Ist sie nicht schön?

Menschenhandel in Malaysia und Indonesien Viele Eltern verkaufen ihre Töchter nicht aus Not, sondern um den sozialen Aufstieg zu finanzieren

Der süßliche Rauch von Nelkenzigaretten füllt das schäbige Hinterzimmer eines einstöckigen und heruntergekommenen Hauses, auf dessen weiß getünchten Mauern die Feuchtigkeit große grüne und schwarze Flecken hinterlassen hat. Das Stimmengewirr eines Dutzend junger Männer wird von stampfender Technomusik übertönt. An der Tür stehen kräftige Bodyguards und beobachten eine schlammige Straße an Rande der malaysischen Hafenstadt Tawau. Ein zweiter Ausgang, eine Hintertür, die über einen winzigen verwahrlosten Garten in ein Chaos elender Hütten führt, wird gleichfalls bewacht.

In einer Ecke steht Nurcahya, ein zehn, höchstens elf Jahre altes Mädchen mit langem blauschwarzem Haar, das mit großen, dunklen Augen verschreckt das Geschehen verfolgt. Unter dem dünnen T-Shirt mit dem vom Waschen längst verblassten Aufdruck zweier Dalmatinerbabys zeichnen sich zarte Brüste ab. In den nächsten Minuten wird Nurcahyas Unschuld unter den Hammer kommen.

Auf einem Stuhl stehend übertönt ein Auktionator namens Hazim den Lärm: "1.000, 1.000 zum Ersten..." Dann sieht er ein Handzeichen, eine Kopfbewegung und fährt fort. "1.500, 1.500" - nach einer kurzen Pause - "2.000, 2.500, 3.000, 3.000 zum Ersten, zum Zweiten, 3.500, 3.500..." Für 4.000 Ringgit, etwa 850 Euro, ersteigert ein Unbekannter schließlich das Recht, Nurcahya zu deflorieren. Denn die jungen Malaysier, die hier bieten, sind nicht die tatsächlichen Käufer, sie vertreten wohlhabende, zumeist indonesische Geschäftsleute, die unerkannt bleiben wollen.

Hazim nimmt das Mädchen und übergibt es dem Käufer. Nurcahya hat ihm einen guten Profit gebracht. Für 600.000 Rupiah (etwa 65 Euro) hatte er sie eine Woche zuvor einem Agenten in der indonesischen Stadt Surabaya abgekauft und zusammen mit drei weiteren jungen Frauen per Schiff zunächst nach Sulawesi (wo er gefälschte Pässe besorgte) und von dort nach Tawau gebracht, der Hafenstadt in Malaysias Borneo-Provinz Sabah, die vorwiegend von Frauenhandel und Schmuggel lebt. Die anderen Frauen, seien schon etwas älter gewesen, 16, 17, 18 Jahre alt. "Da verdient man weniger", meint Hazim geschäftsmäßig, "aber die kosten auch nicht so viel." Manchmal heirate er eines seiner Mädchen sogar. "Du ahnst nicht, wie gutgläubig die sind." Die Heiratsurkunde sei natürlich gefälscht.

Nach einer Auktion wie der beschriebenen gerät die "Ware Frau" in eines der zahlreichen schäbigen Bordelle, die Tawaus Straßen säumen. Viele werden dort früher oder später von chinesischen Triaden erworben, um in deren weltweites Vertriebsnetz aufgenommen und nach Hongkong, Taiwan, Australien, Kanada oder Europa verkauft zu werden. 5.000 indonesische Frauen säßen in Tawau "in der Falle" und würden von einem kriminellen Syndikat zur Prostitution gezwungen, erklärte der indonesische Generalkonsul erst kürzlich in einem dramatischen Appell: "Sie brauchen sofort Hilfe."

Aber Arbeitslosigkeit, Armut und nicht zuletzt grenzenlose Gier veranlassen Eltern immer häufiger, ihre Töchter zu verkaufen. Nicht nur in den entlegenen Regionen des indonesischen Archipels, auch in Jakarta.

Hochzeitsgeschenk für Siti

Über Pfade, die an der Peripherie der indonesischen Hauptstadt nur die Anwohner kennen, gelangt man durch stinkendes, von Öllachen blau schimmerndes Wasser, in dem vom letzten Unwetter gebrochenes Gestrüpp, Plastikflaschen, aufgeweichte Essenreste und Fäkalien treiben, zu Siti, ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester. Das ganze Quartier - es lässt sich auf keiner Stadtkarte finden - steht mehr oder weniger unter Wasser. Eine Siedlung illegaler Zuwanderer ohne Papiere, die in der trügerischen Hoffnung auf Arbeit aus den Provinzen zugereist sind. In diesen Vororten wird mit allem gehandelt, mit Müll, verdünntem Benzin und Schmuggelware, mit Drogen und Menschen.

