Ist doch alles wie im Film

Groteske Ein kleiner Versuch, Leander Haußmanns Buch "NVA" gegen seinen Film und die Augenzeugenliteratur zu verteidigen

Soldaten sind Mörder. Wie ein Damoklesschwert hängt der Satz von Kurt Tucholsky über einem Beruf, der seinen wahren Charakter nicht verleugnen kann. Militär ist eine Regression. Mag es sich auch noch so sehr hinter High-tech verstecken und mit Formeln verkleiden, die dem Blutgeschäft einen zivilen Tarnanstrich geben sollen: Sicherheitsingenieur, Staatsbürger in Uniform, Verteidiger des Friedens.

Die Schizophrenie des Militärs, der Tanz auf der Kippe von Banalität und Barbarei, zieht sich wie ein roter Faden durch die Militärliteratur. Noch im kriegsverherrlichendsten Landserroman ist etwas davon zu spüren. Entsprechend sind die Erwartungen an die literarische Bearbeitung dieses Instituts. Der Soldatenroman muss das Sinnlose und Inhumane des Systems im Auge haben, er soll aber auch den Einzelnen, der sich darin wie in einem Stacheldrahtverhau verfangen hat, nicht vergessen. So ein Stoff, lautet eine weit verbreitete Meinung, eignet sich sehr, sehr schlecht für Witze.

Der Vorwurf, Leander Haußmann verharmlose mit seinem Film und dem Buch NVA das Gewaltinstitut Militär im Allgemeinen und die DDR im Besonderen, indem er es auf ein paar Kasernenschnurren reduziert, gilt - zumindest für das Buch - nicht. "Viel schlimmer", wie es jetzt von allen Seiten tönt, war der Militär-Alltag womöglich doch nicht. Zumindest kann man das einem der Verharmlosung unverdächtigen Buch entnehmen, das zur gleichen Zeit wie Haußmanns Taschenbuch zum gleichen Thema erschienen ist. In Hinterm Horizont allein - Der "Prinz von Prora". Erfahrungen eines NVA-Bausoldaten hat der Berliner Journalist Stefan Wolter seine Zeit bei der Nationalen Volksarmee im ehemaligen KdF-Bunker Prora auf Rügen 1986/87 beschrieben.

Wolters Fall wiegt besonders schwer. Als Wehrdienstverweigerer wurde der 1967 in Eisenach geborene Pfarrerssohn Bausoldat und musste auf der "sozialistischen Großbaustelle" Mukran hinter Stacheldraht Sand schippen. Natürlich ist der Militäralltag ohnehin schon schrecklich. Aber als Christ ist Wolter zusätzlichen Schikanen ausgesetzt. Bibelkreise werden als Staatszersetzung ausgelegt und mit Urlaubsentzug geahndet. Da liest man einigermaßen verwundert, wie er im Dezember 1986 seinen Eltern schreibt: "Die Arbeit macht nach wie vor Spaß und ich freue mich über die Ruhe. Gestern ... habe ich mit Michael Kaffe getrunken. Wir ... haben beide festgestellt, dass wir noch nie so viel verrückte Typen wie hier vorher kennen gelernt haben". Wolter findet sogar Zeit, hebräisch und Flöte spielen zu lernen.

Verrückte Typen tummeln sich auch bei Leander Haußmann. Und in Wolters Soldatenleben findet man gleichfalls all die Versatzstücke wieder, die bei Haußmann als Klamauk beargwöhnt werden: perverse Vorgesetzte, menschenverachtenden Drill, Pennälerscherze wie heimliches Duschen im Keller und die kleinen Folterspielchen, mit denen die Insassen dieses geschlossenen Systems den Druck von oben und außen nach innen wenden: die "Musikbox" und die "Schildkröte". Bei dem einen muss man in einem geschlossenen Spind singen. Bei dem anderen macht man Bekanntschaft mit dem Heizungskörper. Selbst die gefürchtete Strafverschickung in die Schleifer-Kompanie von Schwedt kommt bei Wolter vor. Von wegen Klamotte: Haußmann hat sich ziemlich genau an die Realität gehalten.

Der Unterschied zwischen den beiden Bänden liegt im ästhetischen Verfahren. Wolter ahnt etwas von dem Aberwitz des Systems Militär. Als der junge Rekrut angstbebend in Rügen ankommt, trifft er auf einen kleinen Offizier, der so fett ist, dass ihn die neuen Rekruten sarkastisch "die Luftpumpe" nennen. Als abends wieder einmal eine besonders bunt zusammen gewürfelte Truppe in seiner Baukompanie beisammen sitzt, schreibt Wolter an die Lieben daheim: "Alles ist hier wie im Film". Ein gefundenes Fressen sollte man meinen. Doch er macht nur einen tristen Dokumentarfilm daraus. Das kann man machen. Fade wird es erst, wenn man immer nur auf das Material und den eigenen Bauchnabel hält, nach dem Motto - so war es!

