Ja. Nech.

Alltag Vom Eis als Projektionsfläche für die Mythen karger norddeutscher Helden

Seit Jahren suche ich im Sommer das Glück und im Herbst eine Arbeit; ich finde sie meist gegen Winter. Den verbringe ich dann unter der Fuchtel strenger Chefs, die lange arbeiten lassen. Aber die Tage sind ohnehin kurz, nasskalt und düster, was hätte man also von ihnen. Viele versprechen sich von dieser dunklen Zeit Gemütlichkeit, Besinnlichkeit und solchen Kitsch. Andere finden sie so schrecklich, dass sie die halbe Welt umfliegen, um für ein paar Tage das glatte Gegenteil zu erleben. Beides halte ich für übertrieben. Mir reicht es, den Winter zu überwintern.

Nur wenige Wintertage gibt es, da wäre ich gern frei und draußen. Zorn überkommt mich, und ich frage mich, welche grausame Macht mich zwingt in einer Halle zu schuften oder in einem Büro zu vergammeln, statt mein kurzes Leben zu genießen, wie das geschehen konnte und wo das alles noch hinführen soll.

Es sind die klirrend kalten Tage mit dem blassblauen Himmel und der trockenen, windstillen Luft, die mich so leiden machen. Wäre ich ein Süddeutscher, fielen mir an diesen Tagen wohl die Berge ein, auf deren weiß bepuderten Hängen man skiläuft oder snowboardet und was es da an witzigen Sportarten gibt. Ich stamme aber nicht aus Süddeutschland, sondern aus Lübeck, also träume ich an blassblauen Wintertagen von norddeutschen Seen, und zwar, selbstverständlich, schneefrei. Mit Schnee ist so ein Wintersee eine belanglose wattige Fläche, bevölkert von Familien mit Kindern auf Schlitten und von Halbwüchsigen, die auf mühsam freigeschaufelten Spielfeldern Eishockey spielen. Die Tatsache, dass das weiße Zeug herumliegt, gibt dieser unbekümmerten, lärmenden Meute ein Gefühl von Sicherheit, das Eis erscheint ihnen winterlicher, gefrorener, stabiler als sonst. Das ist natürlich Unsinn, denn Schnee wiegt so einiges und senkt die Tragfähigkeit der Eisdecke, auch isoliert er und hemmt das nächtliche Durchkühlen, so dass das Eis am nächsten Morgen manchmal dünner ist als vorher. Obendrein beeinträchtigt der Schnee die Eisqualität: Fällt er beim Zufrieren, graumeliert und verpickelt er das Eis; die Fußstapfen vieler Menschen verdichten ihn zu stumpfen Bröseln, das Wasser, das manchmal durch die Spannungsrisse tritt, lässt ihn verschorfen, bei Tauwetter weicht er auf, und wenn der nasse, griesige Brei dann wieder friert, ist es ganz aus mit dem Eisgenuss.

Das ideale Eis ist tiefschwarz, spiegelglatt und absolut homogen. Nur die elegante Marmorierung der Spannungsrisse strukturiert sein geheimnisvolles Inneres, die einzige Verletzung seiner Oberfläche sind die weiten weißen Bögen, die ich mit den Kufen meiner Schlittschuhe hineinschneide, während ich, ich ganz allein, in meinen Träumen über den See rase. Zu hören ist nichts, nur der eigene rasche Atem, das Singen der Kufen und gelegentlich das Wummern und Jaulen der Spannungsrisse.

Von Neulingen wird dieses Wummern oft missverstanden. Sie denken, gleich bricht das Eis, bleiben stehen und reißen panisch die Augen auf, was dem Kenner Gelegenheit gibt, überlegene Ruhe zu demonstrieren. Denn diese Risse sind ungefährlich, sie entstehen, wenn gegen Abend die Temperatur sinkt und das Eis sich ausdehnt. Wenn es dünn und gefährlich wird, klingt das ganz anders, und nicht stehenbleiben, sondern abdrehen ist das Gebot der Stunde, wobei man möglichst beschleunigen sollte. Die Kufen klingen heller, das Eis knistert trocken, knackt kurz und kracht, durch, und nur wer schnell ist, ist dann schon einen Meter weiter. Zugegeben: Ich kenne nur einen, der in dieser Situation wirklich die Nerven hatte durchzustarten; das ist mein ältester Bruder.

In meiner Familie war die Qualität des Eises, die Lage der dünnen Stellen und die Strategien, ein Einbrechen zu vermeiden oder zu überleben, ein beliebtes Geprächsthema. Unterbrochen von mal besorgten, mal spöttischen Zwischenrufen der Mutter diskutierte man abends, wie weit man sich morgen auf den See wagen könnte, und erzählte sich die Heldentaten vergangener Winter. Denn es war uns eine Ehrensache, auf dem Eis die Wagemutigsten zu sein, und wie eine Mondlandung feierten wir den Moment, wenn wir das unzerkratzte, noch nie betretene Eis entjungferten. Die Tradition wollte es, dass zunächst mein Vater mit der Axt die Dicke prüfte; dann wurden die Söhne aufs Eis gelassen, schwärmten aus, umrundeten eine Gestrüppinsel, näherten sich, vorsichtig in Schlangenlinien fahrend, der ersten Stelle, die von altersher als gefährlich gilt. Am nächsten Tag kam schon einer mit der Neuigkeit nach Hause, auf dem Eis zur Schule gefahren zu sein, ein anderer hatte die große Insel oder den rostigen Kahn am Schifffahrtsamt erreicht. Der Vater warnte, die Mutter schimpfte, beide verbargen ihren Stolz nur schlecht.

