Ist Italien noch zu retten?

Tugenden Schön, nicht noch ein Anti-Berlusconi-Buch: Stattdessen sucht Paul Ginsborg Abhilfe in der Geschichte seines Landes

Aus der lebendigen Demokratie in den Städten und Kommunen könnte die Rettung Italiens kommen, sagt Paul Ginsborg, und wer sich die Kommunalwahlen im Mai betrachtet, kann seinem Urteil über eine gut funktionierende lokale Demokratie nur zustimmen. Während es hierzulande die Nation nicht wirklich interessiert, wer Bürgermeister von Stuttgart, Hannover oder München ist, starren in Italien alle wie gebannt auf die Kommunalwahlen in Städten wie Mailand, Turin und Bologna.

Der politischen Rolle der Städte und der intellektuellen Traditionen der lokalen Selbstbestimmung geht Ginsborg in seinem Buch Italien retten nach und findet dabei allerhand Interessantes. Der anglo-italienische Historiker bietet eine gut lesbare Mischung aus der sozialgeschichtlich operierenden englischen Geschichtswissenschaft und der ideengeschichtlich versierten italienischen Schule. Ginsborg, der sich als Risorgimento-Historiker wie als Experte für die neuere italienische Geschichte einen Namen gemacht hat, versucht anlässlich des 150. Geburtstags des italienischen Nationalstaates, einige Denker des Risorgimento – also der Zeit zwischen Wiener Kongress und nationalstaatlicher Einheit Italiens – zu aktualisieren und ihre Ideen auf die Gegenwart zu übertragen. Dabei stützt er sich vor allem auf politikferne Denker wie Cattaneo, Sismondi oder Manzoni. In gut geschriebenen historischen Passagen stellt er deren Denken vor, womit sich Italien retten wohltuend von den üblichen Anti-Berlusconi-Büchern unterscheidet.

Bescheidenheit

Sanftmütigkeit und eine Orientierung an kulturellen statt an kriegerischen Werten hält Ginsborg für positive Traditionen des intellektuellen Risorgimento. Am Beispiel Garibaldis demonstriert er zudem die Tugend der politischen Bescheidenheit. Obwohl diese „Tugenden“ nicht zuletzt von Antonio Gramsci gern als Passivität kritisiert wurden, sind sie für Ginsborg wichtig und stellen einen deutlichen Kontrast zur gegenwärtig dominierenden neureichen Protzkultur Berlusconis dar. So verdienstvoll diese Ausführungen sind, können sie aber auch als ein Indiz für die Desorientierung der italienischen Linken gelten, der der Autor angehört.

Denn der wohltönende Moralismus, den Ginsborgs Gewährsleute aus dem Risorgimento an den Tag legten, hat sich oft als Schwäche erwiesen und wird auch in aktualisierter Form nicht attraktiver. Moralpredigten schätzen viele Italiener und Italienerinnen nicht übermäßig. Wenn sie partout möchten, dass sich eine höhere Instanz in ihr Privatleben einmischt, dann wenden sie sich gleich an die katholische Kirche, deren große Macht Ginsborg zu Recht beklagt. Eine Instanz, die er besonders für den moralischen Verfall Italiens verantwortlich macht, ist das Fernsehen. Das italienische TV ist zwar auf krasse Art trashig und wird von der ständigen Präsenz vieler chirurgisch aufgepolsterter halbnackter Mädels dominiert. Aber ist der angezogene Trash, den die deutschen oder englischen Sender bieten, so viel hochwertiger?

Nicht automatisch besser

Zu den starken Teilen von Ginsborgs Buch gehören die Passagen, in denen er konstatiert, dass die Parteien der Linken auf die alten Leiden Italiens, d.h. auf Klientelismus, Korruption und Ämterschacher, keine bessere Antwort haben, sondern lediglich dem Glauben anhängen, dass sich mit eigenen Leuten in den Ämtern die Dinge automatisch zum Besseren wenden würden. Die Schlussfolgerungen, die Ginsborg aus diesen Problemen der italienischen Linken zieht, sind aber nur bedingt nachzuvollziehen. Er sagt zwar, nur eine Politik, die die Gerechtigkeit und Gleichheit hochhält, könne Italien retten, aber vom Politikbetrieb erwartet er diesbezüglich wenig – die postsozialdemokratische PD sei zu zaghaft, die linke Linke zu zerstritten. Gestützt auf die Erinnerung ans Risorgimento, als Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler die Zivilgesellschaft der Bewegung prägten, hofft Ginsborg, dass die Rettung aus der Mittelschicht kommt. Zu recht führt er an, dass in Italien nicht die Parteien, sondern die politischen Bewegungen bei Weitem die lebendigste und politisch kreativste Kraft sind.

Seit Berlusconi 2008 die Wahlen gewann, haben sie erfolgreich verhindert, dass viele seiner politischen Vorhaben umgesetzt werden. Dass Ginsborg dies schätzt, ist nachvollziehbar, aber dass er diese Bewegungen der Mittelschicht zuordnet, kann nur erstaunen. Selbst bei einem sehr weiten Mittelschichtsbegriff rekrutieren diese sich doch hauptsächlich aus Studenten, Prekären, Frauen-, Friedens- oder Schwulenbewegten und LinksaktivistInnen, d.h., sie sind intellektuell und habituell eher antibürgerlich. Geschuldet ist die Mittelschichtsorientierung vermutlich Ginsborgs toskanischer Sichtweise, schließlich ist er Professor in Florenz. Hier und in Mittelitalien insgesamt gibt es noch ein Bürgertum, das seine Freizeit auf Demos und politischen Treffen verbringt.

Im Rest des Landes – in Mailand, Rom, Neapel – gelten dagegen eher das Anhäufen und Herzeigen von Statussymbolen und Konsumgütern als bevorzugte Freizeitbeschäftigung: Im Designer-Outfit mit einem modischen Auto zu den angesagtesten Restaurants zu kurven und Berlusconi zu wählen, entspricht wesentlich eher den Neigungen dieser Mittelschichten, als in bequemen Schuhen und regendichter Kleidung im Gewerkschaftsbus zur Demo zu fahren.

Italien rettenPaul Ginsborg aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Wagenbach 2011, 128 S., 10,90

Christina Ujma lehrte u.a. in Pisa. Zuletzt gab sie heraus: Fanny Lewald. Studien zu einer großen europäischen Schriftstellerin und Intellektuellen (Aisthesis Verlag 2011)

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17:40 13.07.2011

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