Nationaler Phantomschmerz: Italiens spezieller Umgang mit dem Ukrainekrieg

Risse in der Gesellschaft Außenminister Luigi di Maio tritt aus der Fünf-Sterne-Bewegung aus. Der Papst ruft zum Frieden auf und nennt monatelang den Aggressor nicht beim Namen. In Italien sind die Fronten verhärtet, wenn es um Putin geht

In Italien heißt es oft, man sei außergewöhnlich – im Guten wie im Schlechten, sogar in der Mittelmäßigkeit. Außergewöhnlich, zumindest für westliche Verhältnisse, ist die Situation in Italien auch, was den öffentlichen Umgang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine angeht. Der Papst rief zum Frieden auf und nannte monatelang den Aggressor nicht beim Namen. Zur Karfreitagsprozession ließ er das Kreuz eine Ukrainerin und eine Russin tragen. Die Überhöhung ins Menschliche, Allzumenschliche mochte für ein Religionsoberhaupt universalen Anspruchs angehen, für die Niederungen von Facebook-Gesinnungsethik reichte sie nicht. „Italien raus aus der Nato“, „Keine Waffen für Biden“, ununterbrochener Whataboutism flutete Meinungsbeiträge sowie die zahlreichen kleinen Gazetten im Netz, die in Italien täglich mehr werden.

In mancher Hinsicht scheint die Situation im Frühsommer in Italien umgekehrt zur deutschen. Nördlich der Alpen trieben eine durchaus leidenswillige Bevölkerung und eine unverzagte Presse, die sich den Schlaf der Merkeljahre aus den Augen rieb, die Regierung mit der Forderung nach Sanktionen und Waffenlieferung vor sich her. In Italien hingegen trug Draghis Regierung jedes Maßnahmenpaket mit und geizte auch nicht mit harschen Worten Richtung Putin. Außenminister Luigi di Maio erklärte, Europa werde am Donbas verteidigt, sah sich aber nicht zuletzt deshalb einem Ausschlussverfahren seiner eigenen Partei gegenüber. Er verließ die Fünf Sterne und nahm einige Getreue mit.

Matteo Salvini hingegen, der als Innenminister der Lega einst die Seerettung von Flüchtlingen im Mittelmeer unter Strafe gestellt hatte, versuchte, mithilfe der russischen Botschaft eine Reise zum Kreml zu buchen, und wiederholt seither, Waffen würden kein Problem lösen. Wer keine Regierungsverantwortung in Rom trägt, versucht also, so weit wie möglich auf Abstand zur Politik des Westens zu gehen – zumindest so weit, wie es das Wort des weisen Alten im Vatikan zulässt, wonach die „Einteilung der Welt in Gut und Schlecht“ nicht so einfach sei und die Nato durchaus vernehmbar vor dem russischen Vorhang „gebellt“ habe.

Kremlfreund und Partisanen

Tatsächlich erinnert die Spannbreite der Diskussion beim wechselweisen Aufrufen der immer gleichen Argumente an die Hochzeiten der Pandemie. Auch damals gab es rund um die Uhr Fernsehsendungen zum Thema, bei denen noch die absurdeste virologische These ventiliert wurde.

Analog sollte bis vor wenigen Wochen Alessandro Orsini, telegener Professor einer Privatuniversität, dessen Ausführungen zur Existenz und Nichtexistenz der Ukraine hohe Einschaltquoten verzeichneten, eine eigene Sendung im öffentlichen Rundfunk bekommen. Als Kremlfreund von einem Zuträger des italienischen Geheimdienstes diskreditiert, doziert er mittlerweile landesweit von Theaterbühnen sowie auf dem eigenen Youtube-Kanal. Aus der politischen Auseinandersetzung ist mittlerweile vor allem eine Auseinandersetzung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien geworden. Einschließlich einer Debatte um eine vorgebliche „Lügenpresse“: La Stampa, eine den Industriellenbünden nahestehende Tageszeitung, druckte im März unter der Überschrift „Putins Massaker“ statt eines Bildes vom angegriffenen Kiew ein Foto der – vermutlich von ukrainischer Seite beschossenen – Stadt Donezk.

Der Ukrainekrieg wurde angesichts von Jahrestagen ins kollektive Bewusstsein einmassiert: Als am 25. April die Befreiung Italiens von Faschismus und Nazi-Besatzung gefeiert wurde, gab es einen Skandal um die ANPI (eine Vereinigung, die das Andenken der Partisanen wachhält, der aber vor allem Prominente beitreten). Als die Frage aufkam, ob auch die bewaffneten Frauen und Männer der Ukraine die Ehrenbezeichnung des Widerstands („Resistenza“) bekommen sollten, reagierte man ablehnend. Marionetten der Amerikaner seien sie, ereiferten sich manche, andere verwiesen auf mutmaßlich neonazistische Freischärler wie das Asow-Bataillon. Dabei, das darf man nicht unterschlagen, wehen überall in Italien blau-gelbe Fahnen und ist die Spendenbereitschaft der Italiener groß. Nur soll es um „humanitäre“ Zwecke gehen, nicht um militärische.

Es hat jedenfalls den Anschein, als spiegele der Umgang mit der Ukraine die Unschärfe des eigenen Status als prä- beziehungsweise postnationales Gebilde. Tatsächlich stellt sich nationales Bewusstsein in Italien erst ein bei entweder harschen Beleidigungen von außen oder dem Erreichen eines Fußball-Viertelfinales. Weitaus stärker ist die regionale oder lokale Identifikation, die häufig historische Tiefenschichten einschließt und nicht selten die Weltgeschichte berührt (die Magna Graecia für Süditaliener, die spanische Herrschaft für Sizilianer). Der Umweg über die Nation scheint gerade für die kulturelle Verortung eher nachrangig. Durchsetzungen des Nationalen scheiterten entsprechend am elendigsten, wenn die Nation als Imperium eingerichtet werden sollte wie unter Mussolini. Aber auch, als in Italien die nach dem Zweiten Weltkrieg errungene Souveränität sofort einkassiert wurde. Nicht zuletzt aus Angst vor der mitgliederstarken kommunistischen Partei wurde die Halbinsel im Kalten Krieg ein von NATO-Basen durchzogener Frontstaat. Davon fühlten sich linke wie rechte Anhänger der Nation beleidigt.

Der Psychoanalytiker Massimo Recalcati, der seit Jahren das „Bel Paese“ auf seiner Couch Platz nehmen lässt, konstatierte deshalb angesichts der linken Vorbehalte in der auflagenstärksten Tageszeitung Repubblica eine mentale Blockierung. Ein großer Teil der Linken sei im Kalten Krieg geblieben, mit seinem Antiamerikanismus und seiner gewohnheitsmäßigen Abwertung westlicher, also auch: demokratischer Verfahren. Ungesagt blieb, dass diese aus Partito-Comunista-Italiano-Nostalgikern und aus militanten Antikapitalisten bestehende „autoritäre“ Linke – in Italien umgangssprachlich als „rosso-bruni“, als Rotbraune, bezeichnet – sich mit der Rechten das Beleidigtsein über die unvollendete Souveränität und damit über die mangelhafte staatliche Durchdringung teilt.

Italiens Phantomschmerz

Autoritäre Linke und Rechte erheischen im Staat nicht zuletzt eine emanzipatorische Macht, die den Menschen unabhängig von ihrer familiären Herkunft und ihren Netzwerken Aufstiegsmöglichkeiten gewährt. Artikuliert sich in der Option für Putin, also für den Feind meines Feindes, der mein Freund sein soll, nicht zumindest teilweise auch die Enttäuschung über die soziale Immobilität im Land?

Der ukrainische Literaturwissenschaftler Petro Rychlo hat in der FAS das deutsche Verständnis für Putin einmal als einen imperialen Phantomschmerz charakterisiert. Wenn das stimmt, ist Italien noch schlimmer dran: nicht nur der imperiale, sondern der nationale Phantomschmerz werden hier ausagiert. Dieser These würde auch entsprechen, dass die Nachfolgeparteien des Kompromisses und der klientelären Ordnung, die großteils aus gemäßigten Sozialisten und Christdemokraten hervorgegangene „Partito Democratico“ und die rechtsbürgerliche „Forza Italia“, Draghis Vorgehen stützen. Dieser staatstragende Gestus ist nach innen allerdings wenig glaubwürdig, denn vor allen Dingen sind sie die Vertreter der italienischen Nachkriegsordnung. Und deshalb bröckelt die Unterstützung für die Ukraine. Besser gesagt, sie zerstiebt zu jenem Sand am Strand, an dem die Träume nach Freiheit baden gehen. In Italien beginnt gerade die Urlaubssaison.

Man könnte allerdings für die Misere auch die Bewirtschaftung des Meinungsmarkts selbst anführen. Italien verfügt über die enorme Zahl von 100.000 registrierten Journalisten, ein Artikel bringt häufig nicht mehr als zehn Euro. Das Überangebot selbst hat den Markt fast ausgehöhlt, Recherche wird kaum bezahlt, Analysen, die sich im historischen Ressentiment wälzen, sind dagegen gratis zu haben. Der Krieg gegen die Ukraine wird zunehmend auf innenpolitische Vorbehalte und Skandale abgeklopft, aus der Welt „da draußen“ verschwindet er. Oder er wird ästhetisch verhandelt, anhand seiner nach Trigger-Momenten gefilterten Bilder: Hier die Asow-Brigaden samt Totenkopf-Tätowierungen, dort Selenskyjs Inszenierung im Bunker. Das Statement eines Brigadisten, im Stahlwerk von Mariupol lese man gemeinsam Kant, wurde von Teilen der Presse und sozialen Netzwerke als alberner Versuch abgetan, die ukrainische Resistenza zu legitimieren. Auch auf diese Weise kann man desertieren – und einen ebenso wohlfeilen wie zynischen Pazifismus verfechten. Kant hingegen meinte in seiner Altersschrift vom Ewigen Frieden (1795), der Naturzustand sei der einer ewigen Bedrohung, Friede müsse erst gestiftet werden.

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