Elke Wittich
Ausgabe 2714 | 07.07.2014 | 06:00 52

„Ist sie nicht hübsch?“

Fußball Bei der Männer-WM sind Frauen als Expertinnen unerwünscht. Nicht nur im Fernsehen, auch in der Presse dominiert der Sexismus

Wo während der Männerfußball-WM die Frauen sind, ist schnell erklärt: Nicht auf dem Spielfeld. Und auch nicht an dessen Rand, denn es gibt bei der Weltmeisterschaft ganz einfach keine Schieds- und Linienrichterinnen oder Trainerinnen. Noch nicht einmal in einem klassischen Frauenfach sind sie anzutreffen: Keine einzige Mannschaft beschäftigt eine Frau, die als medizinische Expertin auf der Ersatzbank sitzen darf. Besonders zu irritieren scheint dies allerdings niemanden. Wenn überhaupt mal ein Frauenmangel bei der WM beklagt wird, geht es um Fernsehjobs.

Normalerweise werden bei Großereignissen des Sports Ex-Profis als Experten vor die Kameras geholt. Die ehemalige Weltklasseschwimmerin Kristin Otto darf beispielsweise bei Olympia das Männer- wie das Frauenschwimmen begleiten. Aber neben Mehmet Scholl und Oliver Kahn auch mal eine Spielerin der – überaus erfolgreichen – Frauen-Fußballnationalmannschaft zu buchen: Auf diese Idee kam bislang weder die ARD noch das ZDF. Fachlich qualifizierter als die Theaterwissenschaftlerin Katrin Müller-Hohenstein, die bis zu ihrer Verpflichtung fürs aktuelle sportstudio in Lokalrundfunksendern Vor- und Nachmittagsssendungen moderierte, dürften die Ex-Kickerinnen allemal sein. Und vielleicht hätten sie im Gegensatz zu Müller-Hohenstein darauf verzichtet, bei der WM 2010 im Gespräch mit Oliver Kahn anlässlich eines Tors von Miroslav Klose von einem „inneren Reichsparteitag“ zu sprechen.

Immerhin: Müller-Hohenstein passt gut zum allgemeinen Elend der deutschen Fußballberichterstattung. In Interviews gibt sich die „Grand Dame der deutschen Fußball-Moderatorinnen“ (Die Welt) jedenfalls weniger damenhaft als vielmehr merkwürdig. Sei es der besorgt-mütterliche Tonfall, mit dem sie Jogi Löw nach dem mühsamen 2:1 gegen Algerien wieder aufzurichten versuchte; seien es die mitfühlenden Fragen und der entschuldigende Blick, wenn sie auf unangenehme Punkte wie das Versagen einzelner Spieler zu sprechen kommt, oder, umgekehrt, das entschlossene, überlaute Betonen positiver Aspekte. Nicht zu vergessen sind auch die koketten Momente, in denen sie mit ihrem jeweiligen Gesprächspartner zu flirten versucht. Was immer diese Frau da im Fernsehen veranstaltet: Es ist definitiv kein Journalismus – sondern bloß menschelndes Talkshow-Gebaren mit recht dezentem Fußballbezug.

Müller-Hohensteins Performance ergänzt wunderbar das, was in der Live-Berichterstattung der Begegnungen auch sonst geboten wird. Ein Fußballspiel live zu kommentieren, ist im Grunde nicht schwierig: Wer in der Lage ist, sich Trikotnummern und die dazugehörigen Namen und Gesichter sowie ein paar Geschichten über die jeweiligen Spieler zu merken, ist für den Job schon ganz gut qualifiziert. Denn mittlerweile ist es gang und gäbe, das Evidente noch einmal breit zu erklären, also etwa was die Nummer 11 unten auf dem Platz gerade macht und dass das leider, leider nicht zum Tor führte: Ooouuuu, da hätte sich der Stürmer aber mehr anstrengen müssen! Aber halt, da hat der Schiedsrichter gepfiffen, das müssen wir uns in der Zeitlupe noch einmal ansehen. Warum Fußballreporter glauben, dass Zuschauer das, was sie gerade mit eigenen Augen sehen, noch einmal erzählt bekommen wollen, ist unklar. Fußball ist ja nun wirklich keine besonders komplizierte Sportart.

