Ja, wir wollen

Grenzerfahrung Endlich wieder unterwegs: Eine Reise zu einer Hochzeit auf dem Balkan in Zeiten der Pandemie
Ja, wir wollen
Bepackt im Kleinwagen durch Zentralserbien – und in die Berge!

Foto: Eva Kienholz

Wie seltsam es sich anfühlt, eine andere Hand zu drücken. Seine eigene Hand ausstrecken, anvisieren, Handfläche an Handfläche führen, zudrücken, weder zu fest noch zu locker, es gibt hier nichts zu beweisen oder zu bereuen. Nach anderthalb Jahren ohne fühlt sich ein Händedruck mächtig an, aber auch fremd: eine Reliquie.

Wir stehen in Serbien an einem Felsen, die andere Hand gehört Bogdan, unserem Gastgeber. Er hat sie uns nacheinander gereicht und dazu so überzeugt gegrinst, wie nur Menschen jenseits der 60 es können, die immer zum Horizont geblickt haben. Bogdan ist Bergsteiger, gebräunt und gut gelaunt, er erklärt uns, wie wir auf den Felsen gelangen. „Nach dem ersten Haus im Ort rechts und unter der Stromtrasse immer weiter hoch.“ Wie haben wir das vermisst, dass es endlich nach oben geht, wohin auch immer. War zuletzt doch eher so ein Tippeln seitwärts, das Leben.

Wir sind wegen einer Hochzeit in Serbien, beide seit einem Dreivierteljahr zum ersten Mal im Ausland. Vor dem Fest wollen wir einige Tage in die Berge. Eva ist noch nicht geimpft, Nik hat eine Dosis Astra im Arm. Wir nehmen uns eine Mischung aus deutschen und serbischen Corona-Regeln vor: drinnen Maske tragen, draußen mit Abstand auch Restaurants aufsuchen. Gleich am ersten Abend, noch in Belgrad, fanden wir uns an einem Tisch voller gegrilltem Gemüse, Kajmak und Cevapcici wieder. Von den anderen Tischen drang Stimmengewirr herüber, ein flauschiger Geräuschteppich legte sich über atmosphärisch erleuchtete Straßen. Endlich wieder.

Der Tod, sichtbares Schicksal

Aus der Hauptstadt sind wir in den Südosten des Landes gereist und dort so weit gefahren, bis alles anders scheint. Glatt asphaltierte Straßen, Smog, Corona: Machen sie dort alles nicht. Bogdan erzählt uns, dass er gleich losmuss, zur Sitzung eines lokalen Bergsteiger-Vereins, dem er vorsitzt. Die wird natürlich in persona abgehalten, „mit Abstand“, wie er schnell hinterherschiebt. Er selbst sei ohnehin geimpft. „Sputnik!“, ruft er noch und braust ab.

Wir haben beide seit langer Zeit Ellbogen an Ellbogen geführt, einen Fußcheck gemacht, anderen zugewinkt, mit besonders Mutigen gab es die Ghettofaust. Insgesamt haben sich die Begrüßungsrituale der Erwachsenen in der Pandemie wieder dem Schulhof angenähert. Politiker reden mit den Menschen auch wie mit einer Kinderschar. All das ist sehr unangenehm.

In Serbien ist die Inzidenz höher als in Deutschland, während wir durch das Land reisen. Bei den Erstimpfungen liegen beide Länder etwa gleichauf, bei den Zweitimpfungen führt Serbien mit 3:1. Auch so eine Folge der Pandemie, diese sportive Zahlengläubigkeit. Als wäre die Welt in nimmer endende Olympische Spiele abgerutscht, werden Impfquoten und Inzidenzen verglichen. Staaten sind das Maß der Dinge, es wird in nationalen Grenzen gezählt, gedacht, gestorben. Ausgerechnet in diesen Zeiten glauben Schwurbler an Machteliten, die dank Corona alle Länder globalistisch vereinnahmen wollen.