Den drei mal drei Meter kleinen Raum aus Plastikplanen, Sperrholz und Karton, der Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche in einem ist, teilt sich Siti mit Mutter und Schwester. Die einzige Matratze ist am Kopfende des Bettes aufgerollt, das gleichzeitig als Schlafstätte, Sitzgelegenheit und Tisch dient. Ein schief an die Wand genageltes Brett, ein Kochtopf, ein Feldkocher sowie ein paar Plastikteller ergänzen die Einrichtung.

Zwar behauptet Siti, 19 Jahre alt zu sein, doch wahrscheinlicher sind 16 oder 17. Als sie zwölf war, wurde sie von ihrer Mutter an einen 40jährigen Mann verkauft. "Er hielt sehr höflich um ihre Hand an, und weil er so nett fragte, willigte ich ein und gab ihm Siti ...". Eines von sieben Kindern, die sie bisher in ihren 33 Lebensjahren zur Welt gebracht hat.

Quasi als Hochzeitsgeschenk erhielt Siti einen Ring, der "zwei Gramm Gold enthielt", wie sie betont, und ein dünnes Halskettchen, während die Mutter mit 200.000 Rupiah, damals etwa 80 Dollar, abgefunden wurde. Verblüffend viel in einer Umgebung, in der für eine Nacht mit einem Mädchen heute kaum mehr als 50. 000 Rupiah (fünf Euro) bezahlt werden.

"Ein Judaslohn - die Mutter verriet ihre Tochter für diesen lumpigen Betrag", klagt Pater Agus, der mit der Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen Slumkinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren sucht. Sitis erster Mann blieb nicht lange, mit 14 lebte sie schließlich mit einem anderen zusammen, der sie nach 18 Monaten auch verließ. Andere Männer folgten. Und sie zahlten alle, 35.000 oder 40.000 Rupiah für eine Nacht. Inzwischen ist Siti zum zweiten Mal schwanger.

"Dieses Baby", streichelt Pater Agus sanft über ihren Bauch, "verkaufst du aber nicht. Das kommt zu mir." Gemeint sind die Heime der Kirche, in denen Neugeborene aufgenommen und betreut werden können. "Für ein Baby bekommen Sie bis zu drei Millionen Rupiah", spielt Pater Agus auf die Gewohnheit an, Säuglinge einfach zu verkaufen. "Und es gibt immer genug Leute, die darauf warten."

Nicht einmal Gott

"Für eine Familie stellt eine Tochter heute vielfach einen Vermögenswert dar", sagt Rinno Sutrano von der Frauenvereinigung Koalisi Perempuan Indonesia. "Früher waren das die Söhne, die zur Arbeit auf die Plantagen verkauft wurden. Seit es dort keine Arbeit mehr gibt, weil alles technisiert ist, kommen die Töchter in Betracht." Besonders seit der Wirtschaftskrise von 1998 habe der Frauenhandel einen immensen Aufschwung genommen. "Die Gesellschaft lastet die Bürde, den Unterhalt einer Familie zu bestreiten, den Frauen auf, vor allem den jungen. Ein Vater kann bis zu einer Million Rupiah (100 Euro, die Red.) für eine Tochter bekommen. Die wird damit zur Sklavin und kann sich nur befreien, wenn sie den Kaufpreis an den Agenten zurückzahlt."

"Wir haben eine hedonistische Kultur, in der Frauen als Vermögen gesehen werden", stimmt Pandji Putranto von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu, "eine Tochter gilt als Investition in die Zukunft." Die Folgen sind überall zu beobachten. Wonogiri, Grobogan, Blitar, Banyuwanggi, Lampung oder Indramayu sind im ganzen Land berühmt für ihre Töchter, die zum Verkauf stehen. Sie werden in die Bars, Massagesalons, Diskotheken und Bordelle von Jakarta, Bandung, Surabaya, Medan - nach Singapur, Taiwan, Tokio, aber auch nach Australien, die Niederlande und Deutschland verschickt.