Noch schlimmer als der Erklärzwang ist der Emotionsausbruch oder das, was die Kommentatoren dafür halten. Bekommt der am Mikrofon Sitzende kurz mal Angst – Kommentatoren sind ja auch Fans, sie fürchten sich davor, dass ihre Mannschaft verlieren könnte –, dann lassen sie ihre Zuschauer daran teilhaben, indem sie mit immer leiser werdender, gepresster Stimme schildern, dass ihr Team gleich einen Elfmeter schießen wird. „Ach, tatsächlich?“ – denkt sich das Publikum, das das ja selbst auf dem Bildschirm sehen kann. Oh wie wichtig wäre es, diesen Treffer jetzt zu erzielen, fleht der Kommentator; die Nummer 11 legt sich den Ball zurecht ... läuft an ... – nein! Gern wird auch mal geschrien, wahrscheinlich, um zufällige Einschalter davon zu überzeugen, dass gerade extrem tolle Sachen passieren und auf keinen Fall umschaltet werden darf.

Klassische Mechanismen

Das alles könnten Frauen auch – wenn man sie denn ließe. Oder wenn sie wollen würden. Die Art und Weise, wie die bereits aktiven Reporterinnen in den Medien präsentiert werden, kann man nämlich durchaus abschreckend nennen. Da gibt es Online-Bildstrecken, in denen unter Überschriften wie „Schön und kompetent“ Bilder der fast durchgehend blonden oder wenigstens blondierten Fußballfachfrauen präsentiert werden. Oder Interviews, in denen ganz selbstverständlich Privates abgeklopft wird, Dinge, die ein männlicher Kommentator nie gefragt wird, etwa auf welchen Frauentyp genau er steht oder ob er „in festen Händen“ ist, und wenn, ob die Ehe oder Beziehung darunter leidet, dass die Wochenenden am Rasen verbracht werden. All diese Dinge scheinen zum Job des Fußballkommentierens dazuzugehören – wenn eine Frau diesen Job erledigt.

Aber nicht nur im Fernsehen, auch in den Printredaktionen sind nur sehr wenige Sportredakteurinnen oder -autorinnen zu finden. Wie in vielen anderen Branchen greifen auch hier einige klassische Mechanismen. Da ist das notorisch Männerbündlerische, das sich etwa in Insiderwitzen niederschlägt; da ist die demonstrative Verbundenheit zwischen Journalisten und Vereinsführung, die jeden Neuling zunächst ausschließt. Im traditionellen Fußballjournalimus geht es nicht nur um Tore und Verletzungen, sondern auch um Privilegien. Ein gutes Verhältnis zum Präsidium bedeutet, Informationen möglicherweise früher als die Konkurrenz zu erhalten, was kritische Berichte oder gar Enthüllungsgeschichten tendenziell erschwert, wenn nicht verhindert.

„Sind Sportjournalisten eigentlich Journalisten oder doch nur Fans, die es über die Absperrung geschafft haben?“, lautete die Frage, die das Netzwerk kritischer Sportjournalisten in seinem 2006 veröffentlichten Buch Korruption im Sport stellte. Fakt ist, dass die sogenannte Vereinsnähe in vielen Sportredaktionen bis heute ungebrochen als unbedingter Vorteil gesehen wird. Wofür das Bewusstsein fehlt: Dass ein Journalist, der gleichzeitig für das Klubmagazin schreibt oder Redakteur der Vereinsfestschrift ist, diesen lukrativen Nebenverdienst nicht so ohne Weiteres einer Story über kriminelle finanzielle Machenschaften bei ebenjenem Verein opfern wird. Nur am Rande: Katrin Müller-Hohenstein bekam 2010 übrigens großen Ärger mit ihrem Arbeitgeber, weil sie einen Werbevertrag mit einer Molkerei abgeschlossen hatte, obwohl das ZDF seinen Journalisten Engagements in der Werbung verbietet.

