Istanbul mit geschlossenen Augen

Sound Neue Hörbücher vertonen Geschichten aus der Türkei und experimentieren mit Stadtgeräuschen

Langsam kehrt Normalität ein, "mittlerweile hat sich der Markt konsolidiert: 2007 flachte die Wachstumskurve erstmals ab", erklärt der Buchbranchenverband Börsenverein. Das Hörbuch, das im vergangenen Jahrzehnt eine außergewöhnliche Renaissance erlebte, scheint mit knappen fünf Prozent seinen Anteil am Buchmarkt vorläufig gefunden haben. Ein verständlicher Erfolg: Kopfhörer befördern eine Konzentration, die manch einer beim Blick ins Buch - ob der diversen Aufmerksamkeitsstörer des Alltags - nicht mehr findet. Die Augen kann man schließen, die Ohren nicht: Die ständige Bereitschaft und Offenheit, die man dem Hörsinn beinahe vorwurfsvoll als dessen Not nachsagt, wird im Hörbuch zur Tugend. Knopf ins Ohr, Augen zu - und weg und ausgesperrt ist der Rest der Welt. Während über das Trommelfell eine andere, zumindest für den Moment sehr ausschließliche den Kopf belebt.

Umso seltsamer mutet es an, dass gerade das Sprachliche von vielen Veröffentlichungen, die passend zur Buchmesse die Türkei oder die türkische Literatur den deutschen Hörern näher bringen wollen, eklatant vernachlässigt wird. Freilich liest der Schauspieler Ulrich Noethen sowohl Orhan Pamuks Istanbul als auch dessen jüngsten Roman Das Museum der Unschuld in angenehm nüchterner und dennoch intimer Manier. Warum allerdings nicht wenigstens eine Minute der 722 beziehungsweise 1260 Minuten darauf verwendet wurde, Pamuks Worte in derjenigen Sprache erklingen zu lassen, in der sie niedergeschrieben wurden, bleibt unverständlich. Wo doch die gesprochene Sprache - im Gegensatz zum Schriftlichen - bestens dazu geeignet wäre, den Klang und die Melodie einer Literatur zu vermitteln; auch und gerade wenn man nicht unbedingt versteht, wovon sie spricht.

Anderen Publikationen kann man dieses Manko gut und gern verzeihen. Denn sie haben anderes im Sinn: Mit seiner (gekürzten) Lesung des Romans Das Uhrenstellinstitut von Ahmet Hamdi Tanpinar holt Dietmar Mues einen Autor nach Deutschland, von dem man hierzulande bislang tatsächlich viel zu wenig gehört hat. Die grandios verrückte Geschichte des Ich-Erzählers Hayri Irdal über die Gründung und das Zugrundegehen des Instituts, das sich selbst zum Wächter der korrekten Zeit ernannt hat - "Wir verlieren durch falsch gestellte Uhren die Hälfte unserer Zeit!" entrüstet sich Hayri -, erzählt Mues nicht minder eigenwillig. Wo man als Leser eine Steigerung oder allein das Redundante läse, stockt der Sprecher oder setzt gar ein unüberhörbares Fragezeichen. So wird selbst ein unverdächtiges "sagte er" zum ironischen Kommentar.

Ebenfalls als Vehikel des Kulturtransports ist das Hörbuch Von Istanbul nach Hakkari - Eine Rundreise in Geschichten zu verstehen. Auf drei CDs finden sich acht Geschichten aus dem gleichnamigen Buch des Unionsverlags, je gelesen von einem anderen Sprecher (auch Dietmar Mues findet man hier glücklich wieder). Es geht zuallererst darum, die türkische Literatur des 20. Jahrhunderts in lokalen Schlaglichtern vorzustellen - und das gelingt dieser Hör-Anthologie, die zudem ein paar Stücke des Musikers Fuat Saka versammelt, im Großen und Ganzen sehr redlich.

Grenzen und Differenzen unkenntlich zu machen, ist dem Hörbuch Die vierzig Tage des Musa Dagh unmöglich, denn der zugehörige Roman stammt von dem österreichischen Schriftsteller Franz Werfel, der darin - nach einem authentischen Fall - den erbitterten Widerstand von sieben armenischen Dörfern gegen die Deportationsvorhaben der türkischen Machthaber im Jahr 1915 darstellt. Auf zwei MP3s, mit einem Faltblatt, das die wichtigsten historischen Daten nennt, und einem kurzen Stichwort-Glossar präsentiert sich die (gekürzte) Lesung des 1.000-Seiten-Werks durch den Hörbuch-Karajan Christian Brückner als schlichte, aber ebenso schöne Umsetzung des 1933 verfassten Epos über Volk, Staat und Religion im Ausnahmezustand.

Eine erklärte Außenperspektive nimmt auch Türkei hören aus der Länderreihe des Silberfuchs-Verlages ein. Der Schauspieler Ercan Durmaz stellt die Kulturgeschichte dieses Landes vor, von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, von den Nomaden und Schamanen bis zu Orhan Pamuk. Von Yunus Emre, dem ersten türkischen Dichter, ist die Rede, von Kalligrafie und Buchdruck, von Nazim Hikmet, den Derwischen und den Aleviten. Dass auf die Musik ein Hauptakzent gesetzt wurde, mag an dem Autor dieses Hörbuchs, dem Musikwissenschaftler Martin Greve, liegen, und kommt der Produktion selbstredend nur zugute. Doch nicht nur von alten und neuen Melodien werden Durmaz´ fast familiär unprätentiöse Ausführungen unterbrochen oder untermalt, sondern auch von Aufnahmen etwa aus einer Aleviten-Versammlung. Türkei hören ist eine so umsichtige wie kurzweilige Einführung ins Thema - nicht mehr und vor allem nicht weniger.

In dieser bisherigen Reihe ist Sehe dich Istanbul, meine Augen geschlossen von Andreas Ammer und Saam Schlamminger die einzige Produktion, die als echtes Hörstück zu begreifen ist: Hier wird der Klang einer Stadt vorgestellt, ein ununterbrochener, aber durchaus wechselhafter Sound, der die Unterscheidung zwischen natürlichen und elektronisch bearbeiteten Tönen oft genug unmöglich macht. Er liegt unter den darin eingefügten Bruchstücken individueller Geschichten, die verschiedene Bewohner Istanbuls erzählen. Hindurch webt sich Feridun Zaimoglus Stimme, der im Duktus eines Simultanübersetzers - mal zögerlich, mal nachsetzend - eine lang vergangene Liebe erinnert. Grenzen und Differenzen werden in "Sehe dich Istanbul, meine Augen geschlossen" mithin mehrfach reflektiert, der Titel erfüllt sich demnach durchweg buchstäblich: Lustvoller und intelligenter kann eine andere Welt kaum den Kopf beleben, um dort die eigenen Bilder zu entwerfen.

Orhan Pamuk Istanbul. Gelesen von Ulrich Noethen. Der Hörverlag, 11 CDs, circa 722 Min., 19,99 EUR

Orhan Pamuk Das Museum der Unschuld. Gelesen von Ulrich Noethen. Der Hörverlag, 18 CDs, circa 1260 Min., 49,95 EUR

Ahmet Hamdi Tanpinar Das Uhrenstellinstitut. Gelesen von Dietmar Mues. Hörbuch Hamburg, 6 CDs, circa 443 Min., 24,95 EUR

Von Istanbul nach Hakkari - Eine Rundreise in Geschichten. Div. Sprecher, GoyaLit, 3 CDs, circa 235 Min., 18,95 EUR

Franz Werfel Die vierzig Tage des Musa Dagh. Gelesen von Christian Brückner, Audiobuch, 2 MP3s, circa 782 Min., 19,99 EUR

Türkei hören. Von Martin Greve, Sprecher: Ercan Durmaz. Silberfuchs Verlag, 1 CD, circa 79 Min., 24 EUR

Sehe dich Istanbul, meine Augen geschlossen. Von Andreas Ammer und Saam Schlamminger. Mit Feridun Zaimoglu u.a., Electric Field Recordings, 1 CD, circa 50 Min., 17,90 EUR

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00:00 13.11.2008

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