Ja, Opa

Religion Die Friedenauer Presse gräbt ein Textchen Diderots aus. Enzensberger sagt, warum das aktuell ist
Eva Erdmann | Ausgabe 36/2018
Ja, Opa
Diderots überlegt, was aus den Regeln der Sittsamkeit würde, ohne die Anweisungen der Bergpredigt

Foto: Johannes Simon/Getty Images

Man stelle sich vor: Kommt ein Geschäftsmann in die Stadt, um mit einem Kollegen über dies und das zu sprechen, trifft ihn nicht an, spricht er eben mit der Ehefrau, das Ergebnis ist ein Gespräch über die Fragwürdigkeit der Religion. Das Hin und Her der Argumente des Dialogs bewahrt mehrere Jahrhunderte seine Gültigkeit, wird gar zur Philosophie erklärt. Denn wir sind, in diesem Szenario, im 18. Jahrhundert, inmitten der Aufklärung, 1776 in Europa, wo die Unterhaltung des Philosophen von Denis Diderot erstmals auf Französisch gedruckt wurde. In diesem Europa, so will es die Geschichte, sprach jeder mit jedem, diskutierte über alles, die Frauen mit den Männern, der Diener mit seinem Herren, der „musulman“ mit Juden und Christen, die Autoren der berühmten Encyclopédie, die Diderot über Jahrzehnte mit herausgab, untereinander sowieso.

In der Unterhaltung ist die Maréchale katholisch, während der Besucher Religion für verzichtbar hält. Sie überlegen gemeinsam: Was würde aus den Regeln der Sittsamkeit, ohne die Anweisungen der Bergpredigt? Die vorherrschende Mode des ausladenden Dekolletés müsste fallen … ob die von Kirchen angestifteten Verwüstungen schwerer wögen als ihre Wohltaten; ob der Aberglaube vor Schaden bewahre, das Leben nach dem Tod ein schöner Gedanke sei? Wie kann auf Gott als gnädigen Schöpfer, barmherzigen Vater verzichtet werden? Sitten und Gebräuche müssen nicht, so die andere Seite, auf Glauben gründen, um einer Gemeinschaft Spielregeln zu geben. Wichtiger sei, sie gälten für alle. Dass die Religion dagegen humorlos und streng sei, nimmt gegen sie ein.

Gleichwohl gibt die nun vorzüglich übersetzte Unterhaltung keinen Grund, die Aufklärung als ein offenes Projekt des gegenseitigen Austauschens und der Toleranz zu verklären. Sie gibt Anlass, alte Fragen neu zu stellen. Auf den zweiten Blick ist die Unterhaltung eben doch Unterweisung, die freundlich großväterliches Erklärungswissen ausführt. Die Maréchale stellt kurze Fragen, der „philosophe“ beantwortet sie mit langen Geschichten. Er lässt sie, die Mutter von sechs Kindern, das siebte ist unterwegs, an seiner Philosophie teilhaben, bringt ihr bei, was eine „conclusion“ sei, wie das geht: schlussfolgern. Es ist ein didaktisches Projekt, narratologisch ist der in Sachen Religion anvisierte Standpunkt unverkennbar.

Hans Magnus Enzensberger ist als literarischer Causeur bekannt, er übersetzt das Gespräch in ein elegantes Deutsch. Nur wenige Details irritieren: Warum zunächst den „Edelmann“ nennen, ihn dann als „honnête homme“ im Fachbegriff des aufsteigenden französischen Bürgertums belassen? Ein deutsch-didaktisches Entgegenkommen? Warum heißt die Gesprächspartnerin in ihrer Sprechrolle „Die Marschallin“, dann wieder in der Rede „Madame la Maréchale“? Französisches Flair? War es wirklich nötig, ihren Namen, Broglie, auszusprechen, wo er nun lange Zeit in der Verschwiegenheit der Bücher schlummerte?

Glauben wir das mal

Es liest sich, als hätte man nun herausgefunden, wer die Marquise von O... in Wirklichkeit war und müsste es öffentlich gleich mitteilen. Gab es nicht Gründe, außerhalb der damaligen Zensur, dem Namen keine Bedeutung beizumessen? Um eine Überlegung allgemeiner zu machen, sie zu universalisieren?

Es ist immer ein Vergnügen, eine der bibliophilen Ausgaben der Friedenauer Presse zu lesen und eine neue Trouvaille zu entdecken, ob Herman Melville, ob Ossip Mandelstam, ob Denis Diderot. Auch dass der Übersetzer mit diesem erstmals ins Deutsche gebrachten Entretien d’un philosophe avec Madame la Maréchale de *** den Leser nicht nur mit einem Fundstück der Liebhaberei seiner literarhistorischen Quellenkunde unterhalten will, das er mit einem Nachwort ergänzt, sondern dass er die aktuelle Notwendigkeit der Frage nach einer zeitgemäßen Haltung zur Religion im Blick hatte, das will man gerne glauben.

Info

Die Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin de Broglie wider und für die Religion Denis Diderot Hans Magnus Enzensberger (Übers.) Friedenauer Presse 2018, 32 S., 12 €

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