Okay – aber wie ist es denn nun ganz konkret, eine Fußballjournalistin unter Fußballjournalisten zu sein? Da ich als erste Frau hierzulande Ende der 90er Jahre die Leitung des Sportressorts bei einer überregionalen Zeitung übernommen habe, werde ich das oft gefragt. Und meine Antwort lautet, im Kern: „Es ist lustig, wenn man Spaß an abstrusen Situationen hat.“

Die Zahl der Männerarme, die sich unverlangt um meine Schultern legten, während ihre Inhaber etwas wie „Ich erklär dir mal, was Abseits ist“ sagten, ist jedenfalls Legion. Auf einem Westberliner Sechstligaplatz wurde ich einmal mit den Worten „Wie, die schicken uns heute eine Frau?“ empfangen. Die Enttäuschung war unüberhörbar: Da war er also, der große Tag, an dem der Verein ein Spiel absolvieren würde, das morgen in der Zeitung stehen würde – und dann das: eine Frau! Meine Antwort auf die offensichtliche Bestürzung tröstete den fassungslosen Präsidenten kaum. Ich sagte: „Ja, ich bin die Strafe.“

Manchmal allerdings bleibt auch mir nur Sprachlosigkeit. Wie bei einem Interview mit einem Ostberliner Vereinspräsidenten, der die Frage nach dem „Wie geht es denn nun weiter mit dem Klub?“ mit einem „Nein, wie sind Sie hübsch!“ beantwortete. Auch alle weiteren Versuche, etwas auch nur halbwegs Zitierbares aus ihm herauszubekommen, beantwortete er mit einer Variation des Hübsch-Themas. Er holte sogar seinen Vizepräsidenten dazu und sagte dem: „Schau sie dir an, ist sie nicht hübsch?“ Das komplette Interview haben wir dann übrigens ungekürzt abgedruckt, eine Reaktion des Vereins gab es nie.

Zumindest schwer gaga

Aber es sind nicht immer nur Männer, die einer Fußballjournalistin das Leben schwer machen. Besonders niederschmetternd war mein bisher einziger Versuch, als Ressortchefin einen meiner männlichen Autoren für ein Champions-League-Spiel zu akkreditieren. Sehr deutlich war die Reaktion der Vereinssekretärin zu spüren: Sie hielt mich für eine Hochstaplerin, zumindest für schwer gaga. Natürlich gab es keine Karte für den Autoren – bis der Sportpraktikant es versuchte. Der bekam bei der Vereinsangestellten dann alles in Minuten durch.

Und manchmal erlebt man sogar ausgesprochen Erstaunliches, wie bei einem Fanfest, über das ich berichten sollte. „Ich muss dir etwas zeigen, komm“, sagte ein leicht angetrunkener Mann im Laufe des Abends zu mir. Ohne weiter nachzudenken, ging ich mit nach draußen. Zielstrebig lief er über das Vereinsgelände, immer weiter ins Dunkel. Die Partygeräusche wurden immer leiser, und erst da fiel mir auf, dass ich womöglich einen großen Fehler gemacht hatte. Gerade als ich beschlossen hatte, schreiend wegzulaufen, drehte sich der Mann zu mir um und sagte: „Schau mal, unser Stadion bei Vollmond. Ist es nicht wunderschön?“

Elke Wittich ist die erste Frau, die in Deutschland die Leitung des Sportressorts bei einer überregionalen Zeitung (Jungle World) übernommen hat

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 27/14.

Kommentare (52)

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Ehemaliger Nutzer 07.07.2014 | 10:46

Das alles könnten Frauen auch – wenn man sie denn ließe. Oder wenn sie wollen würden.“

Die Diskussion in Deutschland ist schwierig, was aber wohl eher nicht an der Fragestellung liegt, ob Frauen das auch können, sondern der Grund heißt Carmen Thomas.

Falls Sie das nicht miterlebt haben, weil Sie noch zu jung sind, sollten Sie sich einmal im Internet die Quellen besorgen. Frau Carmen Thomas war die erste Moderatorin in einer Sportsendung, damals eine Art Heiligtum der Medien in Deutschland. Frau Thomas hatte einen schlechten Tag oder es mag an der Anspannung gelegen haben, jedenfalls hat sie mit „Schalke 05“ den ganzen Staat zum Kochen gebracht.