Haußmann dagegen bläst den militärischen Alltag kurz und knapp zur Groteske und damit zur Kenntlichkeit auf. Dieses realitätsverzerrende Genre ist im Fall des Militärs aber das realitätstauglichere Mittel, weil der militärische Alltag eine Groteske ist. Gerade weil das Große, Böse, dem er dient und das er vorbereitet, unsichtbar ist und letztlich unvorstellbar bleibt, wirkt er oft wie eine besonders schlecht ausgedachte Karikatur. Das macht die blockübergreifende Lächerlichkeit von Übungen wie "Gasalarm" oder "Tarnen im Gelände" aus. Das ist der Sinn von Haußmanns Klischeetypen wie Hauptfeldwebel Futterknecht, von absurden Ritualen wie der Postausgabe ohne Post oder dem Eiertanz um die klassengerechte Bemalung einer hässlichen Betonwand in der Kaserne.

Wolters Band dagegen liest sich wie die Schwarzweiß-Fassung dieser grellen Komödie. Sein Buch ist aufrichtig. Es gibt interessante, mitunter bewegende Einblicke in das Drama vom Verlust des Ichs und der Erziehung zur Gleichgültigkeit. Doch wie alle Augenzeugenberichte krankt sein Mix aus nachträglicher Erinnerung, Briefen von damals und Fotos von heute an der eingeschränkten Perspektive und einer peinigenden Detailseligkeit. Ständig schreibt er den Eltern, wie er sich mit den Stubenkameraden heimlich Spaghetti kocht oder am Strand spazieren geht. Mit dieser Erbsenzählerei kommt er dem Institut Militär allerdings kaum näher als bis zu den eigenen Tränen.

Da ist Haußmann an der Welt hinter der Welt näher dran, wenn er einen Soldaten im schlechten Slapstick durch einen geheimen Bunker im Wald stolpern lässt, in dem der atomare Ernstfall vorbereitet wird. Ausgerechnet diese Szene hat sein Drehbuchschreiber Thomas Brussig im gleichnamigen Film aber weggelassen. Statt auf die ironische Psyche, die Haußmann seinem Helden Henrik Heidler gibt, setzt er auf Grimasseneffekte oder running gags wie Futterknechts ständiges: "Ich glaub es nicht", wenn sich seine Soldaten wieder allzu zivil benehmen. Dem Film fehlen die Zwischentöne von Haußmanns Prosa.

Wer nicht zum Mörder werden will, muss lieben lernen. So unterschiedlich beide Bücher und Autoren sind - hier der kesse Haußmann, da die empfindsame Seele Wolter. So sehr treffen sie sich in ihrem romantischen Glauben an eine alles erlösende Macht. Haußmanns fiktiver Henrik landet am Ende im Wachtturm in den Armen von Franziska, der Tochter von Oberst Kalt, der reale Stefan in den Armen eines Kameraden: "Da trafen sich die Lippen ... Unter Bäumen, die nur als Silhouetten wahrnehmbar waren, wurde ich durch unschuldige Küsse zu einem zauberhaften Erleben hinübergerissen ... auf dem stacheligen Waldboden ... im fahlen Mondeslicht" stammelt der überwältigte Bausoldat sein Coming-Out von damals nach.

Gegen diese pubertäre Protolyrik lobt man sich die lässige Romantik von Haußmanns Protagonisten. Schon der Kaserne nähert er sich in der distanzierenden Vogelperspektive, immer eingesponnen in seinem immunisierenden Paralleluniversum aus Popsongs West. Der fiktive Henrik ist zwar ähnlich sensibel wie der reale Stefan. Aber als er nach einem schmierigen Vorgang zwischen Stasi-Anwerbe- und schwulem Annäherungsversuch die Bude von Unteroffizier Aurich verlässt, stürzt er nicht in ausweglose Verzweiflung, sondern in Mitleid: "Während er langsam über den Flur zurückging, sah er vor sich das Gesicht von Aurich und er tat ihm leid. Einfach so".

Zugegeben: Haußmann hätte die humoristische Schraube noch anziehen, die Groteske noch grotesker sein lassen und Brussig ein bisschen mehr auf die Finger sehen können. Das ändert nichts an der Wirksamkeit eines Prinzips, das da heißt: Verlacht die Militaristen, wo ihr sie trefft!

Leander Haußmann: NVA. Roman. Kiepenheuer Köln 2005. 240 S., 8,90 EUR

Stefan Wolter: Hinterm Horizont allein - Der "Prinz" von Prora. Erfahrungen eines NVA-Bausoldaten. Projekte-Verlag, Halle 2005, 350 S., 19,80 EUR


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00:00 14.10.2005

Ausgabe 38/2020

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