstrebenden Vatikans zu vertuschen, der sich wiederum aus der putschenden weströmischen Armee entwickelte.“

Für viele von Lankas und Tolzins Unterstützern sind solche verschwörungstheoretischen Aussagen attraktiv. Im Forum vogelgrippe-aufklaerung.de etwa erklärt die Nutzerin „Jannis“: „Da wir dummen Menschen alles glauben, was gedruckt, geschrieben oder berichtet wird, ohne zu überprüfen, ob das überhaupt stimmt, wo doch jeder weiß, dass überall gelogen wird, ist es natürlich auch schwierig, das Ganze überhaupt zu verstehen.“ Der Nutzer „Peter“ ergänzt: „Man könnte auch Masern- und Grippeviren direkt nachweisen – man könnte. Wenn es sie gibt, hätte man es schon getan.“ Übeflüssig zu erwähnen, dass es diese Nachweise längst gibt.

Impfkritikern wie Lanka und Tolzin ist dennoch schwer beizukommen: Sie lassen sich von wissenschaftlichen Fakten nicht aus dem Konzept bringen. Tolzin erklärte sich bereit, Fragen per E-Mail zu beantworten, bezeichnete dann aber fast alle eingeschickten Fragen als „irrelevant“ – selbst die Frage, ob er sich auch Gedanken darüber mache, dass seine Thesen eine Entscheidung mit schwer­wiegenden Folgen begünstigen. Warum er davon ausgehe, dass sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch das Robert Koch-Institut als auch eine Mehrheit von Biologen und Medizinern falschlägen? Hans Tolzins Antwort: „Bis vor Kurzem dachte die Mehrheit der Experten noch, die Erde sei eine Scheibe.“

Wenn es um wissenschaftliche Belege für seine Impfkritik geht, greift er dafür wissentlich daneben. So schrieb er am 19. 4. 2012: „Trotz Impfung mehr Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs“. Dabei bezog er sich auf eine Studie des Cancer Research UK, in der es nicht einmal um Gebärmuttelhalskrebs ging, sondern um „womb cancer“, also Gebärmutterkrebs. Die Zahl der an Gebärmutterhalskrebs erkrankten Frauen ist zurückgegangen.

200 Studien ignoriert

Tolzin behauptet sogar, dass niemals eine Isolation des Poliovirus stattgefunden habe: „Diesbezügliche Anfragen an deutsche Gesundheitsbehörden wurden bisher gar nicht oder nur ausweichend beantwortet. Hakt man dann nach und fragt nach der konkreten Originalliteratur, ist die typische Antwort des Robert-Koch-Instituts: Leider können wir aus Kapazitätsgründen keine Literaturrecherche für Sie übernehmen.“ Für Tolzin ein Beweis, dass die Problematik bei den deutschen Gesundheitsbehörden bisher kein Thema sei. Aber warum sollte sie auch? Nidia De Jesus von der Stony Brook University School of Medicine, New York, hat sich in ihrer Studie Epidemics to eradication: the modern history of poliomyelitis mit der Geschichte des Poliovirus befasst und listet mehr als 200 Studien auf – Tolzin ignoriert sie allesamt.

„Die Herrschaft der Pseudowissenschaft muss durch eine gesellschaftliche Wissenschaft, die durch die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit und durch die Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit bestimmt ist, überwunden werden.“ Dieser letzte Satz stammt nicht von Nidia De Jesus. Er stammt von Stefan Lanka.

Boris Hänßler ist Komparatist und lebt in Bonn. Für den Freitag schreibt er über die Randzonen von Wissenschaft und Universum

14:00 15.05.2012

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