Indramayu ist ein schöner, verglichen mit anderen indonesischen Städten auffallend sauberer Ort mit vielen Einfamilienhäusern, verziert mit bunten Lichterketten, die nach Einbruch der Dunkelheit eine getragen festliche Stimmung verbreiten. Doch weder die Salzgewinnung am Meer, noch die Fischerei oder die Heimindustrie, die Krabben- und Fischcracker produziert, können für solchen Wohlstand sorgen: Es sind Indramayus Töchter, die ihren Eltern den Umzug aus der Bambushütte ins Backsteinhaus ermöglichen.

Nein, Epi, ihre 14ährige Tochter, sei nicht hier, sagt Frau Charmi, die nie zur Schule ging und ihr Alter auf 40 schätzt: "Sie ist schon zur Arbeit in der Flamboyan-Diskothek." Dann eilt sie nach drinnen, um ein gerahmtes Foto ihrer Tochter zu holen. "Ist sie nicht schön?"

In Indramayu ist es nicht das Elend, das die Mädchen in die Prostitution treibt, sondern das Bedürfnis der Eltern nach sozialem Aufstieg. Natürlich sei sie glücklich, strahlt Frau Charmi über das ganze Gesicht. Früher hätten sie in einer "Hütte am Fluss" gelebt. Aber dann habe Epi das Grundstück gekauft, das Haus gebaut und ihrem Vater, der bis dato als Landarbeiter zweimal im Jahr für die Wochen der Erntezeiten 10.000 Rupiah am Tag verdient hatte, "eine Goldgrube gekauft" - ein eigenes Reisfeld. Sie wolle das Haus gern vergrößern, "aber das hängt von Epi ab - davon, wie viel sie verdient." Es reichte bisher immerhin auch zu einem Fernsehgerät und einer goldene Armbanduhr am Handgelenk des arbeitslosen Bruders. Im Schrank steht selbstverständlich der Koran.

Natürlich bete sie fünfmal am Tag, wie es ihre Religion vorschreibe, beteuert Frau Charmi. Sie gehe auch regelmäßig in die Moschee. Aber die Arbeit ihrer Tochter? "Das ist allein Epis Angelegenheit", bringt sie Islam und Prostitution in Einklang. "Das geht niemanden etwas an, nicht einmal Gott."

In Indramayu scheint es nur Zuhälter, Huren und Freier zu geben. Abends parken Schlangen von Becaks vor der Hotelterrasse, wo Dutzende von Mädchen den Fahrradrikschas entsteigen und wie auf einem Laufsteg vor den Gästen auf und ab flanieren. "Das begann schon 1947/48", erzählt ein Portier, "als viele Soldaten um die Unabhängigkeit gegen die Holländer kämpften. Damals wurde die Region bekannt, weil hier viele Frauen in den Bordellen für die Holländer arbeiteten." Tatsächlich führen die Ursprünge der Prostitution in Indramayu in die Kolonialzeit zurück, als es in diesem Gebiet weitläufige Tee- und Tabakplantagen gab. Die Taoke - wie die Latifundisten und Aufseher genannt wurden - rekrutierten oft Mädchen aus Indramayu für die Feste am Abend.

Klebereis nach Mitternacht

"Heute kommen die Vermittler nach Indramayu und bieten dem Vater 500.000 Rupiah für seine Tochter", erzählt Rinno von der Frauenkoalition. "Und die Eltern sind einverstanden, sie bereiten ihre Töchter sogar auf ihre künftige Tätigkeit vor."

Weil viele Zuhälter keine unerfahrenen Mädchen wollen, verheiraten die Eltern die Tochter gewöhnlich, sobald sie die Grundschule abgeschlossen und die erste Monatsblutung gehabt haben. Danach wird die Ehe schnell wieder geschieden, um die junge Frau in den ihr zugedachten Beruf zu schicken. Oder man entscheidet sich, die Tochter als Jungfrau zu verkaufen.

Ehe ein Kind das Haus verlässt, wird es spirituell vorbereitet. Die Eltern gehen zu einem "weisen Mann" und bitten um Rat. Gewöhnlich schickt der die angehende Prostituierte an einen geweihten Ort, ein Grab, eine Höhle. Dort muss das Mädchen so lange wie möglich fasten und meditieren. Danach gibt ihm der "weise Mann" heiliges Wasser zu trinken, bevor es nach Hause zurückkehren darf, um in Blumenwasser zu baden. In den folgenden sieben Tagen muss stets nach Mitternacht ketan - trockener Klebereis - gegessen und vor der Haustüre übernachtet werden. Sobald dann das Mädchen in seinen Träumen "eine Vision" empfängt, ist es "bereit", ins Bordell zu gehen.


00:00 04.06.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare