Jäger, Angler, Bauern

Brandenburg Die Grünen werden zur Volkspartei – sogar im Spreewald. Ein Besuch

Die Eintausend waren wichtig, sagt Benjamin Raschke, wir gehen auf das Zentrum von Lübben zu. Man muss durch einen Park, ganz als würde sich die Stadt hinter Wald verstecken. Die Eintausendfünfhundert seien auch wichtig gewesen, sagt Raschke noch, er schiebt sein Rad an der ersten Schleuse vorbei. Er hat das alles schon einmal erzählt, denkt aber nach beim Erzählen. „Ab einer bestimmten Zahl wirst du wahrgenommen, da kennen die Leute auch mal jemanden. Auch in der Fläche.“ Die Fläche ist Brandenburg, das am 1.9. einen neuen Landtag wählt. Mit der Zahl sind die Grünen-Mitglieder gemeint.

Benjamin Raschke, 1982 in Lübben geboren, aufgewachsen in Schönwald, sitzt dort für die Grünen seit elf Jahren in der Gemeindevertretung, seit fünf im Landtag. Mit Ursula Nonnenmacher ist er Spitzenkandidat zur Landtagswahl. Die Grünen würden jünger, sagt er, weiblicher und ländlicher. Man sieht, wie ihn das freut.

Tags zuvor in der Grünen-Bundesgeschäftsstelle in Berlin: Im Saal der Pressekonferenz blicken von der Decke Lampen für Fernsehaufnahmen, die Logo-Wand beißt sich etwas mit dem blauen Bezug der Stühle. Die stehen schon im Kreis: Neumitgliederseminar des Landesverbandes Brandenburg, zwei Mal im Jahr, diesmal brauchen sie zwei Tage. Die Pressesprecherin hat neue Zahlen, 1.695 Grüne gibt es mittlerweile in Brandenburg, nach der Europawahl traten 86 ein. Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren waren 699 in der Partei. Brandenburg hat 2,5 Millionen Einwohner.

In den letzten Wochen haben überregionale Medien versucht, bei den Grünen eine „neubürgerliche Blase“ zu finden, „in der man auch höchst egoistische Ziele verfolgen kann“ (Die Zeit). Die Bild bemüht Erzählstränge, in denen Grüne vor allem Vorschriften machen wollen. Klimapolitik als Distinktionsmittel gegen Provinzler, gegen Bauern, denen Städter erzählen wollen, wie sie Kartoffeln oder Honig ernten sollen. Die Süddeutsche mäkelte, dass Alternativen zum Auto auf dem Land nicht funktionierten. Ein Blick aufs ostdeutsche Land will eine politische Dichotomie feststellen, in dünn besiedelten Flächen siege die AfD, „mit den Grünen verhielt es sich genau anders herum: Sie waren in den Städten stark“ (Zeit).

Die Felder sind wie tot

Ein weiteres Thema schält sich heraus. Als wäre der Umstand, dass Thorsten Schäfer-Gümbel die SPD kommissarisch leitet, nicht schon Beweis für die konfuse Lage der Sozialdemokratie, er gibt auch Interviews. Und wirft den Grünen autoritäres Auftreten vor. Sie seien „programmatisch beliebig“, würden dennoch „alles Elend dieser Welt auf Fragen des Klimawandels“ reduzieren. Ihnen sei „die soziale Frage schnurzegal“.

In der Bundesgeschäftsstelle stellen sich neun Neugrüne auf einen Zeitstrahl, erzählen von Ereignissen, Motivationen. Vom Parteiumfeld, von Veranstaltungen. Es gibt zwei größere Themen, die Menschen in die Partei drängen, auch Raschke wird sie aufzählen: die starke AfD, deren Anhänger am Fußballplatz, in freiwilligen Feuerwehren, im Freundeskreis Stimmung machen. „Da gibt es jetzt keine Ausreden mehr“, sagt einer mit zwei Fußballsöhnen, er braucht Argumente, will wissen, wie er gegen sie auftreten kann. Das zweite Thema ist offensichtlicher und markiert eine Verschiebung: Die Tochter eines Bauern erzählt, dass sie immer Round-up sprühten, den Regeln der Industrielandwirtschaft folgten. „Jetzt sind die Felder wie tot, da brummt nichts mehr.“ Die ganze Familie sei von der CDU zu den Grünen übergelaufen. Keine 20 Minuten nachdem der Workshop begonnen hat, erwähnt jemand den Namen Greta Thunberg. Heiße Sommer, Artenvielfalt, Waldbrände, Pestizide: Klima- und Umweltpolitik, Ernährung und Verkehr sind in Brandenburg Kernthemen.

Im Lübbener Haus des Kleingärtners gibt es einen Saal mit herziger Wandmalerei, Teller mit Käse- und Schinkenbrötchen. Treffen der Grünen, die seit der Wahl Ende Mai in Kreis- und Gemeindevertretungen von Dahme-Spreewald I sitzen. Der Wahlkreis erstreckt sich von Berlin nach Süden. Es geht um Satzungen und Geschäftsordnungen: Handwerkszeug. Das Treffen ist auch ein Ringen um Luft, im Saal ist es voll, heiß. Optimistische, gelöste Haltung geht über in konzentriertes Arbeiten, genaue Fragen.

Benjamin Raschke erzählt, dass sie sich bislang meist als Einzelkämpfer trafen, dafür Strategien entwarfen. Gegen Verwaltungstricks, Behäbigkeiten. Am Fraktionsstatus hängen Rederechte. Auch in Lübben müssen sie sich für ihre Treffen größere Räume suchen, jetzt sitzen zwei oder drei Grüne in Räten, Umfragen sehen die Partei bei 17 Prozent. „Wir hatten lange das Gefühl, eine kleine Partei zu sein. Das ändert sich gerade.“

Der ländliche Raum war für Raschke immer grünes Kernland. Und die politische Landschaft hat sich verändert – die Linke hat Protestwahl-Boden verloren, die SPD ihr Klientel in Braunkohleregionen, Vereinen und unter Bauern. Die CDU versucht ein konservativeres Bild zu malen, übersieht Unmut gegen Massentierhaltung und Pestizide. Setzt eher keine jüngeren Frauen auf aussichtsreiche Positionen. Raschke schaut auf die SPD, meint aber eine Grundhaltung, die weit darüber hinausgeht: „Egal, ob Fleisch oder Kohle: Die SPD ist der grundsätzlichen Überzeugung, dass davon immer und überall für jeden jede denkbare Menge billig da zu sein habe.“

Daran gehen Kleinbauern kaputt, versanden Felder. Kaputte Güllebehälter verseuchen Grundgewässer, Behörden ducken sich. Versprechen, dass Arbeit im Braunkohletagebau gesichert sei, klingen hohl. Auch in kleinen Städten merken sie, dass die billigen Wohnungen an dicht befahrenen Straßen liegen. Wer Geld hat, kann sich gegen Klimawandel schützen.

Raspelschnitt und Batikmuster

17 Prozent Zustimmung bedeutet nicht, dass alles grün wird. Die Touristengruppen hinter der Lübbener Gartenschleuse werden mit Plastikbechern bewirtet. Der Wirt zieht ein Gesicht, wenn man um ein Glas fürs Bier bittet, „jibtet nich“. Die Schleuse wird von zwei Jungs bedient, tätowiert, raspelkurze Haare, „Division Spreewald“-T-Shirt. Bekommt man bei „Druck 88“. Im Stadtpark ist einem sein Puddingbecher heruntergefallen. Er liegt aufgeplatzt da.

Raschkes Strategie heißt „raus, raus, raus“, er reißt eine Unzahl Veranstaltungen in entfernten Gegenden ab. Jäger, Angler, Bauern. Verkehrspolitik, Ortsentwicklung: Radwege, Grünstreifen sind auch atmosphärische Veränderungen. Das Volksbegehren gegen die Massentierhaltung 2015 betrieben sie aus „fundamentaler Überzeugung und Opposition gegen die SPD-Landwirtschaftspolitik“. Raschke lacht, die 104.000 Unterschriften waren eine Sensation. Im Landtag setzten sie eine Enquetekommission zu ländlichen Räumen durch. Die Hälfte der Sitzungen sollte nicht in Potsdam stattfinden? Heftiger Widerstand der anderen Parteien. Raschke grinst.

Im Berliner Sitzungsraum überlegen die Neumitglieder, ob sie sich richtig in der Partei fühlen. Die meisten stellen sich hinter einen Punkt, den der Moderator als „absolut sicher“ markiert hat. Eine Frau ist sich unsicher. Vielleicht sei sie „zu links“ für die Grünen. Aber es gäbe keine Alternative.

Den sanierten Lübbener Marktplatz kreuzt eine junge Frau, Batikmuster um den Leib, Kopftuch. Raschke schaut kurz auf, sagt, dass Brandenburg erheblich bunter geworden sei. Geflüchtete, andere Lebensstile. Bauern, Jäger, Angler. „Politik muss mit Realitäten umgehen. Wenn sie das nicht tut, verpasst sie ein Lebensgefühl. Und wird unglaubwürdig.“

06:00 28.06.2019
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