Vielleicht haben die Sender auch nur Angst davor, dass dieser Carmen-Thomas-Effekt eintritt, sei die Angst nun berechtigt oder nicht. Die trauen sich einfach nicht.

karamasoff 07.07.2014 | 17:04

Auf Sport1 hatte heute einer dieser männlichen Experten (ein Statistiker vom Fach...) der moderierenden Schaufensterpuppe erklärt, warum Deutschland das Halbfinale gewinnt; weil die Laufleistung im Schnitt der Mannschaft X km pro Spiel betrug.

Wenn der Deutsche marschiert gewinnt er auch, wenn der deutsche Mann der Frau (und nebenbei der imaginierten Äffentlichkeit) erklärt warum das so ist, gewinnt er auch.

Man kann sich die Situation auch andersrum vorstellen ohne daß es besser wird.

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Ehemaliger Nutzer 07.07.2014 | 17:37

Manchmal habe ich das Gefühl dass Autoren solcher Artikel in erster Linie provozieren wollen, damit es wenigstens gelesen und kommentiert wird. Und wie man sieht, funktioniert es ja auch.

Zum Artikel: Es ist natürlich lächerlich wieder mal Sexismus zu schreien. Aber man hat sich ja daran so gewöhnt, man nimmt es den Feministen nicht mal mehr übel.

Medizin, klasische Disziplin der Frauen? Vielleicht mit Quoten. Aber so eine WM braucht die beste Mediziner, da ist kein Platz für Quotenfrauen. Nichts für ungut.

Allerdings stimme ich der Idee zu mehr Frauen als Kommentatoren einzustellen. Eine wirklich hübsche Frau die auch zeigt was sie hat sehe ich allemal lieber als die üblichen Kommentatoren. Obwohl Welke ja noch witzig ist. Aber die anderen sollten tatsächlich mit hübschen Frauen ausgetautscht werden. Scholl kann ja weiterhin den Zuschauen die Taktik erklären.

Heinz Lambarth 07.07.2014 | 18:11

Schöner artikel, der einfach nur zeigt, wie weit diese gleichberechtigungsdebatte schon auf dem holzweg vorangekommen ist. Und der beispiele gibt es viele. So wurde zum beispiel das kürzlich veröffentlichte "Gender-konzept" des BM für wirtschafliche zusammenarbeit und entwicklung von einer kommission erarbeitet, die ausschliesslich mit frauen besetzt war. Wenn es soweitergeht kann das einfach nur in lächerlichkeit und blödsinn enden. Reine männerwelten sind genauso borniert wie vermeintliche frauendomänen!

Aber es sei auch noch eine fussball spezifische anmerkung erlaubt. Die autorin schreib sehr richtig:

Warum Fußballreporter glauben, dass Zuschauer das, was sie gerade mit eigenen Augen sehen, noch einmal erzählt bekommen wollen, ist unklar. Fußball ist ja nun wirklich keine besonders komplizierte Sportart.

Deshalb ist es genauso nervig, von irgendwelchen oberrechthabern ein ganzes spiel lang immer wieder den x-ten videobeweis mit jammerstimme unterlegt vorgeführt zu bekommen, dass sich der schiedsrichter bei diesem abseits oder jenem elfmeter "geirrt" hat. Warum können reporter tatsachenentscheidungen nicht einfach akkzeptieren? Für die spielerinnen ist das alltag, nur in den reporterkabinen kann sich solcher sportsgeist offensichtlich nicht breit machen...

oranier 07.07.2014 | 18:42

Natürlich gab es keine Karte für den Autoren“.

Aber Sie verdienen die rote Karte für diesen grammatischen Lapsus, der mir Zahnschmerzen bereitet. Zugegeben: Ihre Berufs- bzw. Tätigkeitsbezeichnung ist etwas leichter zu deklinieren: „die, der, der, die Autorin“.

Schadet aber doch nichts, in einem solchen Artikel und überhaupt auch die männliche Form korrekt deklinieren zu können:

„Autor“, starke Beugung: „der Autor, des Autors, dem Autor, den Autor“. „Autoren“ ist Plural.

miauxx 07.07.2014 | 20:19

Haste auch wieder recht!

