Ist Heimat ein wirklicher oder ein imaginärer Ort?

Über die Welt verstreute Millionenstadt Volker Koepp schließt mit "Dieses Jahr in Czernowitz" an seinen Erfolgsfilm "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" an und begleitet Emigranten in ihre bukowinische Heimat

Dokumentarfilme können auf sehr unterschiedliche Art entstehen: Von der genialischen Kopfgeburt bis zur fernsehgesteuerten In-Vitro-Zeugung ist fast alles möglich. Volker Koepps Filmprojekte aber scheinen sich seit nunmehr über dreißig Jahren auf fast natürliche Weise fortzupflanzen: Auch wenn die konkreten Sujets durchaus unterschiedlich waren, schien doch jeder neue Film aus dem letzten organisch hervorzugehen.

Manchmal aber gebiert ein Film auch ganz direkt einen anderen: Immer wieder seien nach den Vorführungen von Herr Zwilling und Frau Zuckermann Personen an ihn herangetreten, die sich als geborene Czernowitzer auf besondere Weise seinen beiden damaligen Helden verbunden fühlten, berichtet Volker Koepp zur Entstehungsgeschichte seines neuesten Films. Rosa Roth-Zuckermann und Mathias Zwilling waren nach und trotz Verfolgung und Deportation in Czernowitz geblieben. Doch die meisten anderen Überlebenden der ehemals über hunderttausend zählenden jüdischen Bevölkerung der bukowinischen Hauptstadt und ihre Nachfahren leben heute über alle Welt verstreut. Und die meisten von ihnen haben die Stadt noch nie gesehen, die in Familiengeschichten und Erinnerungen einen umso gewichtigeren, ja oft fast mythischen Platz einnahm. Man lebt in Jerusalem, New York, Wien oder Berlin, doch ein Teil der Seele ist in der alten Heimat zurückgeblieben. Czernowitz müsste eine Millionenstadt sein, wenn man an all die Ex-Czernowitzer denkt, die in der Welt herumschwirren, heißt es in einer exil-czernowitzischen Redensart.

So ist es eigentlich nicht überraschend, dass einige von ihnen auch den Weg in Koepps Herr Zwilling und Frau Zuckermann fanden. Und zu Volker Koepp selbst, der sich irgendwann entschloss, eine Handvoll von ihnen zu den Protagonisten eines neuen Films zu machen, der ihn fünf Jahre nach dem ersten wieder in die Stadt zurückführen sollte, die wie kaum eine andere in Europa einmal Toleranz und Weltläufigkeit der in Rassenwahn und völkischem Denken untergegangenen Vorkriegszeit repräsentierte.

Beide Helden von Koepps erstem Czernowitz-Film sind mittlerweile verstorben: Mathias Zwilling schon 1999 kurz nach Fertigstellung, doch dann starb auch Frau Zuckermann, die eigentlich in der Fortsetzung noch einmal auftreten sollte, kurz vor Beginn der Dreharbeiten. Ihnen beiden ist Koepps neuer Film gewidmet. Und auch sonst ist Dieses Jahr in Czernowitz ein Film, der von Abschied und Erinnerung bestimmt wird. Abschied von einer Stadt, die von immer mehr Bewohnern verlassen wird und von einstmals bedeutsamen Orten, die ihre Bestimmung verlieren. Erinnerung im Gedächtnis derer, die ihre Vergangenheit hier verloren haben. Eduard Weissmann etwa, 1945 im Ghetto von Czernowitz geboren und nach Gefangenschaft und Flucht jetzt Cellist beim Deutschen Symphonieorchester in Berlin. Oder der Dichter Norman Manea, der erst in den achtziger Jahren die Stadt in der damaligen Sowjetunion verließ und jetzt am Bard College bei New York Literatur lehrt. In seiner abgeklärten Melancholie könnte er ein direkter Nachfahre von Herrn Zwilling sein. Die beiden Schwestern Evelyne Mayer und Katja Rainer aus Wien. Und der Schauspieler Harvey Keitel, der auf Koepps Film aufmerksam wurde, als er am Theater in Frankfurt/Oder Gedichte von Paul Celan las, wohl dem bekanntesten Sohn der Stadt.