Weder das Warnen noch das Schimpfen, noch das Prahlen mit Heldentaten darf man sich übrigens als lautes, auftrumpfendes Tohuwabohu vorstellen. Es verbirgt sich in ruhigen und sachlichen Feststellungen, die, wie in Lübeck üblich, mit einem lakonischen "nech" beendet wurden statt mit dem rüden "wa" der Berliner oder gar einem schnippischen "gell". "Bei Müggenbusch war es noch ganz schön dünn, nech", wäre so eine Feststellung, oder knapper: "Knackte komisch, nech."

Es ist Zeit für ein Eingeständnis. Der See, von dem bisher die Rede war, ist nicht eigentlich ein See, sondern eher eine Seenkette, oder vielmehr ein flacher und mooriger, sehr breiter, träger Fluss. Er entwässert den Ratzeburger See und hat somit keine Quelle, die Mündung ist ein Rohr, das sein trübes Wasser in den Elbe-Lübeck-Kanal leitet. Ein lapidarer, unprätentiöser Fluss ist das, bedächtig, ja behäbig, eigentlich langweilig, mit einem Wort: lübsch. Nicht einmal die Tatsache, dass hier die Grenze zur DDR verlief, brachte ihn aus der Ruhe. Ein paar Warnschilder ragten aus dem Wasser, die eigentlichen Grenzanlagen waren jedoch nicht zu sehen, noch ertranken hier je Republikflüchtlinge. Allenfalls besoffene Angler fielen diesem braven Fluss zum Opfer, sowie jeden Winter ein paar "Leichtsinnige" (wie meine Mutter sie nannte) oder "Dösbattel" (als die mein Vater sie erkannte), die an offenkundig ungeeigneten Stellen das Eis betreten hatten. Immerhin gibt sich der Fluss am Oberlauf, der die Grenze bildete, eher als solcher zu erkennen als im unteren Abschnitt in der Nähe der Stadt. Er ist schmaler, hat etwas Strömung und weist sogar, fast am Ratzeburger See, einige Mäander auf. Hier wird es so richtig spannend mit dem Eis, und wer sich, wie anno 1977 mein Bruder, so weit nach oben traut, dem ist ewiger Ruhm gewiss. Aber die Winter sind ja nicht mehr, was sie mal waren. Höchstens auf zwei, drei knackige Frostnächte am Stück bringen sie es, macht sechs, sieben Zentimeter Eisdicke am Unterlauf und weiter oben bestenfalls vier. So schafft man es gerade mal bis zu den Ausflugslokalen irgendwo auf halbem Weg, wo berüschte Kellnerinnen Kaffee in Kännchen servieren und man sich etwas aufwärmen kann. Dann muss man zurück.

An einem dieser kalten blassblauen Wintertage, die mich noch heute nach Lübeck ziehen, hatten mein Vater und ich ein solches Ausflugslokal zum Ziel. Der Unterlauf war bereits von Menschen überfüllt, nur weiter oben konnte man sich noch als Pionier bewähren. Die Umstände waren nicht ideal. In der Nacht zuvor hatte es geschneit, was die Gefahrenanalyse erschwerte, und hart verbackene Schneeverwehungen zwangen uns, die Schlittschuhe abzunehmen. Ein Neuling könnte nun einwerfen, dass, wenn man schon zu Fuß unterwegs ist, man doch den Uferweg benutzen könnte. Aber solche Einwürfe quittiert meine Familie mit einem verächtlichen Lachen: An einem kalten blassblauen Wintertag meiden nur Memmen das Eis.

Und wie wir nun wie Old Sure- und Shatterhand das Eis bepirschten, sahen wir, schon ziemlich weit flussaufwärts, den Bauch eines toten Wildschweins aus der Eisdecke ragen. Westwärts, quasi republikflüchtig hatte es den Fluss überqueren wollen, war eingebrochen, abgesoffen und wieder festgefroren; die weit verstreuten Eissplitter erzählten von einen langen Todeskampf. Mein Vater wurde unruhig und bestand darauf, von nun an voranzugehen. Ein paar Meter weiter brach auch er ein, aber nur bis zur Brust, denn das Wasser war flach und seine Beine länger als die eines Wildschweins. Er wuchtete sich, immer wieder einbrechend, in Richtung Ufer. Als er aus dem Wasser stieg, sagte ich, um Fassung ringend: "Mensch du." Er sagte: "Ja. Nech."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare