Jamiroquai

A–Z Auf seinem neuem Album kritisiert der wohl einzige Greenpeace-Unterstützer, der einen Ferrari fährt, die dunklen Seiten der Digitalisierung. Ob das alles funky ist?
Marc Peschke | Ausgabe 13/2017

A

Acid Jazz Soul, Funk und Jazz, das war die Idee, sollten sich mit Reggae, Hip-Hop und House zu etwas Neuem verbinden. Acid Jazz (oder auch Dancefloor Jazz) war das große Ding in den frühen 90ern. Der Begriff stammt der Legende nach von dem Londoner DJ Gilles Peterson und ist schon ein paar Jahre älter, doch erst mit Bands wie den Brand New Heavies, Galliano, Incognito, Jamiroquai oder Us3 boomte das Genre.

Was aber war das eigentlich Neue an Acid Jazz? Vor allem war es ein Label, das auf den Erfolg von Acid House schielte. Peterson kommentierte den Hype einmal so: „Die Intention hinter dem Namen war, junge Leute anzusprechen, die sich vorher nie für Jazz interessierten. Einige ältere Leute haben sich kaputtgelacht, als sie das erste Mal von ‚Acid Jazz‘ hörten.“ Der Jazz-Experte Hans-Jürgen Schaal hat es dagegen so ausgedrückt: Acid Jazz sei für ihn das „Comeback des swingenden Mainstreams“? „Blues-Grooves, ein Touch Samba, ein krähendes Saxofon und eine kreischende Hammond-Orgel: Nostalgie als letzter Schrei.“ Der letzte Schrei ist inzwischen fast 30 Jahre alt.

B

Brand New Heavies Ohne diesen Reinfall gäbe es Jamiroquai womöglich nicht: Erst die Absage der 1985 gegründeten Londoner Band, bei der Jay Kay als Sänger anheuern wollte, brachte ihn dazu, Jamiroquai zu gründen. Die Brand New Heavies gefallen Jamiroquai-Fans natürlich auch. Die Hits „Dream on Dreamer“, „Never Stop“ oder „Midnight at the Oasis“ hört man heute noch manchmal im Radio.

Die Band um die drei Kernmitglieder Jan Kincaid, Andrew Levy und Simon Bartholomew (der anfangs auch Gitarre bei Jamiroquai spielte) ist noch immer ziemlich aktiv: Zwölf Alben mit acht verschiedenen Sängerinnen sind bisher erschienen. Besser erlebt man sie aber live. Sie selbst sagen über sich: „Wir begannen mit dem Jammen auf Warehouse-Partys, nur unterstützt von einfachsten Tonanlagen. Diese Rauheit (➝ Funky), die man beispielsweise auch auf den Alben von James Brown hören kann, blieb immer ein wichtiger Teil dessen, was wir tun. Wir achten darauf, uns niemals zu weit davon zu entfernen.“

E

Emergency Am 17. Mai 1993 erscheint das erste Studioalbum von Jamiroquai. Neben Keyboard (Toby Smith), Bass (Stuart Zender) und Gitarre (➝ Brand New Heavies) zählt auch das Didgeridoo (Wallis Buchanan) zum festen Instrumentarium. Das Cover von Emergency on Planet Earth ziert der Buffalo Man (➝ Selbstbild), das Logo der Band, das von nun an fast jede Veröffentlichung begleiten wird. Gleich das erste Stück When You Gonna Learn? wird zum Hit. Die Band zeigt sich auf „Emergency on Planet Earth“ überaus kritisch: Umweltzerstörung ist das große Thema und der junge Jay Kay singt darüber, als wäre er Stevie Wonder. When You Gonna Learn? war 1993 in jedem Club zu hören – und die Band bekam bald einen Vertrag über insgesamt acht (!) Alben bei Sony Music. Emergency On Planet Earth ist ein beeindruckend frisches Debüt, das auch 2017 noch auffällig staubfrei klingt.

F

Funky Der Sound von Jamiroquai speist sich zu einem guten Teil aus dem Fundus der Funk-Musik. Funky spielen, das heißt, rau und schmutzig zu spielen. James Brown, Sly & the Family Stone, George Clinton oder The Meters – Jay Kay hat die Einflüsse der großen Funk-Künstler auf seine Musik immer wieder hervorgehoben.