Der Verlust - und parallel dazu ein auffallend omnipräsentes Familienleben - bestimmt auch die Form des Films: Viel wird erinnert und erzählt im ersten Teil dieses Films, viel in Fotoalben geblättert, ganz so, als wollte der Regisseur auch bei uns den Mangel schüren, aus dem sich die Sehnsucht der Emigranten speist. Nach einer Stunde kündet dann ein Panoramaschwenk über die schneebestäubten Dächer der alten Stadt, dass wir uns endlich - gemeinsam mit einigen Exil-Bukowinesen - auf die Heimreise in das unbekannte Land machen dürfen, wo sich die Erinnerung in einer ungewissen Gegenwart materialisiert. Anders als beim oft ins Leere laufenden wirklichen Leben hat der Dokumentarfilmer dabei dem Zufall schon recherchierend vorgearbeitet: Und so finden die beiden Wienerinnen wirklich einige liebenswerte alte Menschen, die damals im Gemischtwarenladen ihrer Eltern eingekauft haben. Und Eduard Weissmann besucht mit seiner Frau - auch eine Czernowitzerin - das Grab seines 1936 von Nationalfaschisten ermordeten Onkels und begegnet einem alten Herrn, der früher mit ihm befreundet war. Jetzt betört Johann Schlamp Filmteam und Publikum mit seinen Interpretation von Liedern des Tenors Josef Schmidt, auch der ein ehemaliger Czernowitzer.

Nur Harvey Keitel, dessen Mutter aus einer kleinen Stadt hinter den transsylvanischen Bergen stammt, bleibt auch dann ein - sicherlich rührend gutwilliger - Erinnerungstourist, wenn er auf einer Bank vor dessen Geburtshaus ein Gedicht von Paul Celan liest. Hier ist die biografische Spurensuche zur Ersatzhandlung verkommen, die das profane Leben im Hier und Jetzt mit spiritueller Bedeutung aufladen soll. Dabei ist es sicherlich müßig, einem Schauspieler vorzuwerfen, dass er sich allzusehr als Schauspieler verhält. Im Gegenteil sollten wir Keitel dankbar sein, fokussiert sein Misslingen doch stellvertretend die Lächerlichkeiten, die bei solchen Unternehmungen immer auch mitschwingt.

Ist Heimat ein wirklicher oder ein imaginierter Ort? Volker Koepps bisherige Filme handelten fast immer von den konkreten Landschaften, in denen die Menschen leben. Dieses Jahr in Czernowitz ist abstrakter und - vor allem in den Gesprächssequenzen - auch knapper geschnitten, als wir es aus den früheren Filmen kennen. Ein Umstand, der wohl auch der Not zuzuschreiben ist, mehreren disparaten Schauplätzen Raum zu geben, während Filme wie etwa Kalte Heimat oder Uckermark ihre Gelassenheit auch aus der bodenständigen Fortbewegung von Ort zu Ort bezogen. Zur Belüftung dienen hier vor allem die zwischengeschnittenen langen Schwenks, die die Kamera von Thomas Plenert - diesmal in einigen Sequenzen von Susanne Schüle unterstützt - über Städte- und andere Landschaften macht. Volker Koepp, der am 22. Juni seinen 60. Geburtstag feiert, hat sich mit seinem neuen Film somit filmisch auch neues Territorium erobert. Am Schluss aber ist auch Dieses Jahr in Czernowitz nicht nur ganz in Czernowitz, sondern auch im Heute angekommen: Bei der Sprachstudentin Tanja Kloubert, die mit jugendlichem Enthusiasmus alte polyglotte Czernowitzer Traditionen fortführt. Doch heute ist auch sie längst nach Deutschland ausgereist, wenn auch nicht für immer, wie sie versichert. Norman Manea wünscht sich den Vielvölkerstaat der Habsburger zurück. Eine Phantasie, für deren durchaus poetische Note Volker Koepps Film selbst überzeugte Neu-Europäer empfänglich macht.


00:00 18.06.2004

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