Jan O. aus dem slowakischen Nationalreservat

Ostwind Kolumne: Episoden aus Osteuropa (2)

In der ersten Folge seiner Spaziergänge durch Osteuropa hatte Martin Leidenfrost mit Gagausien eine kleine, von niemandem außer sich selbst anerkannte Republik in Bessarabien besucht - ein 180.000-Seelen-Ländchen, mitten im postsowjetischen Problemknäuel Moldawiens. Diesmal hat es ihn in die nordslowakische Gemeinde Hlboké nad Váhom verschlagen, wo die extrem-nationalistische Partei SNS jüngst bei den Parlamentswahlen auf sagenhafte 39 Prozent kam und ein Mann geboren wurde, der in England wegen Kannibalismus vor Gericht stehen wird.

An diesem Herbstmorgen empfängt mich die freundlichste Dorfidylle, die mir in Mitteleuropa je begegnet ist. Die Sonne bricht durch die Nebelschwaden des umliegenden Berglands, ein Bächlein rauscht, zwei Hähne steigen auf geschnittenem Jungholz herum. Hungrig von der Anreise trete ich in den kleinen Lebensmittelladen Potraviny Mix und frage, wo man in Hlboké frühstücken kann. Das 900-Seelen-Dorf ist auf Touristen nicht eingerichtet, erfahre ich. Kein Café, keine Pension. Die Verkäuferin greift zu ihrer privaten Kaffeedose und bereitet mir einen Kaffee mit Milch und Zucker. Geld nimmt sie keins dafür.

Ich wandere zum Wasserfall. Punkt zehn Uhr dröhnt plötzlich ein alter Schlager aus sämtlichen Lautsprechern, laut und bombastisch. Anderthalb Minuten, dann bricht das slowakische Liebesduett unvermittelt ab, und eine Frauenstimme gibt die Sonderangebote des Tages durch. Einige Hausfrauen stehen in ihren Vorgärten mit prüfender Miene vor ihren Beeten und hören von Waschpulver und Tomaten. Dann wieder ein halber Schlager, ruppiger Abbruch, ein Knacken, Stille.

Das Wasserfall ist im Wald versteckt. Ich erfrische mich dort und spaziere beschwingt in das Dorf zurück, das ich am Morgen mit Unbehagen betreten habe. Ich befinde mich im ethnisch reinsten Landstrich des ansonsten multinationalen Landes, im Nationalreservat der slowakischen Nation. Hier sind die Slowaken unter sich. Und ich bin hergekommen, der Bestie ins Antlitz zu schauen. Der Bestie, dargestellt von Ján. O. und Ján S., dem Menschenfresser und dem Volksverhetzer.

Ján O. ist ein junger Mann aus Hlboké, ein geschickter Tischler, der zum Arbeiten nach England ging. Dort überfiel er eines Tages ein Rentnerpaar und aß im Laufe seiner Attacken Finger, Wange und Brustwarzen zweier Männer. Die Opfer überlebten schwer verletzt - Ján O. wartet auf seinen Prozess.

Ján S. ist langjähriger Parteichef der Slowakischen Nationalpartei (SNS), die seit kurzem Juniorpartner in der Regierung ist. Von Bier und Cognac enthemmt, zieht S. gegen Roma, Schwule und Frauen vom Leder, am liebsten aber gegen die ungarische Minderheit, deren Vertreter er mindestens als "lumpy" und "gauneri" beschimpft.

Die Nationalisten wissen ihre traditionelle Hochburg im slowakischen Nationalreservat. Zuletzt haben landesweit zwölf Prozent für den Mann gestimmt, der mit der Einebnung Budapests droht - in den Landkreisen an der oberen Waag waren es bis zu 30 Prozent. Den Rekord hält Hlboké: 38,82.

Auch wenn ich durch ihn auf Hlboké gestoßen bin, frage ich nicht nach dem Kannibalen. Ich suche nicht sein Elternhaus, das in allen Zeitungen abgebildet war, und frage keine Gleichaltrigen: Wie fühlt es sich an, mit einem Menschenfresser die Schulbank gedrückt zu haben? Ich will nicht wissen, wie der eine tickt, der ausgerastet ist. Ich will wissen, wie das Dorf tickt.

Also höre ich mir die Leute an: Die abgewanderten Jungen versorgen ihre Eltern mit. Die mittlere Generation hat zwar Arbeit, kann aber kaum davon leben. Die Verkäuferin, jung verwitwet, macht 180 Euro, ein Arbeiter an der Autobahn kriegt 230. Der Bürgermeister, den sie Richtar nennen, ist von der SNS. An Glanz gewann er 1998. Da setzte er in einem Referendum die Abspaltung von Bytca durch, der nahen Kleinstadt, in die Hlboké einst eingemeindet worden war. Der Richtar habe seine Datsche aus dem kommunalen Haushalt finanziert, tuschelt man. Drei Dinge hält man ihm zugute: die Wasserleitung, die Gasleitung, das Kabelnetz.

Ich weiß, ich muss endlich nach den 38,82 Prozent fragen. Ich gehe im Geiste Fragetechniken durch und wähle den Holzhammer. Vor dem Potraviny Mix steht eine Holzbank, auf der zwei raue Kerle mittleren Alters sitzen, die Hand am Bier und die Klamotten dreckig. Ich trete vor sie hin und schaue sie an: "Warum wählen hier so viele die SNS?"

Die anschließende Pause kommt mir lang vor. "Wir sind Slowaken", sagt schließlich der eine und stiert missmutig auf sein Bier. Er murmelt ein paar unverständliche Dinge, die ich für Verwünschungen halte. "Lassen wir die Politik!", dann verschwindet er. Der andere ist von mir angetan, und bevor er hinter den Potraviny Mix austreten geht, bittet er mich, nicht wegzulaufen. Jozko hat Zeit, er arbeitet an der Autobahn, hat diese Woche frei. Ich setze mich, und wir reden.

Es stellt sich heraus, dass Jozko alles bereithält, was in Hlboké nicht zu vermuten ist: Er verachtet die Nationalisten und liebt die Ungarn der Slowakei. Er teilt die Menschheit in zwei Gruppen: Wen er schätzt, den nennt er beim Vornamen - wen er kritisiert, den nennt er einen Schwanz. Dem Bürgermeister sage er immer: "Dusan, du bist ein Schwanz!"

Um der "ganzen Bande" eins auszuwischen, wählt Jozko die Ungarnpartei, und wenn deren Vorsitzender im Fernsehen auftritt, fiebert er mit. "Belà ist ein solider Kerl". Er spricht den Vornamen mit einer zärtlichen Vertrautheit aus, als hätte er mit "Belà" gerade noch zwölf Stunden auf der Baustelle gestanden.

Weitere Dörfler kommen herbei, darunter die Frau des einzigen ethnischen Ungarn, den es nach Hlboké verschlagen hat. Ihr Mann kann nicht mehr arbeiten, klagt sie, ihm droht eine Amputation des Beins. Sie schimpft auf das Sozialsystem und hat auch einen Schuldigen ausgemacht: Brüssel. "Das hat uns die EU gebracht!", ruft sie - und beweist damit europäische Normalität.

Jozko gerieten seine umstürzlerischen Reden umso lästerlicher und "verschwanzter", je mehr Bierchen der lokalen Sorte Popper er sich spendieren ließ. Ich wäre gern noch geblieben, doch dann stand ein Bus vor dem Potraviny Mix bereit. Und bevor ein Schatten auf das anarchische Idyll fiel, fuhr ich lieber davon.


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00:00 27.10.2006

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