Ja! Nein! Ja!

Musik Der hypernervöse Zombiesound von 100 Gecs bringt das Popjahr 2019 auf den Punkt
Daniel Gerhardt | Ausgabe 51/2019

Nicht weniger als das komplette Internet wird uns im folgenden Text um die Ohren fliegen. Also am besten mit halbwegs gesicherten Infos einsteigen: 100 Gecs sind Laura Les aus Chicago und Dylan Brady aus Los Angeles. Zwei Twenty-Somethings, die aussehen wie Neuköllner Baristas und keinen gemeinsamen Wohnort brauchen, denn ihre Band lebt im Internet. Man könnte Hunderte Projekte, Künstlerinnen und Stile nennen, um die Einflüsse des Duos offenzulegen – oder man bricht es herunter auf: alles, was soziale Netzwerke heute hergeben. Das Debütalbum von 100 Gecs heißt 1000 Gecs und klingt, als hätte jemand alle Katzen-Memes, Cowboy-Emojis, Skateboardunfall-GIFs und identitätspolitischen Twitter-Debatten des Jahres gleichzeitig vertont.

Die überbordende, überdrehte Musik auf 1000 Gecs ist symptomatisch für 2019, das Jahr, in dem die Popmusik den Logout-Button abgeschafft hat. Spotify und Youtube haben sich als neue Platzhirsche durchgesetzt. Sie sind unbarmherzige Plattformen, die unendlich weiterlaufen und weder Popstars noch ihrem Publikum längere Verschnaufpausen gönnen. Wer nicht liefert, verliert Follower, Streams und Dollars. Ed Sheeran macht diese Vorstellung vielleicht Angst. 100 Gecs machen sich einen Spaß daraus.

Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt liegen bei ihnen nur Millisekunden. In einem Lied finden sich immer noch zehn andere vergraben, die grinsend den Kopf herausstecken. Brady und Les singen herzzerreißend darüber, wie sie den Klingelton einer alten Liebe nicht mehr aus dem Kopf bekommen – und klingen dabei selbst wie jener animierte Crazy Frog, der im Auftrag der Klingeltonfirma Jamba (Gott habe sie selig) einst die Charts eroberte. Großraumdisco-Musik steht neben klirrenden Metal-Gitarren und Chipmunk-Gesang, ein Song über Pferdewetten-Hedonismus verwandelt sich ansatzlos in eine Tierschutzhymne. Selbst diese meinen 100 Gecs aber keinesfalls ironisch.

Ganz neu ist dieser Ansatz nicht. Wer einmal in den zwielichtigen Gefilden des Internets unterwegs war, auf Filesharing- und Pornoportalen, kennt die visuellen Spiegelbilder dieser Musik. 1000 Gecs verhält sich wie ein durchgedrehter Internetbrowser: Für jedes Fenster, das man schließt, poppen drei neue auf. Jedes Werbebanner, das man wegklickt, löst den Download irgendeiner schädlichen Datei aus. Überall Spam und Trash und Fotostrecken – wer seinen Penis jetzt nicht verlängert, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Es ist die Ästhetik eines wild gewordenen Internets, die 100 Gecs in kurze, anfallartige Songs bannen.

Neu ist allerdings, wie virtuos diese De- und Rekonstruktion von Pop durch Tausende Social-Media-Filter hindurch klingt. Les und Brady sind unverkennbare Digital Natives, Musiker, die zwischen Playlists, Feeds, Browsertabs und Pushnachrichten herumspringen, ohne allerdings die Orientierung zu verlieren. Was ihre älteren Cousins vielleicht noch als digitale Überforderung bezeichnen würden, erkennen sie im Jahr 2019 als Normalzustand.

Country ist jetzt Rap

Die kommerziellen Aufsteiger dieses Jahres waren Billie Eilish und Lil Nas X. Auf der einen Seite eine gruftige Popsängerin, die Schlafzimmerhymnen über die beziehungstechnischen und mentalen Wirrungen ihres Alltags schreibt – und damit jener Generation Z aus der Seele spricht, die schon kraft ihres Namens dem Untergang geweiht ist. Auf der anderen Seite der Rapper mit dem Cowboy-Stripper-Kostüm: ein 20-jähriger Tunichtgut, der halbprofessionell umtrollte, bis ihm mit der Country-Rap-Nummer Old Town Road DER TikTok-Hit und danach die langlebigste Nummer eins der amerikanischen Chartsgeschichte gelang.

Die althergebrachte Unterteilung von Musik in Genres und ihre jeweiligen Anhänger ist für diese neuen Stars nicht mehr maßgeblich. Lil Nas X verbindet zwei Stilrichtungen miteinander, die noch vor Kurzem als Ausdruck fundamental verschiedener Lebenseinstellungen galten. Eilish hängt mit den berühmtesten Rappern ihrer Altersklasse ab, fügt ihrem Stil aber auch Spezialeinflüsse wie Emo und die Teenage-Angst der Grunge-Jahre hinzu. Ihr Nadelöhr finden beide im Netz. Früher wäre es ungeheuer anstrengend gewesen, in all diesen Szenen gleichzeitig unterwegs zu sein, heute beginnt subkulturelles Interesse schon beim Beitritt in die richtigen Facebook-Gruppen.

Welches Potenzial in dieser Entwicklung steckt, zeigt der Erfolg von Old Town Road: Lil Nas X hat das musikalische Gerüst des Songs für 30 Dollar im Internet gekauft und ohne Starthilfe großer Plattenfirmen einen Hit daraus gemacht. In einer Musiklandschaft, die keine Grenzen mehr kennt, die beinahe allen Künstlern und Zuhörern die gleichen Zugangsmöglichkeiten gibt, kann es auch unübersichtlich und ungemütlich zugehen. Wenn es keine Unterschiede mehr gibt zwischen Country und Rap oder Ironie und Aufrichtigkeit – muss dann nicht zwangsläufig alles gleich klingen?

100 Gecs und ihr Zombie-Pop beantworten diese Frage mit einem himmelschreiend herauskrakeelten Ja-nein-vielleicht. Anders als die beiden Topacts des Jahres brechen sie vollends mit bisherigen Hörgewohnheiten. Stellt man sich Lil Nas X und Billie Eilish als Statusmeldung vor, dann vertonen 100 Gecs die Kommentarspalten darunter, in denen niemand mehr durchblickt, aber doch irgendwo eine geniale Antwort auf alles versteckt sein muss. Für 2019 sind sie perfekt. Eine zweite Band wie sie wäre allerdings bereits unerträglich.

Info

1000 Gecs 100 Gecs Dog Show Records, 2019

When We All Fall Asleep, Where Do We Go? Billie Eilish Darkroom/Interscope, 2019

7 Lil Nas X Columbia Records, 2019

06:00 30.12.2019

Ausgabe 14/2020

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