"was ihnen im Hirn rumspuckt"

Haha, gut gelacht!

"scheinbar und anscheinend nicht richtig einsetzen"

Ja. Wobei es nicht einmal nur Verwechslungen sind, sondern anscheinend fast gar nicht mehr vorkommt. Stets scheinbar zu sagen, hat sich schon derart eingebürgert, dass selbst der Bildungsbürger das schon nicht mehr merkt. Was heute selbst in Universitäten, auf Symposien und in akademischen Arbeiten zurechtgedeutscht wird, ist schon bisweilen grausig.

Vielleicht billig, was ich hier schreibe. Kannste aber umsonst haben.

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Ehemaliger Nutzer 07.07.2014 | 22:16

@ Elke Wittich

Bringen Sie doch mal ein Paar Beispiele wo Frauen zwar wollen aber nicht dürfen, ansonsten ist alles nichts.

Das ein Mann in einer frauendominierten Berufssparte auch anders behandelt/befragt wird als seine weiblichen (Triggerwarnung!) Kollegen ist ihnen in ihrem Wahn wohl noch nie aufgefallen.

Parteischädigendes Verhalten ist für sie auch kein Grund, nein es muss natürlich das Patriarchat oder die fehlende Meinungsfreiheit herhalten wenn "Bomber Harris do it again" einen Proteststurm auslöst.

Gehen sie mit ihren unausgegorenen, spalterischen und diffamierenden Sektenmantras doch bitte wieder zu ihren Verfassungsschutz-Blättchen Jungle World und Konkret zurück und schwelgen sie dort weiter in ihrer Solidarität mit den Totengräbern der Piratenpartei, Genderextremisten und antideutschen Faschos die noch jede Bluttat der USA bejubelt haben.

Rechts sind natürlich immer nur die anderen.

Schämen sie sich eigentlich nie?

PFUI

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Ehemaliger Nutzer 07.07.2014 | 22:26

@Heinz Lambarth

"Warum können reporter tatsachenentscheidungen nicht einfach akkzeptieren? Für die spielerinnen ist das alltag, nur in den reporterkabinen kann sich solcher sportsgeist offensichtlich nicht breit machen..."

Vielleicht WEIL sie Reporter sind und sich der "Tatsachen"entscheidung nicht fügen müssen sondern, ganz im Gegenteil, diese Entscheidung kommentieren sollen(ihr Beruf wohlgemerkt)

Was hat das mit Sportsgeist zu tun?

Ich habe bei der laufenden WM übrigens noch keine Spielerinnen gesehen, du?

Politischkorrektsein entbindet Politischkorrekte anscheinend von jeglicher Logik.

Lethe 08.07.2014 | 10:07

Denn mittlerweile ist es gang und gäbe, das Evidente noch einmal breit zu erklären

Der Job ist halt einigermaßen undankbar: Was wollen Sie denn sonst machen, außer das Gesehene zu dublizieren? Wenn Sie bei einer Übertragung den Ton abschalten, ist das erfahrungsgemäß auch nicht das Gelbe vom Ei. Andererseits erzeugt eine gute Hörfunk-Übertragung durchaus Spannung. Das Reden scheint also unerlässlich zu sein, als der größere Teil des Spaßes.

Aber ob die Masse biertrinkender Couch-Potatoes es wirklich goutieren würde, statt emotionsaufputschendem Verbaldoping in diesen 90 Minuten mit einer elaborierten Darlegung der genderspezfischen Probleme des Fußballsports beglückt zu werden, lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit verneinen und im Experiment anhand der Einschaltquoten wahrscheinlich auch sehr schnell widerlegen. Und keine Einschaltquoten, kein Job für hoffnungsvolle ReporterInnen. Es bleibt also bei Stumpsinn^^

Pavel Elver 08.07.2014 | 10:49

Unvergesslich auch der Abend, als Carmen Thomas zu Beginn ihrer des Sportstudios aus der Bild am Sonntag vom nächsten Tag vorgelesen hat, die am Bahnhof schon zu haben war und eine vernichtende Kritik der Sendung enthielt, die noch gar nicht begonnen hatte - "So nicht, Frau Thomas!" lautet die Überschrift.