Bei Jamiroquai bedeutet Funk vor allem Rhythmus, wie das 2001 erschienene, fünfte Album der Band zeigt. Es heißt nicht umsonst A Funk Odyssey, wobei Funk hier auf ziemlich vollendete Weise auf Disco und Soul trifft. Im letzten Song Picture Of My Life, das ist eher ungewöhnlich für Jamiroquai, singt der 1969 geborene Sänger auch mal über sich (Selbstbild). Der arme Mann, er ist eingesperrt und braucht Hilfe: „I’m a tiger in a cage … Just set me free“.

H

Horsenden Manor Horsenden ist ein Dorf in Buckinghamshire in der Nähe von London. Hier lebt Jay Kay auf seinem Anwesen in einem 300 Jahre alten Herrenhaus, in dem auch sein Tonstudio eingerichtet ist. Von dort sieht man in den großen Park mit Bach und See – wo Privatschwäne für zusätzliche Noblesse sorgen.

Angelegt wurde der Park im 18. Jahrhundert von dem englischen Landschaftsarchitekten Capability Brown, Großbritanniens erster Promi-Gartendesigner, wie die FAZ ihn einmal nannte. Ein kleiner Privatpub sorgt für abendliche Unterhaltung. Zudem züchtet Jay Kay hier sein eigenes Gemüse. Tagsüber ist aber schwer was los: Es wird geprobt, auch das Management hat hier seinen Sitz.

Warum die Landflucht, weg aus London? 2001 empfing der Sänger einen Reporter des Rolling Stone zum Interview im Pool und erklärte: „Ich bin sehr froh, das hier mein Zuhause nennen zu können … vermutlich ist mein Garten der aufgeräumteste Teil meines Lebens.“

Die Lobpreisung des Landlebens ist im britischen Pop keine Unbekannte. Es gibt eine lange Tradition (zum Teil wunderbar ironischer) Countryside-Verherrlichungen: Man denke etwa an das Kinks-Album The Kinks Are The Village Green Preservation Society (1968) oder auch den Ohrwurm Country House (1995) von Blur. Zwei Jahre nachdem Damon Albarn über den Stadtmenschen mit dem sehr großen Haus auf dem Land sang, kaufte Jay Kay Horsenden Manor mit gerade einmal 28 Jahren für 1,5 Millionen Pfund.

K

Kopfbedeckungen In einer Anthologie der Kopfbedeckungen im Pop müsste neben Klaus Meine (Kappen) und Udo Lindenberg (Hüte) auch ein ganzes Kapitel für Jay Kay reserviert sein: Er hat sich so ziemlich alles auf den Kopf gesetzt, was irgendwie vorstellbar ist. Albern aufgeblähte Strickmützen, klassische Hüte, Federschmuck (im Wert von 6.000 Pfund, wie die Zeitung The Telegraph einmal staunend berichtete), Flatcaps, Pelzmützen, enorm große Fantasiemodelle in schreienden Farben, regelrechte Architekturen aus unsagbaren Stoffen – ganz unschöne Modelle waren darunter.

Wer denkt, es handle sich dabei um typische Stilausfälle der Neunziger wird vom ersten Video seines neuen Albums Automaton (Zweitausendsiebzehn) eines Besseren belehrt. Das jüngste Modell ist eine Cyberkappe mit leuchtenden Tentakeln und es deutet sich an – Achtung: Spoiler! –, dass es der Menschheit bisher nur aufgrnd des falschen Kopfschmucks nicht gelungen ist, Kontakt mit außerirdischen Raumschiffen aufzunehmen.

Was Jay Kay unter den Hüten verbirgt? Eine Frisur, die gar nicht so schlecht ist. Mal trägt er sie etwas länger, dann sieht er ein bisschen aus wie Bobby Gillespie von Primal Scream. Seine Hüte kombiniert er mit sportlichen Tracksuits, südamerikanischen Wollponchos oder Funktionsklamotten. Zumindest damit war er seiner Zeit absolut voraus. So blickt er dann abends gerne in den Forellenteich seines Anwesens (Horsenden Manor,) freut sich über seine Sammlung edler historischer Automobile (Schnelle Autos) und unterstützt großzügig Greenpeace. (Selbstbild).

N

Neunziger Die 1990er Jahre waren lange Zeit vollkommen out (➝ Kopfbedeckungen). Inzwischen ahnt man, dass früher vieles besser war. Die Autorin Sibylle Berg hat es ganz richtig erkannt: „Ans Internet waren erst 1,3 Millionen Rechner angeschlossen, Männer in der Lebenskrise begannen, Saxofon zu spielen statt Hasskommentare zu posten.“ Womit wir wieder bei der Musik wären. Das Saxofon begleitete uns von den 1980ern in die 1990er Jahre. Aber abgesehen davon gab es die allerschönste Musik im „Jahrzehnt der Angstfreiheit“ (Berg): Die Wahl war wirklich nicht einfach. Nirvana oder Mudhoney? Blur oder Oasis? Green Day oder The Offspring? Der Soundtrack von Trainspotting oder der von Pulp Fiction? Drum ’n’ Bass oder Trip-Hop? Das Schöne an den 1990er Jahren war: Man musste sich nicht wirklich für irgendetwas entscheiden

S

Schnelle Autos Schon auf Emergency on Planet Earth befasste sich Jay Kay nachdrücklich mit Fragen der Ökologie und des Umweltschutzes. Der Regenwald, der Treibhauseffekt, die Ausbeutung des globalen Südens – all das liefert Stoff für seine Musik, die in den frühen Jahren vor allem eine Botschaft kannte: Save the Planet!

Doch der Umweltschützer, der Greenpeace unterstützt, ist auch ein passionierter Sammler hochmotoriger Autos und besitzt neben einem eigenen Hubschrauber einen Fuhrpark von an die hundert Schlitten der Marken Aston Martin, Lamborghini, Lotus und Ferrari. Neulich erst wurde er in Westlondon in einem lindgrünen LaFerrari gesichtet, der Selfie-Jäger anzog, noch bevor sie entdeckten, wer am Steuer des Hochleistungssportwagen saß. Für Jay Kay bedeuten die Liebe zur Umwelt und die Leidenschaft für 800 PS keinen Widerspruch. „Ich finde es unglaublich schwer, den Fuß vom Gas zu nehmen“, sagt der öfter mal führerschein-freie Popstar. „Andererseits muss man Autos, die zum schnellen Fahren gebaut sind, auch genau so handhaben.“

Als Posterboy der Autolobby eignet er sich jedoch auch nur bedingt. Wie die Regionalzeitung Bucks Free Press berichtete, schloss sich der Sänger vergangenes Jahr Anwohnerprotesten gegen eine Umgehungsstraße an, die Pendler nach London entlasten sollte. Die neue Straße, erklärte Jay Kay, würde die schöne Landschaft ruinieren, kleinen Unternehmen schaden und die Ruhe auf dem Land vernichten. Immer diese Widersprüche!

Selbstbild Der Buffalo Man (Emergency), der Space Cowboy (1994), der Mann mit den tausend Hüten (Kopfbedeckungen), der Autosammler (Schnelle Autos), der Öko-Priester, der von Wodka und anderen Substanzen vernebelte Party-Hedonist, der Tänzer, der Boot-Cut-Träger (Neunziger), der passionierte Gärtner (Horsenden Manor), der ewige Single, der Romantiker, der sich ein Landleben mit Familie wünscht, der findige Geldanleger (Horsenden Manor), der Popstar, der 27 Millionen Alben verkauft hat, der begnadete Sänger: All das ist der 1969 in Stretford geborene Jason Luís „Jay Kay“ Cheetham.

Der Mann schillert in vielen Facetten, doch wie sieht er sich selbst? „I think it is easy for people to build up an image of what I’m about. I consider myself quite a nice chappy really. I’m decent to people, I stay in and listen to Radio 4.“

Z

Zweitausendsiebzehn Dieser Tage erscheint das achte Jamiroquai-Album Automaton. Natürlich klingt es nicht mehr wie 1993, doch irgendwie auch nicht ganz nach 2017. Es klingt in manchen Momenten, als hätte Jay Kay sehr viel Daft Punk gehört. Der Futurismus, den er auf „Automaton“ beschwört, klingt schon heute ein wenig in die Jahre gekommen. Er singt jetzt über künstliche Intelligenz und die unschönen Folgen der Digitalisierung. „Die Menschen vergessen die schönen, einfachen Dinge“, so Jay Kay. „Auch das menschliche Miteinander.“

Im Video zum Titeltrack Automaton spielt er einen Cyberroboter mit blinkendem Kopfschmuck (➝ Kopfbedeckungen), dessen Antennen ein- und auch wieder ausgefahren werden können. Der Sound dazu ist weniger albern, als vielmehr okayer, zackiger Elektro-Funk. Die zweite Single Cloud 9 ist klassischer Midtempo-Disco-Funk-Pop und zeigt im Video Jay Kay als Tänzer und Ferrari-Fahrer (➝ Ökologie). Bestes Stück des Albums ist das flotte Superfresh, in dem Jamiroquai endlich mal deutlich an der Temposchraube drehen. Alles in allem: eher Durchschnitt.

06:00 31.03.2017

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