In Serbien scheint niemand mehr Corona zu fürchten. Nik telefoniert mit Flo, dem kommenden Bräutigam, der bald eine Serbin heiratet und uns davor warnt, sich dem landestypischen Schlendrian zu ergeben. „Hier achtet keiner mehr auf irgendwas, ihr müsst aufpassen.“ Ja, machen wir auch. Obwohl mit jedem Mal, da wir etwa eine Tankstelle betreten, das belämmerte Gefühl verstärkt wird, im germanischen Mimimi-Wahn zu stecken. Da kommen die deutschen Sicherheitsfreaks, als Einzige mit Mundschutz. Fehlt nur noch Wurst in der einen und Bier in der anderen Hand.

Das Restaurant Kapetan Mišin Breg an der Donau in Ostserbien erinnert an Tito

Foto: Eva Kienholz

An Laternenpfählen und Bushaltestellen hängen in Serbien traditionell Todesanzeigen, schwarz gerahmt, oft mit einem Kreuz, manchmal mit einem Stern versehen. Jede Anzeige enthält ein Foto, was diese Botschaften verstörend nahebringt. Fernstraßen sind mit Kreuzen versehen, an denen die gleichen Todesanzeigen hängen, nur sind dort zumeist junge Menschen abgebildet, in den Dörfern aber alte. Allgegenwärtig scheint der Tod. Er ist ein allzu sichtbares Schicksal. Vielleicht fürchtet deshalb niemand die Pandemie.

Die Hochzeit selbst ist wegen der Umstände eher entspannt angelegt, es soll nicht wild getanzt, auch kein Apfel von einem Stock geballert werden, obwohl Flo uns erzählt hat, dass er schon Spaß an dieser Tradition gehabt hätte. Er wolle es aber nicht übertreiben. Wenn es schon ruhiger zugehen soll, dann wenigstens zweimal, und so ist am Abend vor dem Fest ein Umtrunk in einem Restaurant angesetzt. Einige der nur 20 geladenen Gäste sind bereits in der Stadt im Süden Serbiens angekommen, in deren Peripherie am kommenden Tag gefeiert werden soll, in Niš.

Als wir abends im stilechten Restaurant ankommen, finden wir die rustikalen Holztische draußen verwaist vor. Flo und die anderen sitzen bereits an einer langen Tafel drinnen. So war das weder gedacht noch vereinbart. „Ich werde mich nicht reinsetzen“, sagt Eva bestimmt. Aber sollen wir eine Gesellschaft aufscheuchen, die sich um jemand anderes dreht? Nik bespricht sich mit Flo. Eine Frau, Belgrader Künstlerin, gibt zu bedenken, dass es draußen sehr kalt sei und alle hier ohnehin geimpft. Ein Mann stimmt ihr zu, einige schauen verlegen in verschiedene Richtungen.

Das Smartphone verrät: 17 Grad. Den ganzen Tag schien die Sonne. Obwohl es maximal unangenehm gerät, insistiert Nik. Flo fragt alle, ob sie rausgehen würden. So trottet auf Wunsch der beiden deutschen Gäste eine serbische Hochzeitsgesellschaft ins Freie. Dort zieht Eva demonstrativ ihre Jacke aus, trägt nur noch eine luftige Bluse. Die Künstlerin ihr gegenüber trägt einen Parka, die Arme verschränkt. Wir versauen ihr ganz offensichtlich die Party. Sie taut aber auf, erzählt, dass viele Exilserben es gerade gar nicht in ihrer Heimat aushalten, weil sich niemand an Maßnahmen halte, eine Freundin von ihr wollte sie aus London besuchen und sei direkt wieder zurückgeflogen. Als die Getränke klarer werden, entspannt sich der Konflikt.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft sind wir beseelt, holen an der Tankstelle noch Getränke. Nik vergisst seine Maske, denkt dann, dass es egal sei, er bezahle ja nur kurz. Als die Kassiererin im Häuschen aber minutenlang auf zwei Bier und einem Wasser herumrechnet, ahnt er schon Evas Reaktion. Wieder im Auto sagt sie: „Du musst jetzt nicht auf alles pfeifen, nur weil alle es tun.“ Nik stimmt ihr grundsätzlich zu und situativ auch mal nicht. Mittlerweile ist es Nacht und wirklich frisch, aber die Autofenster bleiben während der wortlosen Heimfahrt vollständig geöffnet.

Es ist wirklich bitter, zu realisieren, wie der Osten einen immer wieder bis an die Grenzen der eigenen Grenzen führt. Selbst wer in Deutschland eine schlechte Moral beim Anschnallen hat, kann sich im Osten dabei erwischen, wie er seine eigene Cousine bittet, ihre zwei Kleinkinder anzuschnallen, während die Cousine mit 120 über eine Landstraße brettert und die Kinder das Auto als Kletterparadies begreifen. So ein permanentes Du-bist-nicht-so-lässig-wie-du-dachtest-Gefühl beschleicht einen dann. Corona verstärkt diesen Effekt.

Andererseits erleben wir auch, wie Westler sich geschmeidig um Regeln drücken, die Ostler demonstrativer brechen. Die einzigen Stunden, in denen die Menschen um uns herum konsequent alle Regeln beachten, verbringen wir im Flugzeug. Eigentlich. Beim Flug zurück sitzt ein junger deutscher Geschäftsmann neben uns, der erst noch ein echt wichtiges Telefonat führt, dann mit ernstem Gesicht eine Präsentation für die Deutsche Bahn vorbereitet – und anschließend zwei kleine Biere erwirbt, die er in sehr kleinen Schlucken über eine Stunde lang und ohne Maske trinkt. Dazu pickt er immer wieder in eine Erdnusstüte, die es gratis zum Bier gab. Rechtsbeugung at its best. Gelernt ist gelernt.

Es gerät unangenehm, aber auf Wunsch der beiden Deutschen isst man draußen

Foto: Eva Kienholz

Verdächtig: Serbien impft viel

In Serbien spielt am Tag der Hochzeit immerhin das Wetter mit. Alles soll draußen stattfinden, eine kleine Zeremonie und das anschließende Fest. Wir sind erleichtert. Gar nicht auszudenken, wir hätten versucht, eine serbische Hochzeitsgesellschaft wegen Corona in den Regenschauer zu zerren. Hätte auch nicht geklappt.

Wir nehmen ein Taxi in das nahe Dorf, in dem die Feier steigen soll. Der Fahrer, ein massiger Mann Ende 50, trägt sogar eine FFP3-Maske. So etwas haben wir hier noch gar nicht gesehen. Er nimmt die Ausfallstraße nach Südwesten und erzählt, dass sowohl er als auch seine Frau Corona gehabt hätten. Er selbst habe nur vorübergehend seinen Geruchssinn verloren, seine Frau aber lag zwei Wochen im Krankenhaus. „Ich glaube das alles trotzdem nicht“, sagt er. „Diese Seuche wurde entwickelt, um die Menschen zu kontrollieren. Ich lasse mich nicht impfen.“ Weiter erzählt er, dass ihn vor allem stutzig mache, dass Serbien bei den Impfungen so viel besser dastehe als viele reichere Staaten, etwa Deutschland. „Unser Präsident Vučić hat uns als Versuchskaninchen verkauft. Jeder Impfstoff ist verfügbar. Das ist verdächtig!“ Hätte er auch geschimpft, wenn Serbien bei den Impfungen hintendran gewesen wäre? „Egal! Impfen lasse ich mich so oder so nicht!“

Als wir auf den Garten zugehen, in dem die serbischen Hochzeitsgäste, wartend auf das Brautpaar, in der Mittagssonne eisgekühlten Rakia aus kleinen Gläsern trinken, steigt die Vorfreude. In diesem Garten, der wie ganz Serbien durch seinen bröckelnden Charme besticht, scheint die Pandemie tatsächlich inexistent, wie eine Fabel aus einem fernen Land, ein böser Traum, der nichts mit der Realität saftig grüner Hügel zu tun hat, in der wir uns befinden.

Und dann wurde geheiratet.

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06:00 01.06.2021

Ausgabe 24/2021

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