Das Fußball-Publikum hat diese grobe Unsportlichkeit aus dem Hause Springers schnell vergessen, während der Schalke-05-Lapsus zur Legende geworden ist. Das liegt aber nicht an Frau Thomas.

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Ehemaliger Nutzer 08.07.2014 | 11:02

Nein, das liegt und lag ganz sicher nicht an Frau Thomas. Moderatoren (männlich) vor ihr hatten schon ganz andere Schoten gebracht, man denke da nur an "... sie standen an Hängen und Pisten ... .

Fußball ist mit so viel Emotion und Leidenschaft belegt, dass die Grenze zur Idiotie fließend ist. Springer spiegelt diese dumpfe Blödheit. "Schalke 05" war ein Ventil und eine Möglichkeit durchzusetzen, dass alles so bleibt wie es ist. Nur nichts neues, nur keine Unsischerheit.

Die Sender haben dem nachgegeben, ein Fehler, der noch heute wirkt.

Gaup Mortensen 08.07.2014 | 13:26

Ich verstehe das nicht ganz. Erst nehmen Sie KMH als schlechtes Beispiel auseinander um hinterher zu behaupten, Frauen könnten das alles sowieso viel besser - denn es geht ja nur um ein paar Trikotnummern und Gesichter. Dann spreche ich mal mit den Worten von Bill Shankly: "Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist." Und genau diesen Punkt werden Sie nie begreifen.

fegalo 08.07.2014 | 18:36

Zu jeder Zeit gibt es richtiges und falsches Sprechen, und gutes und schlechtes. Und zu jeder Zeit ist es angebracht, auf falsche oder schlechte Sprache hinzuweisen. Das hat mit allgemeinen Klagen über Sprachverfall nichts zu tun, sondern ist ganz einfach einem Interesse an der Pflege der eigenen Sprache geschuldet. Von jemandem, der die Sprache als sein professionelles Handwerkszeug benutzt, sollte man erwarten dürfen, dass er sie beherrscht. Was man jedoch von online-Journalisten teilweise so lesen muss, ist grausig. Da sind Schnitzer wie „im März diesen Jahres“ oft noch harmlos.

Gute und richtige Sprache hat darüber hinaus einen ästhetischen Eigenwert.

oranier 08.07.2014 | 20:30

"Er lieh dem Tor nicht mehr sein Ohr" reimt sich zwar, ist aber nicht nur nicht unbedingt, sondern überhaupt nicht richtige Grammatik.

"Der Tor" hat hier wegen seiner andersartigen Herkunft eigentlich nichts zu suchen.

Die stark gebeugten Wörter auf -or sind Entlehnungen oder Abwandlungen aus dem Lateinischen: Autor (urspr. auctor) = der Urheber, Motor (von lat. movere) = der Beweger, Traktor (von lat. trahere = ziehen) = der Zieher usw.. Der Plural des analog gebildeten „Monitor“ lautet korrekt eigentlich „die Monitoren“. Spricht man so im Elektronik-Laden, wird man komisch angesehen oder gar korrigiert. Das DWDS kennt konsequent nur „Monitoren“, im Duden, der seine Stellung als normatives Wörterbuch längst zugunsten des deskriptiven Prinzips aufgegeben hat, heißt es: „auch Monitore“.

Das einsilbige Wort „Tor“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen (tôre, tôr) mit vermutlich althochdeutschen Vorgänger (tôro). Es wird von vornherein korrekt schwach gebeugt: der Tor, des, dem, den Toren.

Das noch ältere, schon aus dem Gotischen stammende Tor (Thor) ist zur Unterscheidung stark gebeugt: das Tor, des Tor(e)s, dem Tor(e), das Tor, Pl. die Tore.

Bin gespannt, wieviele Toren heute Abend wieviele Tore mitbekommen. Ach nein, eigentlich interessiert es mich nicht, bin froh, wenn der Zirkus vorüber ist. Wenn D verliert, hab’ ich wenigstens Ruhe vor einem nächtlichen Hupkonzert.

fegalo 08.07.2014 | 21:29

"Der Tor" hat hier wegen seiner andersartigen Herkunft eigentlich nichts zu suchen.

Eben.

