Jahrestag mit Deo-Spray

MEIN ALTER Was sie gesagt haben werden, in der Sondersitzung des Bundestags zum neunten November? Nebbich. Soll'n s'e vielleicht sagen: Wir gedenken hier und ...

Was sie gesagt haben werden, in der Sondersitzung des Bundestags zum neunten November? Nebbich. Soll'n s'e vielleicht sagen: Wir gedenken hier und heute, liebe Leute, eines Staates, dem wir durch gutnachbarliche Beziehungen und eine gemeinsame Geschichte tief verbunden waren und dessen Untergang uns mit Trauerkeit und Bitternis erfüllt?

Ich bitte dich!

Oder, eine Nummer härter: Zwar war es ihnen nicht vergönnt, unseren lieben Brüdern und Schwestern in der Zone, ihr eigenes Gemeinwesen zu bewahren, doch ihre Lebensleistung bleibt ungeschmälert. Was ihre Gesellschaft der unseren voraus hatte an menschlichen und politischen Errungenschaften lebt fort in der neuen staatlichen Ordnung, die alle Deutschen in freier Selbstbestimmung sich gegeben haben.

Ne, nee, mein Lieber. Die Zeiten sind vorbei, da ein Jenninger im Bundestag versehentlich die Wahrheit sprach, und sie müss ten ja nun lügen, wenn sie behaupten wollten, dass es irgendetwas Gutes und Bewahrenswertes vielleicht doch gegeben haben könnte in diesem Phantomstaat.

Nu' hätte's natürlich schlimmer kommen können, was die Rednerliste betrifft - wirste gelesen haben: Das Gerangel um die Frage, wer die Ex-DDR vertreten könnte. Die CDU hätte am liebsten den Biermann genommen, weil er schon mal auf einem Herrenabend bei der CSU so schöne antikommunistische Witze erzählt hat, aber dann hat die Angela Merkel mit ihrer nervösen Nase wohl doch Einspruch erhoben:

"Also ne, Leute, das könn' wir nicht machen, da geht mein ganzes Deo-Spray bei drauf."

Der Schröder soll dann ein Kanzlerwort gesprochen haben:

"Herrschaften, was spricht eigentlich gegen den Herrn Gauck? Der Mann ist Behördenleiter, also quasi ein Volksvertreter, war Pfarrer, also der personifizierte Widerstand gegen das DDR-Regime und verkörpert somit auch Grundpositionen der Grünen. Außerdem steht er der CDU nahe."

Die Grünen haben natürlich zaghaft protestiert: "Die Zeiten, wo Teile der grünen Partei den ungehinderten Sex mit Kindern propagiert haben, sind lange vorbei!"

Den Ausschlag wird dann seine Stellung als Chef der Gauck-Behörde gegeben haben. Quatsch: Gautschen is' was anders. Beim Gautschen wirste ins Wasser geworfen, damit der Dreck abgeht, und beim Gaucken wirste angeschwärzt, wie jetzt die 30.000 Bundesbürger, die schon drauf warten, endlich als unholde Wasserträger der DDR enttarnt zu werden - wirste gelesen haben.

Die Gauck-Behörde ist eine Art Kraftfahrzeugbundesamt, wo du Punkte kriegst, wenn du nicht immer in allen Punkten die vom Westen vorgeschriebene Distanz zum Unrechtssystem des untergegangenen Staatswesens an den Tag gelegt hast. Wer diese Aufgabe mal übernehmen soll, wenn die Bundesrepublik eines Tages als Ganzes untergegangen sein wird, ist noch ungeklärt, aber irgendwelche Kriegsgewinnler finden sich immer.

Also, du musst dir das so vorstellen: Die DDR hat keine Vor- und Nachteile gehabt. Das ist alles passee. Da wird nicht mehr drüber geredet. Das einzige was zählt ist: Es gab einmal ein Ministerium für Staatssicherheit, das war für die DDR der Sinn des Daseins oder, wie unser Major immer zu sagen pflegte, wenn er ausrief auf dem Kameradschaftsabend: "Der Antisemitismus, meine Herren, ist die raison d'etre des deutschen Soldaten!"

Und genau so wie dies Ministerium das einzige war, was zählte in der DDR, wurde vor zehn Jahren die Gauck-Behörde zur raison d'etre des neuen Deutschland, weil da nämlich die ganzen Aktenbestände lagern. Keine außenpolitischen Ziele und keine wirtschaftlichen Interessen waren der Grund für den Untergang der DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit rechtfertigt alles, und die Archive der Gauckbehörde sind quasi der heilige Gral der Parzifalsage: Das Gefäß mit dem Blut unserer gekreuzigten Schwestern und Brüder.

Nun könnte man über die anderen Redner auch noch reden. Warum Bush? Warum Kohl? Warum Gorbatschow? Was wäre aus Gorbi geworden, wenn er damals nein gesagt hätte? Ein bedeutungsloser Sozialhilfeempfänger in Nowosibirsk? An sich gibt's nur einen, den sie als Redner hätten einladen müssen. Den Mitterand!

Ein französischer Staatsmann, der freiwillig einer Gebietsvergrößerung des deutschen Reiches zustimmt, ist ein so unglaublicher Versager, den will man gesehen haben. Aber da hat bestimmt wieder die Angela Merkel mit ihrem Deo-Spray gewedelt.

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