Ich zielte gerade darauf ab, dass manche den „Au-tor“ wie das deutsche „der Tor“ deklinieren, weil sie keine Ahnung von deren verschiedener Etymologie haben. Nämlich als wäre das Au- eine Vorsilbe von Tor. Nur so erklärt sich mir diese eigenartige deklinatorische Anomalie. In anderen Fällen wird das –tor, das die lateinische Endung für das Subjekt des Machens ist, wie im Deutschen das –er (Läuf-er), nicht damit verwechselt.

lebowski 09.07.2014 | 10:59

Schon mal was von Frauenfußball gehört, Frau Wittich? Da sind alle Expertinnen, die Sie beim Männerfußball vermissen und da gehören sie auch hin.

Dass man weibliche Sportjournalistinnen irgendeinen privaten Quark fragt, daran sind sie selber schuld, weil sie über den privaten Quark ja gerne Auskunft geben. Ursula von der Leyen bspw. nimmt auf ihren Auslndsflügen schon mal Vertreter von der Yellow Press mit. Auch Müller-Hohenstein gibt gerne Auskunft, dass sie und ihr Ex-Mann immer noch beste Freunde sind.

Und was den Vorwurf angeht, im Sportjournalismus gäbe es Männerbünde, der wäre genauso dämlich wie der Vorwurf, im Bereich weiblicher Grundschullehrerinnen würde es Frauenbünde geben.

Es wird über Geschlechterdiskriminierung geklagt, dabei geht es eigentlich nur um kommode Plätze an den Futtertrögen der Gesellschaft.

Ich bin aktuell produktionshelfer in einer Firma. Eine echte Männerdomäne und niemals käme eine Frau auf die Idee dort einzudringen. Wieso auch? Ist doch Scheißarbeit.

Richard Zietz 09.07.2014 | 11:19

Die nationalchauvinistische Kriegsberichtserstattung beim öffentlich-rechtlichen Staatspropagandasender anlässlich des 7:1-Siegs gegen Brasilien finde ich persönlich brisanter als eventuell optimierungsfähiges Gender-Sprech sowie Quoten in der Sportberichterstattung. Anders gesagt: Die Schlagzeile »7:1 – Deutschland demütigt Brasilien« und der Textfortsatz »Die deutsche Nationalelf hat Brasilien gedemütigt …« wären um kein Haar weniger schlimm, wenn sie von einer Frau kämen.

Lethe 09.07.2014 | 13:40

Das ist eine sprachphilosophische Grundsatzposition, die so akzeptiert werden kann, ohne dass sich dadurch etwas daran ändert, dass der aktuelle Status einer Sprache über die aktiven Sprachbenutzer definiert wird und nicht über die Philologen, die fast immer nur hinterherhinken. Aber auch der Konflikt zwischen preskriptiver und deskriptiver Auffassung ist nicht neu und wird letztlich anhand der Pragmatik entschieden. Die Entwicklungstendenz macht es sich derzeit zunehmend in Richtung Simplifizierung und Denglisierung gemütlich, und es steht zu befürchten, dass dies noch eine ganze Weile so weitergehen wird.

knattertom 09.07.2014 | 16:51

"Schon mal was von Frauenfußball gehört, Frau Wittich? Da sind alle Expertinnen, die Sie beim Männerfußball vermissen und da gehören sie auch hin."

Spielen Frauen nach anderen Regeln Fussball als Männer?

Es geht im Text doch auch um die Frage, warum keine weiblichen Expertinnen mit zu den Übertragungen eingeladen werden, die gewiss das eine oder andere zur Analyse von Taktik und Spielaufbau beitragen könnten.

knattertom 09.07.2014 | 17:16

"Anders gesagt: Die Schlagzeile»7:1 – Deutschland demütigt Brasilien« und der Textfortsatz »Die deutsche Nationalelf hat Brasilien gedemütigt …« wären um kein Haar weniger schlimm, wenn sie von einer Frau kämen."

Ja, krasse Wortwahl und was für ein Unsinn, als wenn es in Brasilien keine Menschen gäbe, denen Fussball nichts bedeutet. Weiter geht der Artikel übrigens mir:

"Es ist ein Fall für die Geschichtsbücher: Mit 7:1 (5:0) besiegte Deutschland Brasilien in Belo Horizonte."

Geht man davon aus, das der Umfang von Geschichtsbüchern nicht unbegrenzt ist......, welches wirklich geschichtsträchtige Ereignis in der Historie Brasiliens muss denn nun für dieses weichen?

knattertom 09.07.2014 | 17:28

"Was genau meinen Sie damit?

Diese Momente für Männer, dann auch als skurril zu bezeichen fügt sich genauso in festgefahrenen diskriminierende Geschlechterbilder ein."

Das erkläre ich Ihnen gern. "Skurril" dewegen, weil wir hier über Sport schreiben, bei dem körperliche Verletzungen tatsächlich passieren können, zum Teil mit schwerwiegenden Folgen. Mag sich ein gutbezahlter Angestellter oder eine Angestellte in dem einen oder anderen Moment auch (seelisch) verletzt fühlen, geht es, wie bereits oben gesagt, hier nur um Sport. Eine objektive, exzentrische Selbstbetrachtung darf in diesem Zusammenhang einfach nicht ausbleiben, wollte man nicht komplett die Relationen des eigenen Tuns in Bezug auf das restliche Weltgeschehen verlieren. Siehe auch weiter oben der Komment. zu R. Zietz.

Magda 09.07.2014 | 17:31

Die nationalchauvinistische Kriegsberichtserstattung beim öffentlich-rechtlichen Staatspropagandasender anlässlich des 7:1-Siegs gegen Brasilien finde ich persönlich brisanter als eventuell optimierungsfähiges Gender-Sprech sowie Quoten in der Sportberichterstattung.

Ich weiß nicht, was - aus Ihrer Sicht - Gender-Sprech ist. Vielleicht würden Frauen aber andere Worte finden. Weniger chauvinistisch. Wenn sie nicht der männliche Sportchef entsprechend verändert.

Heinz Lambarth 09.07.2014 | 18:14

Sehr geehrter "Ehemaliger Nutzer",

mir ist das SIE lieber - bei Ihrem zweifelhaften niveau!

Mir ist nämlich gar nicht aufgefallen, dass es bei diesem artikel nur um die Männer-Fussball-WM geht. Da habe Sie wohl eine MW-engstelle im kopf! Und natürlich akzeptieren auch fussballspielerinnen schiedsrichterentscheidungen.

Nur eben reporter nicht - das sollen sie von mir aus auch nicht! Aber ein ganzes spiel lang jammern und videobeweise en masse vorzeigen, die nichts an der realität ändern, das zeugt schon von verklemmtheit - finden Sie das nicht auch?

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Ehemaliger Nutzer 09.07.2014 | 21:32

Liebe Magda,

Sie erlauben doch:

"Vielleicht würden Frauen aber andere Worte finden. Weniger chauvinistisch(e). Wenn sie nicht der (eingefügt:) böse männliche Sportchef entsprechend verändert(e)."

Oder ist der bösemännliche Sportchef am Ende ein Pleonasmus? So wie die weibliche Frau oder eben die gute Frau?

(Oder -wir erinnern uns?- der väterliche Stalin.)

Na, dann könnte man böse ja auch wieder wegfallen lassen.

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Ehemaliger Nutzer 10.07.2014 | 17:54

Stalin war zwar sportlich, dafür hat er aber seine Frau verprügelt.

Das ist sehr komisch, wirklich.

(Wenn dem Mann sonst nichts vorzuwerfen wäre, so könnte er sicher bald das Fegefeuer verlassen und die Höhen des Paradieses erklimmen - ich vergaß, das sehen Sie ja sicher anders.)

Aber mal im Ernst, das häufigste Verständnis in den Foren scheint mir mittlerweile das Missverständnis zu sein.

Ich warte noch auf den Moment, wo die Leute auch noch das, was sie selbst posten, nicht mehr recht verstehen - oh, soeben höre ich, dass der bereits eingetreten ist - Falschmeldung, es noch ein bisschen hin - Puh, Glück gehabt.

(Weder "her-" noch "hinleiten", zum Denken "verleiten" - das hatte ich eigentlich vor.)